Fokus: Stahl

Neue Regeln beim Stahleinkauf

Der MBI Stahltag in Frankfurt am Main behandelte nahezu sämtliche Aspekte des Stahleinkaufs: von der Entwicklung der Märkte, Rohstoff- und Stahlpreise über Strafzölle und Datenanalysen im Einkauf bis zu Logistikproblemen.

07. November 2018
Vielfältig waren die Themen auf dem MBI Stahltag in Frankfurt am Main. Bild: Diederichs
Vielfältig waren die Themen auf dem MBI Stahltag in Frankfurt am Main. (Bild: Diederichs)

Den Auftakt des MBI Stahltags 2018 gestaltete Dr. Henrik Adam, CCO von Tata Steel Europe. In seinem Vortrag ›Delivering a Responsible Supply Chain. The role of the steel industry towards a transparent supply chain‹ sprach er über Nachhaltigkeit und Transparenz in der Lieferkette: Die Kunden verlangten heute nach mehr Transparenz und fragten stärker nach der Herkunft der Rohstoffe, so Dr. Adam. 

Die Risiken, die man in der Lieferkette beachten müsse, sind vielfältig. Dazu gehören Kinder- und Zwangsarbeit, Umweltverschmutzung, Gesundheits- und Sicherheitsaspekte, mögliche Korruption bei Lieferung aus bestimmten Regionen sowie die Zerstörung von Existenzgrundlagen und ganzen Lebensräumen durch offenen Tagebau. Die Gesellschaft erwartet, dass sich die Geschäftswelt an der Nachhaltigkeit beteiligt, erklärte der Tata-Manager. Lösungen dazu liegen in der sorgfältigen Überprüfung der Lieferkette sowie in entsprechender Zertifizierung und Technologie. »Wir stehen gemeinsam vor der Herausforderung und müssen gemeinsam dazu beitragen, diese Herausforderung zu meistern«, endete Dr. Adam.

Jochen Grünewald, Managing Director Flat Products bei Arcelormittal Commercial Germany, stellte in seinem Vortrag ›Zukunft mit Stahl: Innovation und Verantwortung für nachhaltige Produkte‹ zunächst die Arcelormittal-Produkte ›Armstrong‹, ›Armstrong Ultra‹, ›Relia‹ und ›Jetskin‹ sowie den klimaschonenden Herstellungsprozess ›Jet Vapour Deposition‹ (JVD) vor. Anschließend sprach Grünewald über die im Jahr 2016 gegründete Non-Profit-Organisation ›Responsible Steel‹. Die Organisation will mit einer globalen Multi-Stakeholder-Herangehensweise ein Zertifizierungsprogramm für die Stahl-Wertschöpfungskette etablieren. Mitglieder sind globale Gruppen von Organisationen und Interessengruppen, die mit der Stahlindustrie zu tun haben und sich mit branchenspezifischen Herausforderungen und Chancen für die Nachhaltigkeit befassen. Dazu gehören unter anderen Stahlproduzenten, NGOs und Organisationen der Zivilgesellschaft, Gewerkschaften, politische Organisationen und industrielle Nutzer von Stahl.

Das Responsible-Steel-Zertifizierungsprogramm basiert auf zwei Standards: dem Responsible-Steel-Fertigungsstandard und dem Responsible-Steel-Beschaffungsstandard. Der Fertigungsstandard liefert überprüfbare Leistungsanforderungen für Stahlwerke. Er wird voraussichtlich im Februar 2019 fertiggestellt sein. 

Die Entwicklung des Standards basiert auf zwei 60-tägigen öffentlichen Konsultationen; erste Konsultation von Juni bis August 2018. Die zweite Konsultationsreihe läuft von November 2018 bis Januar 2019. Die Zertifizierung nach dem Leistungsstandard ermöglicht Stahlproduzenten, zu erklären, dass ihre Standorte Responsible-Steel-zertifiziert sind.

›Auswirkungen von Strafzöllen und Protektionismus auf den Mittelstand‹, so lautete der Titel des Referats von Dr. Heinz-Jürgen Büchner, Managing Director Industrials, Automotive & Services, Deutsche Industriebank. Er erläuterte, dass der Welthandel sich von dem Dämpfer im Frühjahr erholt habe. Die starke Dynamik zum Ende von 2017 habe unter anderem aufgrund zunehmender Sorge vor einem weltweiten Handelskonflikt nicht gehalten werden können. 

Die globale Industrieproduktion habe hingegen ihre Aufwärtsbewegung leicht verlangsamt fortgesetzt. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Unsicherheiten im ersten Halbjahr 2018, wie etwa handelspolitische Konflikte, wirtschaftliche Krisen in einigen Schwellenländern sowie zögerliche Brexit-Verhandlungen, zeige sich die Weltwirtschaft erstaunlich robust. Dr. Büchner erklärte, dass die USA sich weiterhin auf einem Wachstumskurs befänden. Die guten US-Stimmungswerte für Haushalte wie auch Unternehmen beruhten weiterhin zu einem großen Maß auf dem hohen Beschäftigungsniveau sowie den US-Steuererleichterungen. Investitionen infolge der Unwetter sowie die Steuererleichterungen werden das Haushaltsdefizit ausweiten und die Konjunktur stimulieren. Dies stütze das Wachstum 2018 und gebe der Fed Raum für weitere Zinsschritte. 

China verzeichne trotz Abschwächung immer noch ein starkes Wachstum. Die Industrieproduktion überstieg den vergleichbaren Vorjahreswert bis Ende Juli 2018 in jedem Monat um sechs bis sieben Prozent, sodass ein durchschnittlicher Anstieg von wenigstens sechs Prozent im Gesamtjahr zu erwarten sein dürfe. 

Mit einem Wirtschaftswachstum von 0,4 Prozent im ersten und revidiert im zweiten Quartal bleibe die Konjunktur für die Euro-Zone grundsätzlich intakt. Die Aufwärtsrevision gehe vor allem auf Deutschland und die Niederlande zurück, wo das Wachstum stärker ausgefallen sei als ursprünglich erwartet. Die wirtschaftliche Belebung sei nach wie vor regional breit aufgestellt. Alle Euro-Länder, für die bisher Zahlen vorlägen, hätten zur Dynamik beitragen können. Die Schlusslichter bildeten Frankreich und Italien. Zudem schienen sich europäische Frühindikatoren zu stabilisieren und weiterhin auf Expansion hinzudeuten.

Geschäftsklima deutlich aufgehellt

Die deutsche Wirtschaft sei im zweiten Quartal 2018 um 0,4 Prozent gegenüber dem vorherigen Quartal gewachsen, erklärte Büchner. Im Gesamtjahr 2018 sei mit einem Wachstum um zwei Prozent zu rechnen. Das Ifo-Geschäftsklima hat sich im August deutlich aufgehellt: Sowohl die Einschätzung zur aktuellen Lage als auch die verbesserten Geschäftsperspektiven haben laut Büchner dazu beigetragen. Zwar befänden sich die Auftragseingänge weiter im Abwärtstrend und signalisierten keine Trendwende; das Auftragspolster würde aber weiterhin als sehr gut bezeichnet.

In seinen weiteren Ausführungen ging Dr. Heinz-Jürgen Büchner auf den fortschreitenden weltweiten Protektionismus, den US-Stahlmarkt und seine Importabhängigkeit sowie auf den Einfluss von Zöllen und Protektionismus auf ausgewählte Branchen ein.

Hans Georg Diederichs, Fachjournalist aus Grevenbroich

Erschienen in Ausgabe: 07/2018

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