Sanktionsspirale erschwert Geschäft

GLOBO/Russland

Seit im Sommer die EU-Sanktionen gegen Russland in Kraft getreten sind, macht sich unter vielen deutschen Unternehmen Verunsicherung breit. Sie fürchten Einbrüche in diesem wichtigen Markt.

13. Oktober 2014

Die deutsche Wirtschaft erlebte bereits im ersten Halbjahr 2014 erhebliche Verluste bei den Exporten nach Russland. Die deutschen Ausfuhren sanken im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 15,5 Prozent oder umgerechnet 2,8 Milliarden Euro, wie der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft mitteilte. »Wir gehen davon aus, dass sich dieser negative Trend aufgrund der im August eingeführten gegenseitigen Wirtschaftssanktionen von EU und Russland noch beschleunigt«, erklärt deren Vorsitzender Eckhard Cordes.

Die EU hatte in mehreren Schritten Einreiseverbote und Kontensperrungen erlassen. Zudem wurde eine schwarze Liste mit 23 Unternehmen und Organisationen angelegt, die keine Geschäfte mehr mit der EU machen dürfen. Auf diese Wirtschaftssanktionen aus Brüssel reagierte Moskau mit einem Importverbot für europäische Agrargüter und droht mit weiteren Maßnahmen.

Ersatzteile als Problem

Der Ostausschuss beklagt laut Eckhard Cordes deshalb »erhebliche Unsicherheiten, wie die Embargovorschriften auszulegen sind.« Eine Umfrage unter betroffenen Unternehmen habe ergeben, dass es bei Zulieferteilen für Rolltreppen, Bagger, Pumpen, Landmaschinen, Bohrmaschinen und Eisenbahnen Probleme gebe.

»Während die Lieferung ganzer Maschinen oft unbedenklich ist, sind deren Ersatzteile wegen der möglichen militärischen Verwendung gleich ein Problem«, erklärt Eckhard Cordes. »Diese Unsicherheit und zunehmende Verzögerung bei der Lieferung führen dazu, dass sich russische Kunden reihenweise nach Lieferanten aus anderen Ländern umsehen.«

So fehlt es für die Unternehmen bislang an Planungssicherheit und Klarheit im Umgang mit den Sanktionen. »Viele Unternehmen halten sich in ihren Beziehungen zu russischen Partnern stärker zurück als es die Sanktionen erfordern«, beobachtet Volker Treier, der Außenwirtschaftsexperte des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHK).

»Unternehmen, die Geschäfte mit Russland tätigen, sind gut beraten, sich intensiv über die neuen Sanktionsmaßnahmen zu informieren«, rät deshalb der Sprecher im Bundeswirtschaftsministerium. Wenn der Liquiditätsbedarf kurzfristig gedeckt werden müsse, stünden schon jetzt etablierte Förderinstrumente zur Verfügung. So könnten Firmen beispielsweise über den Unternehmenskredit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) Betriebsmittelfinanzierungen bis zu 25 Millionen Euro mit einer Laufzeit bis zu fünf Jahren erhalten.

Im Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) stapeln sich die Anfragen von Unternehmen. »Betroffen ist unter anderem der Maschinen- und Anlagenbau, gerade auch wegen der Sanktionen im Bereich Erdölförderung«, sagt Bafa-Sprecherin Janet Baenke. Zu den konkreten Auswirkungen auf einzelne Sektoren und Branchen kann sie noch nichts sagen. »Das wäre spekulativ, dafür haben wir noch kein aussagekräftiges Zahlenmaterial.«

Der Referent für Exportkontrolle im Wirtschaftsverband VDMA, Klaus Friedrich, rät den Unternehmen, zunächst einmal selbst die einschlägigen EU-Verordnungen durchzulesen. »Das kann man selber lesen und verstehen, da braucht man auch keinen teuren Anwalt oder Berater«, erklärt Klaus Friedrich. So könne man sich schnell einen Eindruck verschaffen, ob das Unternehmen von den Sanktionen überhaupt betroffen sei. »Das ist sehr produktspezifisch«, so seine Erfahrung. Unter den Mitgliedsfirmen seines Verbandes sei die Panik aber noch nicht sehr groß, da viele bereits sanktionserfahren seien.

Noch nicht kritisch

»Bei uns ist das noch nicht so richtig hochgekocht«, sagt auch Bernhard Jacobs, Geschäftsführer vom Industrieverband Blechumformung (IBU). Einige Projekte in Russland würden jetzt länger geprüft oder etwas verschoben. Betroffen seien davon eher schwere Nutzfahrzeuge und Landmaschinen, aber bislang weniger der PKW-Bereich. Es gebe bislang keine erkennbaren Umsatzeinbußen, sagt Jacobs. »Das bewegt sich durchaus im üblichen Bereich.«

Diese Erfahrung deckt sich mit der Erfahrung bei einzelnen Firmen. »Für Allgaier sind die Sanktionen bis heute nicht von direkter Auswirkung, da wir im Automotivebereich zeitversetzt sind«, teilt Christine Gnädig, verantwortlich für Marketing und Kommunikation bei Allgaier, mit. »Im verfahrenstechnischen Bereich sind ebenfalls noch keine direkten Auswirkungen zu bemerken, allerdings verzögern sich Entscheidungen in Projekten.«

Auch beim Automobilverband VDA zeigt man sich gelassen: »Die Automobilindustrie ist davon nicht betroffen«, sagt der Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Eckehart Rotter und erinnert daran, dass die schwache Binnenkonjunktur und die Abwertung des Rubels schon in den Vorjahren zu schwachen Ergebnissen geführt hätten. Natürlich gelte jetzt das ›Primat der Politik‹, doch Russland bleibe unverändert »ein Markt mit großem Potenzial«.

Die deutschen Hersteller würden sich deshalb zu ihren Investitionen und ihrem Engagement in Russland bekennen. »Es gilt, auch in diesen Zeiten ein verlässlicher Partner zu sein und Kurs zu halten«, gibt Eckehart Rotter die Richtung vor.

Die Deutsch-Russische Außenhandelskammer (AHK) versteht sich als Interessenvertretung der deutschen und russischen Wirtschaft und sitzt in Moskau. Ihr Präsident Rainer Seele spricht sich für ein sofortiges Ende der Sanktionsspirale aus: »Die Maßnahmen haben schon jetzt Auswirkungen auf die Volkswirtschaften in Russland und Europa.«

Die Einschränkung der Handelstätigkeit zeige vor allem negative Auswirkungen auf russische und deutsche Mittelständler, da sich die Kreditkonditionen ebenso verschlechterten und ein erschwerter Zugang zu Handelsfinanzierungen einige Geschäfte verhindern könnte.

Verhärtete Fronten

Die bisherige Erfahrung mit Sanktionen habe sehr deutlich gezeigt, dass sie nicht geeignet seien, die damit beabsichtigten politischen Ziele zu erreichen, und vielmehr dazu führen werden, die Fronten weiter zu verhärten, heißt es in einer AHK-Erklärung.

Die Kammer machte außerdem darauf aufmerksam, dass die auf privatwirtschaftlicher Grundlage zwischen den Unternehmen abgeschlossenen Verträge massive Entschädigungen nach sich ziehen, wenn sie nicht eingehalten werden. Diese könnten von den Firmen vor internationalen Gerichten mit großer Aussicht auf Erfolg eingeklagt werden.

»Die spürbare Enttäuschung der russischen Seite über den Status quo führt einerseits zu einer deutlichen Hinwendung der russischen Wirtschaft und Politik nach Asien, insbesondere nach China«, erwartet die AHK. Es sei zu beobachten, dass russische Unternehmen vermehrt Aufträge an inländische oder nicht westliche Wettbewerber vergeben.

Gemma Pörzgen

Fachjournalistin aus Berlin

Infos & Fakten

- Das Bundeswirtschaftsministerium hat eine Informationsseite zu aktuellen Entwicklungen der EU-Russland-Sanktionen unter der Federführung der Außenwirtschaftsgesellschaft GTAI eingerichtet: www.gtai.de/russland-sanktionen.

- Einblick in die aktuelle Lage in Russland vermittelt die Deutsch-Russische Außenhandelskammer in Moskau auf der Web-Seite www.russland.ahk.de.

Erschienen in Ausgabe: 06/2014