20. NOVEMBER 2018

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Wer sich nicht wehrt, …


Editorial

Man muss schon ein größeres Problem haben, wenn man sich als ›David‹ mit einem ›Goliath‹ anlegt, sei es ein psychisches oder finanzielles. Die Probleme könnten hinterher größer sein als vorher, und physische könnten dazukommen. Oft bleibt ›David‹ nur die Wut: die Wut über ›Goliaths‹ kaltschnäuzige Arroganz und die Wut auf sich selbst, weil man seine juristischen Möglichkeiten nicht genutzt hat.

Einem Bekannten etwa ist es mit der Ozeangrün*-Bausparkasse so gegangen. Jahrelang hat er einbezahlt zu lächerlichen Zinsen, um dann zu erfahren, dass er nicht kreditwürdig sei, weil sein Score knapp unter 100 Prozent nicht ausreiche, was laut Hausbank, immerhin Partner der Ozeangrün, lächerlich sei. Folge: erhebliche Opportunitätskosten durch Zinsausfall in der Ansparphase. Auf den Rechtsweg hat ›David‹ trotzdem verzichtet, denn er konnte seine Immobilie günstiger finanzieren als mit der Ozeangrün, die heute ihre Kredite zum halben Zinssatz gegenüber damals verschleudern muss. Seine und meine Konsequenz: nie wieder Ozeangrün!

Zu jener Zeit schaffte es der Energieversorger E-off* in mehreren, insgesamt 110-minütigen Telefongesprächen nicht, mich a) von meinem verstorbenen Vater zu unterscheiden, b) meinen Namen richtig zu schreiben, c) meinen Umzug nachzuvollziehen und d) aus vermeintlich drei einen Kunden zu machen. Folge: Trotz meines Guthabens von mehr als 500 Euro schickte man mir Mahnungen, statt, wie von mir gefordert, zu verrechnen. ›Bearbeitungsgebühren‹ zu bezahlen, weigerte ich mich. Den Hinweis auf die grundsätzlich fehlende Anspruchsgrundlage für deren Erhebung konterte man mit der Androhung einer Stromsperre – nicht nur aus Sicht eines bekannten Juristen ein Fall von Nötigung und damit eine strafbare Handlung. Meine Bearbeitungsgebühren sind immer noch offen. Konsequenz: Ich kaufe jetzt echten Naturstrom und nie wieder umgelabelten, greengewashten von E-off und Konsorten.

Dritter Fall: Da hat einer ein Nebenkonto bei der Kostbank*, macht aber so gut wie nie Gebrauch davon. Deshalb kündigt er per Brief, mit der Bitte, sein hoch zweistelliges Guthaben einem anderen Konto gutzuschreiben. Das geschieht nicht. Stattdessen berechnet die Kostbank weiter Gebühren und kündigt, nachdem sich der Kontostand wegen dieser Gebühren geringfügig ins Minus gedreht hat, nun ihrerseits wegen fehlender Umsätze. Obwohl eine Lappalie, zog der Ex-Kunde Konsequenzen: Kündigungen – auch von Abos – nur noch per Einschreiben und nie wieder Kostbank!

Sind die beiden letzten Fälle eher Lappalien, ging es in einem Fall, den ich vor einigen Jahren kennenlernte, um sehr viel, und er kann jeden in unserer Branche treffen: Da hatte ein Zulieferer ein kleines Aggregat für Automobile entwickelt und einem Kunden vorgestellt. Als jener Zulieferer diese Entwicklung patentieren lassen wollte, blitzte er aber ab: Der Kunde war ihm zuvorgekommen. Auf die Vorhaltungen des Übertölpelten erwiderten die Geschäfts-›Partner‹: »Klagen Sie doch!« Genau! Bei einem Streitwert jenseits 100 Millionen Euro muss man da als mittlerer Mittelständer nicht lange überlegen: Diesen Konzern macht man platt! Oder? Interessant übrigens, was die Arbeitsgemeinschaft Zulieferindustrie den sogenannten OEM vorwirft (Seite 14). Konsequenz: höchstens Lippenbekenntnisse.

Besonders schwierig ist eine Entscheidung, die auch viele Unternehmen aus unserer Branche betrifft: USA oder Iran? Klar: wieder ein Fall von Nötigung. Ebenfalls klar: Auch hier kann man empört und trotzig sein, wie es einige Politiker empfehlen – zumindest solche, mit denen das ›sehr stabile Genie‹ noch keine »sehr guten Gespräche« geführt, die es also noch nicht rundgemacht hat. Die Unternehmen werden sich für ihr größeres Geschäftspotenzial entscheiden und auf die Wünsche aus Brüssel pfeifen. In einer Hinsicht kann man Europas Politiker allerdings verstehen: Auch wer nicht zu den engeren Freunden der Regierenden im Iran und in der Türkei zählt, kann sich eine weitere Destabilisierung der Region aus politischer und wirtschaftlicher Sicht nicht wünschen, zumal sie sich auf den ganzen Nahen und Mittleren Osten bis in die südlichen GUS-Länder hinein auswirken könnte. Konsequenzen: unabsehbar.

Eine andere Frage wird noch gar nicht diskutiert: Welches Land erklärt das ›sehr stabile Genie‹ als nächstes zum Schurkenstaat? China nur ein bisschen, weil zu wichtig als Markt; Kanada und Frankreich nicht, weil zwei smarte Jungs zwar fest Hände drücken, aber einem ›sehr stabilen Genie‹ doch nicht das Wasser reichen können; und Saudia nicht, weil die Öl ver- und Waffen einkaufen. Bleibt nur? Na wer? Dieses schlimme, schlimme, schlimme Land, das mit seinen schlimmen, schlimmen, schlimmen Exportüberschüssen dem ›sehr stabilen Genie‹ die ansonsten sehr stabil gute Laune verdirbt. Wer künftig dort einkauft, wird vielleicht nicht mehr in Gottes eigenes Land der Freien und Tapferen liefern dürfen. Konsequenz: Ich würde dann weder Erfrischungs- und hochprozentige Getränke noch saufende Motorräder aus von sehr stabilen Genies geführten Ländern kaufen und meine Semmeln selbst mit Fleischpflanzerl und Gemüse belegen.

Datum:
23.08.2018
Bilder:
© Henrich Publikationen

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