»Unsere Kunden sind verwöhnt«

Titel/Laserschneiden

Das Ländle ist voller ›Hidden Champions‹ – Unternehmen mit manchmal weltweit einmaligem Know-how – einer dieser Champions ist die Ätztechnik Herz Laser GmbH & Co. KG, hidden in Epfendorf am Neckar.

08. Juni 2015

Der Redaktör hat’s schwör – manchmal: Da liegen in der Vitrine eines Unternehmens so schöne Dinge, die in seiner Zeitschrift ebenso schön aussähen, aber er darf nicht. Er darf nicht fotografieren, weil der Kunde oder ein Kunde des Kunden jenes Unternehmens etwas dagegen haben könnte.

Wenn diese Kunden selbst dann noch etwas gegen eine Veröffentlichung haben, wenn man sein Produkt längst kaufen, also auch gründlich untersuchen kann, dann liegt diese Geheimnistuerei nicht am Produkt, sondern an der Herstellungsmethode, die man dem Wettbewerb nicht unbedingt auf die Nase binden will. Eine Methode, die nicht jeder kann.

Besonders heikel in solchen Dingen ist die Automobilindustrie, und noch heikler als die OEMs, weil ängstlicher, sind ihre Zulieferer. Ähnlich vorsichtig sind diese Zulieferer, wenn es um die Auswahl ihrer Lieferanten geht. Da fragt man doch lieber nochmal bei seinem Auftraggeber nach, wen sie empfählen. Welch eine Erleichterung, wenn er dann gleich von zweien dieser Auftraggeber, natürlich unabhängig voneinander, innerhalb weniger Tage hört: »Gehen Sie doch zu …, die können das!«

Die, das sind die ›Hidden Champions‹ dieses Landes, von denen es nicht wenige speziell im Schwarzwald gibt. Tüftler, die zwar in gewisser Hinsicht die feinmechanische Tradition der Region fortsetzen, aber mit der Herstellung von Kuckucks- und anderen Uhren nicht mehr viel zu tun haben. Viel mehr dagegen mit der Elektrotechnik, der Elektromechanik, der Medizintechnik, der Luft- und Raumfahrttechnik, dem Maschinenbau und der Automobilindustrie, aber auch mit der Herstellung von Weihnachtsschmuck.

Laser-Sachverstand vom Anfang bis zum Ende

Einer dieser ist Hidden Champions ist die Herz Lasertechnik aus Epfendorf am Neckar, ein Sieben-Mann/Frau-Unternehmen, bei dem auch die ganz Großen gerne anklopfen. Leiterin ist Angelika Loff, die dank ihrer technisch-kaufmännischen Ausbildung und 17 Jahren Berufserfahrung die Auftragsabwicklung komplett von der Anfrage bis zur Auslieferung im Griff hat. Für den anfragenden Kunden bedeutet das laut Geschäftsführer Steffen Herz: »Er hat keinen geschwätzigen Vertriebler am Telefon, sondern Laser-Sachverstand, technische Kompetenz, zuverlässig, verbindlich.«

Von der Anfrage bis zur Auslieferung, das dauert in der Regel nur wenige Stunden – zumindest dann, wenn die CAD-Daten des Kunden in Ordnung sind. »Unser Ziel ist es, demnächst, kleinere Aufträge, die uns vormittags erreichen, noch am gleichen Tag auszuliefern, also nahezu einen 24/7-Service zu bieten. Dafür arbeiten wir in zwei Schichten. Mehr ist nur in Ausnahmefällen sinnvoll, denn Geisterschichten haben ihre Kapazitätsgrenzen«, erläutert Steffen Herz. Diesem Ziel kommt man schon sehr nahe, zumindest muss der Kunde nur einige Stunden, oft nur Minuten auf ein Angebot warten. Und spätestens nach 48 Stunden werden die ersten Teile geliefert.

Die Anfragen kommen meist online. Ganz automatisch, also Bestellung 4.0, werden die Aufträge allerdings noch nicht abgewickelt, aber bei 3.8 ist man schon. Steffen Herz: »Machbarkeit, Qualitätsanforderungen und Preis müssen vom Menschen, das heißt bei uns von Frau Loff, geklärt werden.« Auch auf Stimmigkeit der Werkstückdaten achtet sie: »Wir bekommen oft Datenmüll aus den CAD-Systemen, zum Beispiel unbenutzte Layer. Was wir brauchen, ist die fertige Abwicklung. Die sollte ein zeitgemäßes CAD-Programm eigentlich liefern können – unter Berücksichtigung der Materialstärken und minimalen Biegeradien.«

Die Herz Lasertechnik, genauer die Ätztechnik Herz Laser GmbH & Co. KG, eine Ausgründung der Ätztechnik Herz GmbH & Co. KG mit knapp 110 Mitarbeitern, verarbeitet vor allem Edelstahl. Auf Platz 2 steht nicht etwa ›normaler‹ Stahl, sondern Zinnbronze. Daneben spielen noch andere Buntmetalle, Aluminium und Titan eine wesentliche Rolle. Besonders den Bereich Buntmetalle will man noch ausbauen.

Alle gängigen Materialien sind vorrätig

Die Online-Materialdatenbank der Herz Lasertechnik umfasst mehr als 300 Posten. Die Materialdicken, die die Epfendorfer normalerweise verarbeiten, reichen von 0,025 bis etwa 5 mm. Die Bleche bezieht die Lasertechnik nicht direkt aus dem Handel, sondern von der Muttergesellschaft, die für ihre Ätztechnik sogar über 600 Materialposten bevorratet. Ein teurer Spaß, den aber die unbedingte Lieferbereitschaft verlangt. Diese hohe Kapitalbindung muss man sich leisten können – auch in Zeiten niedrigster Zinsen. Steffen Herz sieht das sehr gelassen: »Als Familienunternehmen wirtschaften wir solide und mit hohem Eigenkapitalanteil. Die Lieferanten können oft nicht schnell genug liefern. Die Schnelligkeit ist aber ein wichtiger USP für uns, mangelnde Materialverfügbarkeit darf kein Engpass sein. Ein gut gefülltes Lager verschafft uns Unabhängigkeit.« Natürlich versuche man, eine Überbevorratung zu vermeiden, aber: »Von einigen Posten haben wir schon einen Quartalsbedarf liegen.«

Stichwort Eigenkapitalquote: Durch solides Wirtschaften erworbene Rücklagen führten auch dazu, dass man das Krisenjahr 2009 so gut überstand, obwohl man gerade eine teure CO2-Laser-Maschine bestellt hatte. Gut gefüllte Kassen erlauben es auch, dass sich Herz ganz aktuell mit der Anschaffung eines neuen, stärkeren Faserlasers beschäftigen kann.

Herz hatte seit 1994, also schon lange vor der Ausgründung der Lasertechnik im Jahre 2008, einen Schneidlaser von Haas in Betrieb, der heute noch seinen Dienst tut. Daneben betreibt man einen CO2-Laser sowie zwei Festkörperlaser zum Schneiden und einen zum Beschriften. Die meisten Maschinen kommen von Haas und Trumpf, doch für besondere Fälle hat man sich eine Stiefelmayer-Anlage mit einer Strahlquelle von Rofin Sinar angeschafft. Mit diesen Maschinen kann man eine breite Palette von Teilen fertigen, und was man nicht selbst kann, vermittelt man an befreundete Unternehmen in der Umgebung.

Nicht nur was Liefertermine, Materialien und Formen angeht – die Bilder sprechen für sich – ist man sehr flexibel, sondern auch hinsichtlich der Stückzahlen: »Vom Einzelstück bis zur Großserie mit mehr als 100000 Stück haben wir schon alles gemacht. Zwar bevorzugen für so große Stückzahlen viele Kunden Stanzteile, doch sobald Änderungen notwendig werden oder von vornherein Varianten geplant sind, ist der Laser aufgrund seiner Flexibilität günstiger«, erklärt Angelika Loff. »In der Regel geht es bei uns aber um Prototypen und kleinere bis mittlere Serien, für die sich Konstruktion und Fertigung von Stanzwerkzeugen nicht lohnen.« Und: Laser-Teile sind (per Software) leicht korrigiert und neu geschnitten, eine Änderung von Stanzwerkzeugen wäre aufwendig bis unmöglich.

Um so anspruchsvolle Branchen wie die Automobilindustrie überhaupt beliefern zu dürfen, reicht Können alleine nicht; man muss seine Fähigkeiten auch dokumentieren können, wie Steffen Herz betont: »Wir sind ›völlig durchzertifiziert‹: DIN EN ISO 9001, 14001, 50001 sowie die TS16949 sind für uns Voraussetzung. Das sind für uns Mindestanforderungen, die wir in der Regel übertreffen. Wir können nicht nur Feld-Wald-und-Wiesen-Teile, sondern auch das ganz Besondere. Unsere Kunden sind verwöhnt.« Immerhin kann Steffen Herz auf 600 solcher verwöhnter Kunden, darunter Daimler und Rolls-Royce, verweisen – aktive Kunden wohlgemerkt, keine Karteileichen. »Es gibt kaum eine Branche, die wir nicht tangieren.« Also doch auch Kuckucks- und andere Uhren!

Dieser Kundenstamm ist vor allem aufgrund von Empfehlungen gewachsen. Darauf sind Steffen Herz und Angelika Loff besonders stolz. Noch mehr freut sie aber, dass man noch keine Kunden verloren hat, allenfalls einzelne Aufträge, wenn die Maschinenausstattung nicht ausreichte.

Die Möglichkeiten der beiden Herz-Unternehmen sind aber mit Ätzen, Laserschneiden und -markieren nicht erschöpft, sondern auch Schweißen, Galvanisieren, Biegen und eine ganz neue Feinstschleifmethode werden angeboten, wie Steffen Herz erläutert: »Im Grunde können wir ganze Baugruppen fertigen.«

Mit der Integration bekannter Technologien will sich Steffen Herz aber nicht zufriedengeben. Er und Angelika Loff experimentieren auch mit neuen Verfahren und Verfahrenskombinationen: »Ein Thema ist eine bessere Einkopplung des Laserstrahls ins Metall durch vorherige Oberflächenbearbeitung, etwa durch Ätzen. Diese Kombinationsmöglichkeit hat außer uns kaum jemand. Ich kenne nur zwei weltweit.«

Arbeitskräfte sind knapp

Alles eitel Sonnenschein? Nicht ganz, klagt Steffen Herz: »Wir haben hier eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten Deutschlands. Das ist zwar schön für die Arbeitnehmer, aber schwierig für unsere Suche nach Auszubildenden und Ausgebildeten. Wir sitzen hier direkt an der Autobahn nach Stuttgart, und die jungen Leute zieht es in die große, weite Welt. Erst mit 35 oder 40 kommen viele zurück. Dabei wären ortsansässige Unternehmen wie Herz doch eine interessante Alternative. Täglich zwei, drei Stunden im Werksbus sind schließlich nicht jedermanns Sache. Das sind in einem Berufsleben über 25000 Stunden oder volle drei Jahre.«

Was den Herz-Mitarbeitern geboten wird, findet man in Unternehmen dieser Größe selten: »… kostenloses Mineralwasser, einen Obsttag pro Woche, einen Gesundheitszirkel, eine Sportgruppe, Massage ... Ich überlege mir, E-Bikes für die Mitarbeiter anzuschaffen. Höhenverstellbare Schreibtische haben wir schon lange. Es gibt während der Arbeitszeit Vorträge zum Thema Gesundheit – diese Woche ging es um Schlafstörungen –, gemeinsames Mitarbeiter-Frühstück und lauter solche Dinge.« Der Schwarzwald gilt offensichtlich zu Recht als Erholungsgebiet.

Hans-Georg Schätzl

Erschienen in Ausgabe: 04/2015