Hochautomatisierte Lohnfertigung

Technik

Die Société Giennoise de Chaudronnerie (SGC) ist ein mit den modernsten Produktionsmaschinen ausgestatteter Lohnfertiger für Blechteile. Das Unternehmen aus Gien, südlich von Paris, setzt auf Automatisierung. Mit dem RAS Multibend-Center hat SGC nicht nur ein sehr produktives Biegezentrum im Einsatz, sondern diese Biegezelle zudem an ein Hochregallager angebunden, und die Platinen handhabt man mit einem eigenen Beladeroboter.

02. Februar 2018
Der Abstand der Steps ist so gering, dass selbst bei Edelstahl die Einzelschritte nicht sichtbar sind. Bild: RAS
Bild 1: Hochautomatisierte Lohnfertigung (Der Abstand der Steps ist so gering, dass selbst bei Edelstahl die Einzelschritte nicht sichtbar sind. Bild: RAS)

Automatisierung ist für SGC der Schlüssel für aktuelle und zukünftige Erfolge. Der Chef des Betriebes, Pierre Laurent, ist überzeugt: »Viele Unternehmen setzen auf Automatisierung, um Personal zu sparen. Das mag ein Grund sein, doch unsere ›Philosophie‹ geht deutlich weiter.« Der stetig wachsende Mangel an Fachkräften ist sicher ebenfalls ein Anlass für Automatisierungsprojekte. Die Kunden erwarten eine konstante Qualität der gelieferten Biegeteile. Für SGC ist es wichtig, diese Konstanz nicht nur bei großen Fertigungsmengen, sondern auch bei kleinen Losgrößen zu erzielen. »Unsere Kunden bestellen die gleichen Teile immer wieder. Die Abrufmengen sind aber häufig gering. Bei einem wiederkehrenden Auftrag ist es extrem bedeutsam, dass bereits das erste Biegeteil ein Gutteil ist«, verdeutlicht Pierre Laurent den Anspruch an das Biegezentrum.

Das RAS Multibend-Center bei SGC hat eine Biegelänge von 2.560 mm und ist mit 203 mm hohen Werkzeugen ausgestattet. Damit produzieren die französischen Blechspezialisten sowohl lange Profile als auch tiefe Boxen und großflächige Paneele. Die Bauteile sind sowohl aus Stahlblech, verzinktem Blech als auch aus Edelstahl. Das kratzfreie Biegen des Multibend-Centers bietet bei empfindlichen Oberflächen einen großen Mehrwert und eliminiert ein nachträgliches Schleifen und Polieren. Die Blechdicken bewegen sich meist zwischen einem und anderthalb Millimeter.

Beim Biegen nach oben und unten bleibt die Platine auf dem Tisch des Biegezentrums liegen. Der Manipulator positioniert das Werkstück mit einer Präzision von wenigen hundertstel Millimeter auf der Biegelinie und dreht sie mit einer Genauigkeit von einem tausendstel Grad. Die Werkzeuge der Oberwange und Unterwange spannen das Blech. Davor ist nahezu unbegrenzter Platz, so dass Biegeschenkel auch sehr lang sein können und sich die Vielfalt möglicher Biegeteile zusätzlich erhöht. Das Werkzeug der Biegewange setzt flächig am Blech an. Daraus resultieren ein kratzfreies Biegen und konstante Biegewinkel. Zudem gibt es keinen Verschleiß an den Biegewerkzeugen.

Bei der Frage, welche Biegeteile über das Multibend-Center laufen und wann die Gesenkbiegepressen den Vorzug erhalten, hat SGC eine klare Strategie. Flächige Komponenten mit mehr als vier Biegungen, wechselnden Biegerichtungen oder Teile mit Umschlägen und Radien sind klare Kandidaten für das Biegezentrum.

»Wenn man ein Biegeteil mit einem Radius auf den Pressen biegen möchte, muss man mit starken Qualitätsschwankungen rechnen. Das Anschlagen der Schenkel ist kompliziert und dauert zudem sehr lange«, erklärt Fertigungsleiter Sylvain Huteau. Das Multibend-Center setzt jeden gewünschten Radius aus einzelnen Biegeschritten zusammen. Der Abstand der Steps ist so gering, dass selbst bei Edelstahl die Einzelschritte nicht sichtbar sind. Das automatische Positionieren der Biegeteile mit dem Hauptmanipulator sichert eine verlässliche Wiederholgenauigkeit.

Die Biegepräzision ist auch für das nachfolgende Schweißen wichtig. Je geringer die Biegeschwankungen, desto weniger muss geschweißt und verschliffen werden. Das beeinflusst nicht nur die Kosten, sondern auch die Optik der fertigen Biegeteile.

Wenn immer möglich, versucht SGC die Kunden hinsichtlich automatisierungsgerechter Konstruktionen schon in einem frühen Entwicklungsstadium zu beraten. Dieses vertrauensvolle Mitei?nander setzt Partnerschaften voraus, die auf Langfristigkeit angelegt sind. Daher fokussiert sich SGC auch stark auf Stammkunden.

Für die Automatisierung geeignete Biegeteile berücksichtigen auch das automatisierte Zuführen der zunächst flachen Platine an das Multibend-Center. Auf den Laseranlagen verschachtelt SGC die Platinen in Blechtafeln, um eine möglichst effiziente Materialnutzung zu erzielen.

Das automatisierte Zuführen der Teile am Biegezentrum erledigt ein Beladeroboter, den SGC in Eigenregie in das Gesamtsystem integriert hat. Der Roboter holt sich eine Platine von der bereitgestellten Regalpalette und legt sie zunächst auf einem Licht-Messtisch ab. Dort wird die Vollständigkeit der Laserbearbeitung geprüft und die Lage der Platine ermittelt. Der Roboter greift die Platine erneut und führt sie entweder direkt dem Biegezentrum zu oder wendet sie zunächst an einer Umgreifstation. RAS stellte dafür die Datenschnittstelle und die Kommunikation zum Biegezentrum bereit.

Früher hatte SGC eine starke Abhängigkeit von wenigen Kunden aus der Aufzugindustrie. Die vielfältigen Biegemöglichkeiten haben das Produktspektrum deutlich anwachsen lassen. Heute beliefert der Lohnfertigungsspezialist beispielsweise auch die Elektrobranche, die Hausgeräte-Industrie, die Klimatechnik und den Maschinenbau.

Die Automatisierung brachte auch Zuverlässigkeit für den Kunden. Bei manuellen Maschinen können unterschiedliche Mitarbeiterqualifikationen leicht zu unterschiedlichen Biegeergebnissen führen. Hingegen sind der Ablauf und die Fertigteilqualität bei automatischen Anlagen immer konstant. Inhaber Pierre Laurent schmunzelt: »Wir konnten mit dieser Verlässlichkeit schon mehrfach Kunden gewinnen, die sich in Osteuropa geringere Einkaufspreise erhofft hatten, aber nach schlechten Erfahrungen wieder auf die heimische Qualität zurückgegriffen haben.«

Zahlen & Fakten

1939 gründete Wilhelm Reinhardt eine mechanische Werkstätte, in der 1946 mit dem Bau von Blechbearbeitungsmaschinen begonnen wurde. 1949 wurde die erste Schwenkbiegemaschine vorgestellt und 1968 die erste gesteuerte Schwenkbiegemaschine der Welt.

Erschienen in Ausgabe: 01/2018