20. NOVEMBER 2018

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Statistisch warme Füße


Editorial

Wissen Sie, was eine statistisch tote Ente ist? Nein? Dann erzähle ich es Ihnen: Ein noch völlig unerfahrener Jäger schießt auf eine Ente, vergisst aber, vorzuhalten. Daher geht der Schuss, obwohl Schrot etwa 20-mal so schnell fliegt wie eine Ente und mächtig streut, hinter dieser vorbei. Der Jäger erinnert sich an seine Ausbildung, reißt die Flinte herum und schießt ein zweites Mal. Allerdings hatte er zu viel des Guten getan, weshalb der Schuss diesmal vor der Ente vorbeigeht, wenn auch im gleichen Abstand wie zuvor. Statistisch fliegt eine tote Ente munter weiter – trotz statistischer und ballistischer Streuung. Statistiker fühlen sich bekanntlich dann besonders wohl, wenn ein Fuß in 80 Grad heißem und der andere in 0 Grad kaltem Wasser steckt.

Warum mir das vor ein paar Wochen wieder einfiel: Kürzlich behauptete eine Wissenschaftlerin, wir hätten dieses Jahr phänomenologisch einen völlig normalen Frühling erlebt, Blüten und Blattaustriebe entsprächen zeitlich dem langjährigen Mittel. Nun, ich habe es in 60 Jahren zum ersten Mal erlebt, dass schon Ende April in Oberbayern der Flieder blühte, also mindestens eine Woche zu früh, und die meisten Laubbäume zu diesem Zeitpunkt schon so dicht belaubt waren wie sonst Mitte Mai. Das wird aber statistisch dadurch ausgeglichen, dass der frostige Vorfrühling Schneeglöckchen, Krokusse und Narzissen drei Wochen später als sonst erblühen ließ. Ein lausig kalter März und ein subtropisch warmer April zusammengeworfen ergeben statistisch völlig normale Durchschnittstemperaturen für diese Jahreszeit.

Falsche Zutaten in einen Topf zu werfen, ist das eine; falsche Schlüsse zu ziehen, das andere. Nehmen wir mal an, eine rechtzeitige Vorsorgeuntersuchung würde den Ausbruch einer bestimmten Krankheit um 20 Prozent verringern. Das klingt nach viel. Wenn aber ›nur‹ 5 Promille der Bevölkerung von dieser Krankheit befallen werden, dann rettet diese Vorsorgeuntersuchung ›nur‹ 20 Prozent von 5 Promille, also ein Promille der Bevölkerung – was nach sehr wenig klingt, absolut gesehen allerdings sehr viele Menschen sind: über 80.000 alleine bei uns in Deutschland.

Auch der Bezug muss stimmen: Dass die Anzahl schwerer Unfälle mit Pedelecs und E-Bikes von 2016 auf 2017 um 28 Prozent gestiegen ist, überrascht nicht so sehr, wenn man bedenkt, dass in diesem Zeitraum deren Anzahl um 25 Prozent gestiegen ist. Und dass man inzwischen weniger kranke Bäume sieht als vor 30 Jahren, liegt nicht nur an der besseren Luft heutzutage, sondern daran, dass die geschädigten Exemplare beizeiten umgelegt und verarbeitet werden. Daraus zu schließen, das ›Waldsterben‹ gebe es nicht mehr, ist – leider – unsinnig.

Der größte Fehler in Erhebungen ist es, falsch zu fragen. Dass dann mit den Antworten nichts anzufangen ist, versteht sich von selbst. Oft kann man Statistiken aber auch beliebig interpretieren. Ein internationales Wirtschaftsforschungsinstitut zum Beispiel versucht uns gerade weiszumachen, dass es der deutschen Fertigungsindustrie, also auch den Blech-, Rohr- und Drahtverarbeitern, furchtbar schlecht ginge, weil sie im internationalen Vergleich ein paar Wachstumsprozentpünktchen hinter dem Durchschnitt herhinke. Schaut man genauer hin, liegen die üblichen Verdächtigen vorne: China, Indien, Mexiko, Singapur. Schon teilindustrialisierte Länder wie Südafrika, Austra-lien oder die USA können nur in einigen Punkten mit der Spitze mithalten. Unter den sechs ›echten‹ aufgeführten Industrieländern (außer uns, Kanada, Frankreich, Japan, Schweden und Großbritannien), in denen kaum jemand wirklich hungern muss, lag Deutschland jeweils auf Platz 2 oder 3 – unter Volkswirtschaften, die wesentlich später aus dem Krisenkrater von 2008 aufgetaucht sind und daher einiges nachzuholen haben. Also: Was soll das Geunke? Katastrophen sehen anders aus. Dass wir uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen dürfen, wissen wir doch ohnehin.

Übrigens: Im Vatikan leben mehr als vier Päpste pro Quadratkilometer (Stand 23. Mai 2018).

Hans-Georg
Schätzlh.schaetzl@verlag-henrich.de

Ausgabe:
bbr 04/2018
Bilder:
© Henrich Publikationen
Bild: bbr

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