Klein, aber uhu!

Ein Stahlhersteller bekam Zuwachs: rundliche, beige-graue Wollknäuel mit gelben Augen, Schnabel und scharfen Krallen – so sieht der Nachwuchs bei Familie Bubo bubo aus, wie der wissenschaftliche Name des Uhus lautet.

17. Juli 2015
Klein, aber uhu: Schon über 1,1 Kilogramm bringt der Uhu-Nachwuchs auf die Waage. (Bild: Thyssenkrupp Steel Europe)
Bild 1: Klein, aber uhu! (Klein, aber uhu: Schon über 1,1 Kilogramm bringt der Uhu-Nachwuchs auf die Waage. (Bild: Thyssenkrupp Steel Europe))

Drei Junge der unter Naturschutz stehenden Vogelart sind im Mai geschlüpft. Der Anblick einer Uhu-Familie hat nach wie vor Seltenheitswert, da der natürliche Lebensraum des Nachtjägers immer begrenzter wird. Zur Ansiedlung und zum Erhalt dieser größten europäischen Eule hat Thyssenkrupp Steel Europe auf dem Gelände der Deponie Wehofen-Nord in Dinslaken einen Nistkasten in 15 Metern Höhe aufgestellt. Für die drei geschlüpften Männchen stand jetzt ein wichtiger Termin an: Sie wurden von einem Uhu-Fachmann aus den Niederlanden beringt. Auch wenn die Kleinen erst ein paar Wochen alt waren, wogen sie schon über ein Kilogramm und waren etwa 25 Zentimeter groß.

Deponiefläche und grüne Natur sind heutzutage keine Gegensätze mehr. Viele Deponien und Halden sind mittlerweile renaturierte, ökologisch kontrollierte Gebiete, die der Naherholung dienen. Vergleichbares gilt auch für die nicht mehr im Betrieb befindlichen Flächen der Deponie Wehofen-Nord in Dinslakens. Dort ist in den vergangenen Jahren Raum für wild lebende Tier- und Pflanzenarten geschaffen worden. 2011 wurde der Biologe Ingo Bünning von Thyssenkrupp Steel Europe mit der ökologischen Baubegleitung beauftragt, der seitdem auch die Renaturierung der stillgelegten Flächen beaufsichtigt und dokumentiert. „Viele geschützte Arten siedeln sich gerne auf solchen Deponien und Halden an. Über die Jahre entstehen so komplett neue Lebensräume“, erläutert Bünning. „Wir haben hier auf der Werksdeponie vor Ort im Frühjahr Kotspuren und Gewölle von Uhus identifiziert. Uns war dann klar, dass die Vögel Nahrungsgäste auf der Deponie sind. Wir haben uns dann entschieden, etwas zu tun und den Uhus mit Hilfe von Thyssenkrupp Steel Europe und der fachlichen Unterstützung von Walter Hingmann, einem Uhu-Experten am Niederrhein, eine Nisthilfe gebaut“, so der Biologe. Und tatsächlich hat ein Uhu-Paar den geschützten, in luftiger Höhe installierten Platz bald in Beschlag genommen, um Nachwuchs zur Welt zu bringen. Regelmäßig wurde der Nistplatz kontrolliert und im Mai war es soweit: Drei kleine Uhus waren geschlüpft. „In dieser Phase ist Ruhe besonders wichtig“, erklärt Bünning. „Gibt es zum Beispiel während der Brutphase Störungen, kehren die Vögel oft nicht mehr zum Nest zurück“. Auf der Werksdeponie Wehofen-Nord fanden die Uhu-Eltern Ruhe und Abgeschiedenheit und vor allem ausreichend Nahrung, um ihren Nachwuchs aufzuziehen.

Wenn Gejo Wassink von der „OehoeWerkgroep Nederland” kommt, herrscht bei Uhu-Familien immer ein wenig Aufregung. Denn der Niederländer ist einer der ganz wenigen Experten, die das Beringen der Vögel vornehmen dürfen. Und diese Aufgabe ist wichtig: „Ich erforsche Uhu-Populationen in den Niederlanden und im Westen Deutschlands“, erzählt Wassink. „Das Beringen gibt uns zum Beispiel Aufschluss über das Migrationsverhalten. Das sind für den Artenschutz wichtige Informationen.“ Denn obwohl ihre Zahl nicht mehr zurückgeht, sind Uhus nach dem Bundesnaturschutzgesetz weiterhin eine streng geschützte Art. Auch die Wehofener Uhus wurden so erfasst und dokumentiert. Nach dem Beringen setzte Wassink die stattlichen Jungvögel wieder behutsam zurück in den Nistplatz. „Die Deponie bietet den Vögeln eine tolle Umgebung“, freut sich der Ornithologe. „Dieser Ort ist durch ihre Hügel besonders gut geeignet. Uhus sind Jagdvögel und brauchen erhöhte Stellen, um nach Beute Ausschau zu halten.“ Die Tierwelt auf dem Gelände bietet für die Uhus eine ideale Nahrungsgrundlage. „Für viele Menschen sind solche durch die Industrie geschaffenen Gebiete keine Natur. Aber das stimmt nicht. Flächen wie diese hier in Wehofen sind hervorragende, wiedergewonnene Naturreservate“, betont Wassink. Die flügge gewordenen Dinslakener Uhus werden noch einige Monate von ihren Eltern versorgt, dann trennen sich ihre Wege endgültig.