11. DEZEMBER 2018

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… and the livin’ is easy


Editorial

Manchen Menschen ist der Sommer zu heiß, der Winter zu kalt, und Frühjahr und Herbst sind ihnen zu mittel. Die meisten von uns Mitteleuropäern sehnen sich aber nach dem ewigen Frühling, wohl wissend, dass dies noch etwas dauert, weil sich dazu erst die Erdachse aufrichten muss, und selbst dann eher ein ewiger Spätwinter zu erwarten ist. Wenn doch wenigstens die Tage länger wären, genauer gesagt die Abende!

An der Umfrage der EU zur Uhrumstellung (die Zeit bleibt ja die gleiche) in Frühling und Herbst verwundert nicht nur das mit 80 Prozent Gegenstimmen deutliche Ergebnis, sondern auch die außerhalb Deutschlands extrem geringe Beteiligung, die mehrere Ursachen haben kann, zum Beispiel dass viele Europäer mit der EU nichts am Hut, von der Abstimmung nichts gehört, kein Internet oder keine Uhr haben.

Verwunderlich auch der große Anteil der völlig Denaturierten, die künftig für immer Sommer, also eine falsch gehende Uhr haben wollen, Tages- und Uhrzeit verwechselnd. Die Mitte des Tages bestimmt immer noch der Sonnenstand und nicht die Uhr. Zwar gehen unsere Uhren auch zur Mitteleuropäischen Normalzeit (fälschlich oder manipulativ ›Winterzeit‹ genannt) mehr oder weniger vor, weil der 15. Längengrad entlang der deutschen Ostgrenze verläuft (mitten durch Görlitz) – und nebenbei bemerkt der sizilianischen, woran man sieht, wie schräg Italien drauf ist (auf dem Globus). Aachen als westlichste deutsche Großstadt (6. Längengrad) hinkt, vom Sonnenstand her gesehen, schon 36 Minuten hinterher und ist der Greenwich Mean Time näher als der Mitteleuropäischen Zeit, doch das gute Viertelstündchen, um das sich die Deutschen durchschnittlich gegenüber dem Sonnenstand verspäten, fällt kaum auf.

Stellten wir auf die Mitteleuropäische Sommer(uhr)zeit (also eigentlich die Osteuropäische Zeit, entsprechend der Linie St. Petersburg – Kiew) um, hätte das gravierende Folgen:

1. Echte Schwaben müssten schon Zmeddag ässe, wenn die Sonne noch nicht einmal 10 Uhr zeigt, die Uhr aber schon 11. Viel ärger wären – das nur nebenbei – die Spanier dran, für die, zu über 90 Prozent westlich des Nullmeridians (!) lebend, der Zenit der Sonne zwei bis drei Uhr-Stunden zu spät und damit die Siesta zu früh käme (weshalb deren Abschaffung nur konsequent ist), sofern sie sich dauerhaft für die MESZ entschieden.

2. Viele Schüler und arbeitende Frauen müssten sich etwa fünf Monate lang morgens im Dunkeln auf den Weg machen.

3. Aus nicht näher zu erläuternden Gründen könnte die Dauerfalschzeit die Geburten weiter verringern. Obwohl (siehe 4.)

4. Die von vielen Liebhabern von Biergärten und deren Peripherie, aber auch anderen Hedonisten so sehnlich gewünschten langen Sommerabende würden gegebenenfalls nicht nur zu einem eine Stunde längeren Alkoholkonsum führen, sondern auch zu einem eine Stunde kürzeren Alkoholabbau und zu einer Stunde weniger Erholungsschlaf, was weder Unternehmern und anderen Vorgesetzten noch Politikern egal sein darf, denn der Schaden durch Fehlleistungen im Verkehr und am Arbeitsplatz, meines Wissens noch nie untersucht, könnte enorm sein. Zugegeben: Die Blech verarbeitende Industrie könnte von verminderter Aufmerksamkeit profitieren, aber wollen wir das wirklich?

Die (Schlaf-)Trunkenen selbst dagegen bemerken aufgrund ihres ›Gesundheits‹-Zustandes meist nicht, dass der längere Abend zu einer kürzeren Nacht geführt hat. Und viele merken auch nicht, dass sie noch nicht richtig wach sind.

Mein Vorschlag: Wer Gleitzeit nutzen kann und lange Sommerabende nutzen will, soll einfach seinen Wecker eine Stunde zurückstellen, statt andere zu belästigen.

Meine Erwartung: Die Normalzeit, also die MEZ, dauerhaft beizubehalten wäre die vernünftigste, menschen- und wirtschaftsfreundlichste Lösung, weshalb wir zuverlässig davon ausgehen können, dass uns unsere Politiker den ganzjährigen Sommer bescheren werden.

Die Euroblech findet leider knapp vor dem Ende der ›Sommer-‹, also der Falschuhrzeit, statt. Erst am Wochenende darauf werden die Uhren korrigiert. Kommen Sie dennoch, aber fahren Sie sehr, sehr vorsichtig!

Hans-Georg Schätzl
Hans-Georg.Schaetzl@verlag-henrich.de

Ausgabe:
bbr 06/2018
Bilder:
© Henrich Publikationen

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