19. JUNI 2018

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Das Wichtigste im Leben


Editorial

»Iiich haaab Zeeeiiit …« Wie oft hört man das von Menschen, die eigentlich fast keine mehr haben, weil die ›größere Hälfte‹ ihrer Lebensuhr längst abgelaufen ist, aber selbst mit diesem kärglichen Rest kaum etwas anfangen können, als auf Garten- oder Parkbänken herumzuhocken, in deren Ermangelung aus dem Fenster zu hängen und den Kontinenten beim Driften und den Ink – ach nein, lieber nicht – zuzusehen, auf Autobahnen die zweite Spur von rechts als die ihnen als einzige zustehende zu betrachten und enge Nebenstraßen als den besten Ort, sich von Autofenster zu Autofenster auszutauschen?
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Wenn wir jetzt noch eins und eins zusammenzählen und durch die Quersumme teilen, wissen wir auch, warum jene so viel Zeit haben: Weil sie sie anderen stehlen! Zeitdiebe, das sind nicht nur die grauen Männer aus Endes ›Momo‹; man erkennt sie nicht an ihren Uniformen. Man erkennt sie eher an grauen Haaren statt grauen Anzügen, volkstümlicher Kopfbedeckung, betont trägen, kaum wahrnehmbaren Bewegungen und oft geradezu krankhafter Geschwätzigkeit sowie einem untrüglichen Instinkt für Orte, an denen man am effizientesten jedes Vorwärtskommen anderer verhindern kann, sei es auf Straßen, in oder vor Supermärkten.

Leute! Was ich noch alles vorhabe, reicht für 200 Jahre. Zu allem brauche ich eine ruhige Hand und sehr gute Augen und einigermaßen gute Ohren: malen und zeichnen, musizieren und tanzen, werkeln und basteln, pflanzen und ernten. Ich müsste schon sehr viel Glück haben, wenn ich mir all das wenigstens den größten Teil der vielleicht noch verbleibenden 20 Jahre erhalten könnte. Und da wollen mir andere sagen, ich hätte mich ihrem schwindenden Zeit- und Geschwindigkeitsgefühl anzupassen?

Nicht Gesundheit, wie viele glauben, ist das Wichtigste im Leben. So wichtig es ist, dass wir gesund sind oder uns zumindest fühlen – Zeit ist noch wichtiger. Das heißt, wer uns Zeit stiehlt, beraubt uns des Wertvollsten, was wir haben. Man kann sich zwar Zeit nehmen, so viel man will, aber eben nur sich, nicht anderen.

Auch wer uns einfach warten lässt, stiehlt uns Zeit, wertvollste Lebenszeit. Vor einigen Monaten hatte das interaktive ›Tagesgespräch‹ auf Bayern 2 das Thema Pünktlichkeit, und die gut gemeinte Absicht der Initiatoren war wohl die Idee, wir sollten uns mehr Zeit nehmen – für uns. Heraus kamen aber Vorschläge, wie wir anderen Zeit nehmen könnten, nämlich durch gezielte Unpünktlichkeit. Eine Dame meinte sogar, sie sei bisher immer überpünktlich gewesen und müsse (!) das unbedingt ändern. Wie bitte? Unpünktlichkeit als künftige Sekundärtugend? Pünktlichkeit sei Zwang gegen sich und andere, Zuspätkommen daher löblich, so der Tenor der meisten Anrufer, des Studiogastes und des Moderators. Kaum jemand, der die Pünktlichkeit verteidigte. Ich selbst rief nicht an, weil ich – äh – gerade keine Zeit hatte …

Gelobt wurden ›die Afrikaner‹: Während wir die Uhr hätten, hätten sie die Zeit. Genau, dachte ich mir: viel Zeit und viel Hunger und viel Durst und viel Malaria und viel Aids; und wenn sie nicht hungrig, durstig oder todkrank sind, sondern mit ihrer vielen Zeit nichts anfangen können, schlagen sie sich aus Langeweile gegenseitig die Köpfe ein. Von Afrika lernen … Sonst noch was?


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Ausgabe:
bbr 03/2018
Bilder:
© Henrich Publikationen

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