Hauptsache billig ist keine Lösung

Titel

Die Pfeifer Seil- und Hebetechnik GmbH ist ein sehr erfolgreiches Unternehmen. Wie man sich mit Qualitätsbewusstsein und Ethik auch in der Spitze des Weltmarktes hält, erläutert der Pfeifer-Geschäftsführer Ludwig Endres.

27. August 2010

Wenn ein Unternehmen oder Projekt – wie jetzt die bbr – 50 Jahre alt wird, erfüllt das die Beteiligten – auch die spät Berufenen – mit einem gewissen Stolz. Als die älteste erhaltene Urkunde, die die Existenz der Seilerei Pfeifer in Memmingen belegt, 50 Jahre alt wurde, tobte in Europa der 30-jährige Krieg. Diese Urkunde stammt nämlich aus dem Jahre 1579 und zeugt von einem Rechtsstreit des Seilers Linhart Biechele, dessen Handwerksbetrieb demnach schon vorher existiert haben muss, um die Privilegien seiner Zunft in der Seilherstellung in Memmingen (der Name Pfeifer kam erst später durch Einheirat ins Spiel). Gut möglich also, dass die Seilerei nicht erst seit 431, sondern schon seit über 500 Jahren existiert. Und das immer am Standort Memmingen und immer – jetzt mindestens in der 12. Generation – im Besitz der gleichen Familie.

Die Geschäftstätigkeit der Pfeifer-Gruppe erstreckt sich auf acht Felder, die alle mit Bewegung zu tun haben – und sei es, sie zu verhindern:

-Kranseiltechnik: einsatzfertige konfektionierte Seile für Krane, Baumaschinen und Industrie

-Seilbau: Seiltragwerke, unter anderem für Sportstätten und Brücken

-Bautechnik: Transportanker-, Befestigungs-, Verbindungs- und Bewehrungssysteme

-Hebetechnik: vor allem Traversen, Zangen, Klemmen und Greifer, Handhabungsgeräte und Lagertechnik

-Anschlag- und Zurrtechnik: unter anderem Anschlagseile und -ketten, Transport- und Hebegeräte sowie Ladungssicherungen

-Aufzugstechnik: Seile und Zubehör für Aufzüge

-Bergbau und Industrie: Seile für Bergbau und Bohrindustrie, Seilbahnen, Schlepplifte und andere Einsatzgebiete

-Schutzverbauungen gegen Steinschlag und Lawinen, Felsabdeckungssysteme

Aus dem einstigen Handwerksbetrieb wurde ab 1949, als dem damaligen Inhaber Hermann Pfeifer zwei Mitarbeiter zur Seite standen, ein im Bereich Seil-, Hebe- und Bautechnik führendes Unternehmen, das alleine an den beiden deutschen Standorten (neben Memmingen Mülheim an der Ruhr) mehr als 900 Mitarbeiter beschäftigt und fast 400 in anderen Ländern.

»Demut vor der Aufgabe, Respekt im Umgang mit den Menschen und nicht müde werden im Lernen«– so lautet ein Leitsatz von Hermann Pfeifers Sohn Gerhard, heute geschäftsführender Gesellschafter der Pfeifer-Gruppe. Sein Kollege in der Geschäftsführung, Ludwig Endres, war bereit, sich den Fragen der Redakteure zu stellen. Unterstützt wurde er im Interview durch die Diplomingenieurin Ulrike Kößler, die den technischen Vertrieb im Bereich Hebetechnik leitet.

Wenn ein Unternehmen fast ein halbes Jahrtausend alt ist, den 30-jährigen Krieg, zwei Weltkriege und etliche Wirtschaftskrisen überstanden hat, kann dann eine Krise wie die zurückliegende noch beunruhigen?

Ludwig Endres: Nun, die glorreiche Vergangenheit alleine hilft da wenig. Auch wir mussten den wirtschaftlichen Entwicklungen im Jahre 2009 einen gewissen Tribut zollen. Allerdings profitierten wir von langfristig geplanten Projekten wie den Stadien in Durban und Kapstadt in Südafrika. Diese Fußballweltmeisterschaft ist auch nicht das erste sportliche Großereignis oder Großprojekt, an dem wir mitwirken durften, sondern wir waren auch an sieben Stadien für die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland mit umfangreichen Lieferungen und Montagen beteiligt.

So hatten wir in der Gruppe 2008 einen Umsatz von etwa 220 Millionen €, 2009 jedoch um die 300 Millionen €; das verdanken wir im wesentlichen den WM-Großbaustellen in Südafrika.

Über die Krise hinweggeholfen hat uns aber auch der Boom der Windenergieanlagen: Für Transport und Aufstellung werden unsere Produkte häufig verlangt.

Pfeifer ist mindestens in der 12. Generation in Familienbesitz. Wie wirkt sich das auf die Unternehmenskultur aus?

Ludwig Endres: Seit Generationen ist die Familie Pfeifer, und das gilt insbesondere für den heutigen Mehrheitseigner und geschäftsführenden Gesellschafter Gerhard Pfeifer, zum einen sehr in der Heimat und insbesondere der Stadt Memmingen verwurzelt und zum anderen sehr sozial eingestellt.

Dies wirkt im betrieblichen Umfeld sehr positiv. So gibt es festgelegte Werte, die uns nicht nur in unserem Handeln anleiten, sondern die akzeptiert sind und uns mit einem gewissen Stolz erfüllen.

Was haben die Mitarbeiter von diesen Grundsätzen?

Ludwig Endres: Unser Ziel ist es, den Mitarbeitern einen sicheren Arbeitsplatz zu bieten und damit den Freiraum, sich auf ihre Aufgaben zu konzentrieren, und das tun sie auch mit voller Kraft, was wieder dem Unternehmen nützt. Sie und auch die Führungsmannschaft sind stolz auf ›ihr‹ Unternehmen.

Diese Verantwortung setzt sich auch fort im täglichen Miteinander und dem Grundsatz ›Unsere Mitarbeiter sind unser höchstes Gut‹, und das sagen wir nicht nur so dahin.

Sicherheit des Arbeitsplatzes heißt aber auch Sicherheit am Arbeitsplatz. Und hier schlagen wir eine Brücke vom eigenen Unternehmen zu den Kunden: Die Sicherheit und Zuverlässigkeit unserer Produkte steht an erster Stelle. Auch wenn das seinen Preis hat.

Worin ist Ihr Erfolg begründet?

Ludwig Endres: Eben in diesen unternehmerischen Tugenden und in dem, was bei der täglichen Arbeit daraus wird: unsere Produkte und Leistungen. Das Festhalten am Standort Deutschland heißt ja viel mehr als nur Heimatverbundenheit: Wir machen hier ›Made in Germany‹, und vieles, was unser Unternehmen heute ausmacht, kommt aus den erwähnten Wurzeln und dieser Tradition.

Das Bekenntnis zum Standort Deutschland basiert dabei vor allem auf dem Können und der Qualifikation unserer Mitarbeiter. Deren Bereitschaft, sich auch außerhalb des Unternehmens weiterzubilden, wie auch unsere hier im Stammhaus mit zehn Prozent sehr hohe Ausbildungsquote sind eine weitere Grundlage für unseren Erfolg.

Diese Investition unsererseits und der Mitarbeiter selbst lohnt sich für beide, denn wir bekommen dadurch viel zurück: Können, Qualität, Zuverlässigkeit, Sicherheit und Loyalität.

Hohe Ausbildungsquote heißt: Im gewerblichen Bereich ist Ihr Nachwuchs gesichert. Wie sieht es im Ingenieurbereich aus? An dem fehlt es in Deutschland doch allenthalben.

Ludwig Endres: Es ist nicht leicht, gute Ingenieure zu finden. Es gibt immer Zyklen. Bisher haben wir jede Stelle adäquat besetzen können, auch wenn es manchmal etwas länger dauert.

Mit Seilen hat alles angefangen. Welche Bedeutung haben Seile heute noch für Pfeifer?

Ludwig Endres: Die Produktion und Konfektion von Seilen hat nach wie vor eine sehr hohe Bedeutung für unsere Unternehmensgruppe.

Übrigens sind in acht der zehn höchsten Gebäude der Welt unsere Seile im Einsatz.

Auch hier stehen wir für Qualität, Sicherheit und Zuverlässigkeit.

Und diese Werte – ich kann es nur wiederholen – sind auch unsere Erfolgsfaktoren. Die meisten Kunden legen größten Wert auf Sicherheit und sind bereit, dafür auch zu bezahlen.

Gilt das auch für die asiatischen Schwellenländer?

Ludwig Endres: Ja! Mag sein, dass im einen oder anderen Land die Sicherheitsvorschriften nicht ganz so streng sind wie in Mittel- oder Nordeuropa, aber auch dort spüren wir, dass Qualität und Zuverlässigkeit einen immer höheren Stellenwert bekommen.

Und wir wollen diese Sicherheit bieten. Hundertprozentig.

Ulrike Kößler: Eigentlich muss man sagen: Mindestens 125-prozentig, denn zum Beispiel im Bereich Hebetechnik prüfen wir selbstverständlich mit Überlast.

Ludwig Endres: Für uns ist Qualität sehr wichtig. Nehmen wir zum Beispiel unsere Renfroe-Tragklemmen: Hier haben wir unsere Klemme und Klemmen der Wettbewerber mit 50 Prozent Überlast getestet. Die beste bisher durchgetestete Klemme des Wettbewerbs hat knapp 100000 Lastspielen widerstanden.

Unsere derzeit aktuelle Klemme läuft noch bei 3800000 Lastspielen. Auch wenn in der Praxis niemand 3,8 Millionen Lastspiele braucht, zeigt dieser Test doch, dass unsere Klemme auch bei Über- oder Falschbeanspruchung Sicherheitsreserven hat, die den Anwender in solchen Fällen vor Schlimmerem bewahren können – das ist die Qualität, die wir wollen. Wir würden unsere Kinder drunterstellen.

Daneben leben wir die Maschinenrichtlinien. Für alle Geräte werden alle erforderlichen Dokumente und eine ausführliche Kunden-Betriebsanleitung erstellt.

Ist denn das Sicherheitsbewusstsein Ihrer Kunden so ausgeprägt, dass sie diese höhere Qualität auch adäquat bezahlen?

Ludwig Endres: Nicht alle, aber sehr viele. Aber es ist unsere Aufgabe, immer mehr Kunden davon zu überzeugen, dass höhere Qualität eben auch einen höheren Preis hat. In der Regel ist das Sicherheits- und Qualitätsbewusstsein in Industriebetrieben sehr ausgeprägt und hat Vorrang – aber leider nicht überall.

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten durch die Krise führen natürlich vielerorts zu einem hohen Kostendruck, und mancher Einkäufer glaubt, er sei fein heraus, wenn er sich an die Sparmaximen hält. Hier ist es dann aber die Aufgabe der Techniker, dafür zu sorgen, dass die Qualität eingekauft und eingesetzt wird, die letztlich durch ihre Zuverlässigkeit die wirtschaftlichere ist. »Hauptsache billig, egal was es kostet«, kann und darf nicht die Lösung sein.

Ich halte es mit dem englischen Schriftsteller, Maler, Kunsthistoriker und Sozialphilosophen John Ruskin, der sinngemäß gesagt haben soll: »Es gibt kaum etwas auf dieser Welt, das nicht irgend jemand ein wenig schlechter machen und etwas billiger verkaufen könnte, und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren, werden die gerechte Beute solcher Machenschaften. Das Gesetz der Wirtschaft verbietet es, für wenig Geld viel Wert zu erhalten. Nehmen Sie das niedrigste Angebot an, müssen Sie für das Risiko, das Sie eingehen, etwas hinzurechnen. Und wenn Sie das tun, dann haben Sie auch genug Geld, um für etwas Besseres zu bezahlen.«

Ulrike Kößler: Und so sehen es viele Kunden. Beispiel Windkraftanlagen: Die Sicherheitsvorschriften zur Transportsicherung und für die Aufstellung sind enorm. Da können auch wir noch lernen. Auch die deutschen Aufzughersteller sind extrem sicherheitsbewusst. In diesen Bereichen müssen prüffähige Statiken vorgelegt werden, die vom TÜV oder vom Germanischen Lloyd abgenommen werden. Mit zusätzlichen Lasttests unter mindestens 1,25-facher, oft zweifacher Nennlast und anschließenden Rissprüfungen.

Aber die Preisdominanz nimmt zu. Was gegebenenfalls zu Lasten der Qualität geht.

Ludwig Endres: Viel hängt vom Engagement der Einzelnen ab. Bei vielen Projekten sind wir im direkten Kontakt mit Ingenieuren des Kunden oder Planers. Dort werden viele Argumente zur Sicherheit und Zuverlässigkeit konstruktiv aufgenommen, was letztlich zur Auswahl der besten Lösung, des besten Produkts führt. Dies gilt auch für viele Projekte im Ausland.

Sie machen sehr viele Einzelprojekte. Müssen Sie das Rad immer wieder neu erfinden?

Ludwig Endres: Unser Ziel ist es natürlich, unsere Lösungen und Produkte so weit wie möglich zu standardisieren. Aber vor allem bei den Lastaufnahmegeräten im Bereich Hebetechnik sind wir oft mit individuellen Anforderungen konfrontiert. Zwar bewegen wir uns auch dabei auf bekanntem Terrain, aber manchmal reicht unsere Erfahrung alleine dafür nicht aus. Oftmals sind umfangreiche Tests und Untersuchungen erforderlich. In diesen Fällen arbeiten wir mit namhaften Partnern zusammen.

Enge Abstimmungen gibt es natürlich vor allem mit den Entwicklungsbereichen unserer Kunden – was uns nicht zuletzt auch dabei unterstützt, die Erfordernisse des Marktes noch besser kennenzulernen.

Auch unser Angebot an Schulungen für Anwender, Planer und andere Zielgruppen helfen, das gegenseitige Verständnis bei der Suche nach Lösungen zu verbessern.

Ulrike Kößler: Gerade im Bereich Lastaufnahmemittel sind Schulungen unverzichtbar, weil es hier auf sehr viele Einzelheiten ankommt. Denken Sie nur an den Anschlagwinkel, der entscheidend für die Tragfähigkeit ist! Erst recht gilt das natürlich für Spezialentwicklungen, wo es ohne intensive Schulung überhaupt nicht geht.

Wir sind übrigens auch nach SCC zertifiziert, was die Stahlwerke voraussetzen, und dürfen daher Montagearbeiten vor Ort durchführen.

Eine letzte Frage: Was sind Ihnen in Ihrer Aufgabe und Verantwortung die wichtigsten Werte?

Ludwig Endres: Dass wir im Team gut zusammenarbeiten und dass wir unseren Kunden die erforderliche und versprochene Leistung hinsichtlich Qualität und Zuverlässigkeit liefern, was dann den wirtschaftlichen Erfolg unseres Unternehmens und die Arbeitsplätze der Menschen sichert, die letztlich die Basis und Verantwortlichen für diesen Erfolg sind.

Oder einfacher und kurz gesagt. Dass wird dann, wenn wir unsere Leistung bewerten, etwas fühlen können, das ganz einfach zu beschreiben ist: Stolz!

Hans-Georg Schätzl

Erschienen in Ausgabe: 04/2010