Italiener ticken anders

Globo

Das ›Dolce far niente‹ soll den Italienern im Blut liegen – nur eines von vielen falschen deutschen Vorurteilen.

08. Juni 2011

Wenn’s ums Arbeiten geht, kennen Italiener keinen Schmerz. Sie schuften schwer und nicht selten länger als ihre Kollegen jenseits der Alpen. Das ist die Erfahrung Norbert Rosenbichlers, der Leiter des Voestalpine-Büros in Mailand. Voestalpine sitzt seit mehr als 50 Jahren in Mailand, und die meisten Kunden sind den Österreichern seit über 30 Jahren treu verbunden.

Die italienische Stahlbranche sowie deren Abnehmer litten immer noch unter den Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise, beobachtet Rosenbichler. Manche Werke seien nur etwa 75 Prozent ausgelastet, doch sei der Aufschwung angekommen und die Branche zuversichtlich. Die Lage sei nicht gerade leichter geworden durch den Aufbau zusätzlicher Produktionskapazitäten in Norditalien.

Hinzu komme die extreme Preisvolatilität, die in Italien stärker ausfalle als bei uns. Die Preise werden oft kurzfristig festgelegt. Der Preis reagiere bereits auf das Anlanden einer einzigen Schiffsladung.

In Verkaufsverhandlungen sei es keineswegs unüblich, ein bereits vorgelegtes Angebot im Verlaufe eines persönlichen Gespräches – für das man sich in Italien viel Zeit nehme – auch einmal um zehn Prozent zu senken.

Eine weitere Erschwernis sei für die Industrie in Italien die Kapitalbeschaffung. Die Banken seien zurückhaltend, und so müssten die Lieferanten heute im Vergleich zu ihren westeuropäischen Kollegen weitaus längere Zahlungsziele einräumen – eine wesentliche Voraussetzung für erfolgreiche Geschäfte in Italien. Norbert Rosenbichler abschließend: »In Italien können Sie alles erleben und alles machen: die besten Geschäfte ebenso wie die schlechtesten.«

Hans Georg Diederichs

Erschienen in Ausgabe: 03/2011