Kommt Zeit, kommt Rat

Editorial

»Ein westliches ›Embargo‹ würde so gedeichselt, dass es der Wirtschaft nicht weh tut. Oder nach Shakespeare: ›Wo Geld vorangeht, sind alle Wege offen‹.«

16. Mai 2014

Die Menschheit unterteilt sich im Wesentlichen in Niederbayern (ohne Komma und Ausrufezeichen, liebe 60er!) und Nichtbayern. Der Rest (um München herum) ist Schweigen … Ach ja, Shakespeare und sein oder nicht sein 450. Geburtstag.

Der Hostamark Anton (da Doni) ist Niederbayer, genauer gesagt ein ›Woidler‹, also aus der Gegend zwischen Donau und Böhmen, in die sich nicht einmal die alten Römer trauten. Trotzdem hat er – wie die meisten jener Waldmenschen – Großes Latinum. Und eine Mordswut auf die alberne, neonordische Aussprache, die Käsar ›viki‹ sagen lässt und uns ein Dekimalsystem aufnötigt und den Amis eine Kinderella – bloß damit der Preußen-Kaiser nicht zum Zaiserl degradiert wird – schimpft da Doni und plädiert dann für den Anschluss ›seines‹ Waldes an die Ostmark. Besonders gerne schimpft da Doni dann, wenn er auf Entzug, also unter drei Mass ist, was, wenn man einen Zug und eine Statur hat wie da Doni, 1,2 Promille entspricht – für ihn zu wenig des Guten.

William, Wilhelm, Ur-Käsar, Anschluss: Neulich hat mich der Doni im Wirtshaus angefahren: »Ia Schurnalist’n« – ich bin zwar kein Journalist, aber immerhin dankbar, dass er nicht neumodisch »Tschörnalyst« gesagt hat – »kenntses ja goa ned dawart’n, bis dass’s kracht: 1914, 1914, 1914 … So a Scharrn: Mia ham 2014 – und weit un’ breit koan Milidarismus ned.« »Aber einen kleinen Mann von auch psychisch fragwürdigem Format«, werfe ich ein.

»Sind nicht alle Politiker gaga?«, fragt er rein rhetorisch, unvermittelt von der hochdeutschen Mundart in druckreifen hochdeutschen Standard verfallend. »Die verkaufen uns nicht für dumm, die können nicht anders. Zu kleine Männer und Frauen mit dem Wunsch nach Größe. Ehrenwerte Männer und Frauen, denen die Liebe zur Macht wichtiger ist als die Liebe zur Wahrheit. Ehrenwerte Gesellschaften, die immer noch Dümmere finden, die sich die Hände schmutzig machen und zur Waffe greifen, wie jetzt da unten in Putanisch Südwest. Von ihm seien die Waffen nicht, sagt Putus, die könne man in jedem Laden kaufen, auch die Originale, die nur seine Armee besitzt, und deren Uniformen, LKWs und Nummernschilder. Wir müssen Putus glauben, denn Putus ist ein ehrenwerter Mann. Kimm, geh weida, Schantoi, no a Mass!«

Die Wirtschafts-Wissenschaftlerin Chantal Zitzlsberger kennt Bedürfnisse und Rhythmus der Stammkunden und serviert just-in-time. »Die putanisch Uniformierten, die vor Kameras zugeben, putanische Soldaten zu sein, die schon bessere Tage gesehen hätten und jetzt Morgenluft witterten, seien in Wirklichkeit Agenten jener herrschsüchtigen Usurpatoren, die einfach Regierungsposten und Parlamentssitze besetzten – und putanisch bevölkertes Land, sagt der ehrenwerte Putus. Feindagenten auch die antiputanischen Leichen in adretten, unversehrten antiputischen Uniformen und mit nagelneuen Waffen, die ehrenwerte putanischblütige Befreier aus ausgebrannten Autos geholt hatten. Das ist nicht, und das wird auch nimmer gut! Doch Putus habe damit nichts zu tun, sagt Putus. Was wir glauben, ist der große Putus doch ein zwar kleiner, aber ehrenwerter Mann!« Auftritt Chantal, bebiert.

»Erbäten jedoch putanische Blutsverwandte Hilfe, könne er sich dem Volkeswillen nicht verweigern, sagt der lupenrein demokratische und ehrenwerte Putus, und müsse aus humanitären Gründen eineilen. Ist dies auch Wahnsinn, so hat es doch Methode.«

Da Doni zieht an der sechsten Mass - jetzt hat er Betriebstemperatur, und er redet und redet und redet: von ohnmächtigen Machthabenwollern, die, weil etwas faul ist im Staate, die ganze Welt in ihren Krieg hetzen möchten; davon, dass in Putanisch Südwest eine kleine, aber laute Minderheit mörderischer, putaler Radikalinskis, primitivster Mob und Pöbel, und nicht das Volk den Ton angebe; von Panik in Tallin, Riga und Vilnius und Unruhe in Davos, Kitzbühel und Baden-Baden, wo schon die ersten putanischen Uniformen, LKWs und Nummernschilder in Schaufenstern aufgetaucht sein sollen, was aber nicht stimme, denn Putus sei ...

Nach Mass numero 9 entfaltet der Hopfen allmählich seine sedierende Wirkung: Putus sei klug und wisse um die Schlagkraft seiner Atlantikflotte winters, versänken ein paar alte Dampfer als Sperren in Bosporus, Öresund und Belt; und dass er sich schon deshalb nicht mit dem Westen anlege, auch wenn er dessen Drohungen ungefähr so fürchte wie der Terminator Barbie und Ken.

Aufs putanische Gas, der erfolgreichen Energiewende sei Dank, seien wir bald nicht mehr angewiesen. Und die westliche Industrie könne zur Not auch auf die drei, vier Prozent Export nach Putanien verzichten, weil sie zu 95 Prozent ausgelastet sei, beruhigt da Doni weiter, und müsse ohnehin kein politisches Schaufenster-Embargo fürchten, denn das geriete so dicht wie ein Nudelsieb.

Da Doni stürzt einen Bärwurz hinunter und dann hinaus: Mit Alkohol hat seine Blase nicht gerechnet. Gut gebrüllt, Löwe!

Hans-Georg Schätzl

Erschienen in Ausgabe: 03/2014