Ist Geiz geil? Macht Gier dumm?

Editorial
15. Februar 2011

Bekanntlich sind nicht alle Menschen gleich klug. So bieten einige Autohersteller ein anpassungsfähiges, ›intelligentes‹ Fahrlicht an, das eigentlich ein permanentes Fernlicht ist, das nur dann dosiert abblendet, wenn eine Sensorkamera hinreichend starkes Gegenlicht registriert. Fußgänger und langsame Radfahrer werden zwar vom Autofahrer früher erkannt (was gut ist), von der Kamera aber vermutlich gar nicht – und deshalb volle Kanne niedergebeamt (was schlecht ist), wenn sie sich nicht mit starken Leuchten bemerkbar machen; der Sensor befindet sich am Innenspiegel. Ein Automobilklub, dem unbeblechte Menschen egal zu sein scheinen, hat eine solche Erfindung auch noch prämiert. Der Gesetzgeber sollte, wenn nicht ohnehin § 1 der StVO greift, solchem Unfug schnellstens ein Ende bereiten. Aber der Gesetzgeber hat ja gerade das Tagfahrlicht erzwungen und so unmotorisierte Verkehrsteilnehmer noch ein wenig ›unsichtbarer‹ gemacht.

Anderes Beispiel: Ein Betreiber von Schienenwegen gibt Milliarden für die Verkürzung einer Fahrt von München nach Hannover um wenige Minuten aus, statt sich um die unumstrittene Begradigung einer Schleichstrecke zwischen Frankfurt und Basel oder wenigstens um die weit dringendere Sicherung der eingleisigen Strecken zu kümmern.

Zum Dritten: Einige Einkaufsabteilungen einiger Automobilhersteller glauben, man könne in einer Partnerschaft gleichzeitig würgen und Das dürfte auf Dauer nicht gut gehen, so wie man eine Kuh nicht gleichzeitig melken und schlachten kann. Jetzt sollen die Zulieferer, so berichten drei namhafte Verbände aus der Metallbranche, ihren OEM-Kunden sogar Vorauszahlungen (für künftige Rationalisierungseffekte) leisten, um überhaupt Aufträge zu erhalten. Vorauszahlungen für Aufträge – wie nennt man das gleich wieder? ›Das hat Geschmäckle‹ reicht wohl nicht. Philosophen, Ethiker und Juristen mögen klären, ob ein solches Ansinnen sittenwidrig ist. Sitte war es jedenfalls bisher nicht.

Anderes Beispiel: Fast alle früheren Bundes- und viele andere Regierungen heuchelten, den ›Entwicklungshilfe‹-Etat auf beeindruckende 0,7 Prozent (inzwischen nur noch 0,5 Prozent) des Bruttosozial- oder -inlandsproduktes anheben zu wollen und schafften bestenfalls die Hälfte – und selbst das war/ist vielen Bürgern des christlich nächstenliebenden Abendlandes zu viel: »Wir haben ja selber nichts«. Die durch und durch unchristlichen Chinesen (die ihrerseits immer noch Entwicklungshilfe kassieren) dagegen geben inzwischen 110 Milliarden Dollar (entsprechend 2 Prozent des BIP, aber das wäre Äpfel mit Birnen verglichen) als Kredite an die 3. Welt und sichern sich so wichtige Rohstoffmärkte. Damit werden die Rohstoffpreise für die westlichen Industrieländer gewaltig ansteigen, was ein Vielfaches der ›eingesparten‹ Entwicklungshilfe ausmachen wird. Was wir letztes Jahr am Stahlmarkt erlebten, wird dann nur ein schwaches Vorspiel gewesen sein – lupenreines Futur 2, haben Sies gemerkt?

Wenden wir uns wichtigeren Dingen zu: Die Stammleser und vor allem die Abonnenten der Blech InForm werden sich über das Aussehen und den Namen ihrer Lieblingslektüre wundern. Die Lösung: Die Blech InForm geht in der bbr auf. Es entgeht Ihnen dadurch nichts, denn die Themen der Blech InForm wurden auch schon bisher in der bbr behandelt. Und einige bisher exklusive Blech-InForm-Rubriken werden in die bbr übernommen: die Glosse des nun als Herausgeber der bbr fungierenden Prof. Dr. Hartmut Hoffmann von der TU München etwa, die Informationsseiten des IBU oder das Kurzinterview am Ende des Heftes. Und ab April werden Sie auch ›Das Neueste im Netz‹ wiederfinden. Sie sehen also, dass es keine Floskel ist, wenn das bbr-Team den bisherigen Blech-InForm-Lesern und -Kunden zuruft: »Herzlich willkommen!«

Hans-Georg Schätzl

Erschienen in Ausgabe: 01/2011