Große Herausforderungen

Handel

›Die Zukunft der europäischen Stahldistribution‹ oder ›CEE at the crossroads‹ organisierte Eurometal im März 2017 ihr regionales Treffen für Mitteleuropa in Warschau. Die regionalen Stahlhandelsverbände aus Polen (Puds), Ungarn (Mafe), Rumänien (Ardimet) und Österreich (WKO Arge SMD) hatten sich an der Veranstaltung beteiligt.

30. Mai 2017
Cinematographer/fotolia
Bild 1: Große Herausforderungen (Cinematographer/fotolia)

Einleitend sprach Robert Kay, First Vice President von Eurometal, über die größten Herausforderungen und die Funktion der Stahldistribution in Mitteleuropa. Im Anschluss auf diesen Vortrag folgten einige Beiträge, die sich eher mit regionalen Problemen der mitteleuropäischen Stahldistribution beschäftigten. Ein Highlight der Veranstaltung war zweifellos der Beitrag von Georges Kirps, dem Direktor von Eurometal. Er sprach über die neuen Herausforderungen für Flachstahl-Service-Center und lieferte die ersten Ergebnisse des Eurometal-Weißbuches. Sein Thema »Eurometal white paper on challenges facing the future of EU SSC business« fand ausgesprochen großes Interesse.

Kirps sprach zunächst über die Herausforderungen für die Zulieferer der Automobilindustrie durch die strengen Emissionsregulierungen. Er verdeutlichte, dass turbogeladene, kleinere Motoren, Stopp-Start-Technik und Gewichtsreduzierungen künftig nicht mehr ausreichen werden, um den neuen Testbestimmungen gerecht zu werden. Die hohen Kosten für die Verringerung von Stickoxiden im Abgas von Dieselmotoren würden diese schätzungsweise bis 2025 vom Markt verschwinden lassen. Die Automobilhersteller müssten sich darauf vorbereiten, die künftigen EU-Emissionsziele bis 2025 auf 68 g/km zu reduzieren. Heute liegen sie bei 130 g/km. Für die Stahl-Service-Center ergäben sich aus dieser Situation folgende Konsequenzen:

1.Zusätzliche Gewichtsreduzierungen bedeuten geringere Materialmengen.

2.Der Trend zu hochfesten, niedriglegierten Stählen im Automobilbau wird zunehmen.

3.Die Dicke von Bandstahlprodukten muss weiter reduziert werden.

4.Geringere Breiten bedeuten ebenfalls geringere Materialmengen.

Ein Paradigmenwechsel

Das ›Autonome Autofahren‹ bringe einen Paradigmenwechsel für die Zulieferer der Automobilindustrie mit sich, erklärte Georges Kirps weiter. Die Weiterentwicklung der Elektromobile werde die Motorenlieferanten stark beeinflussen und ebenso die Zulieferer von Automobilbauteilen.

Völlig neue Wettbewerber

Einer Schätzung von McKinsey zufolge werden 2025 etwa 25 Prozent aller Fahrzeuge entweder Hybridautos oder E-Mobile sein. Das bedeutet für OEMs und Tier 1, dass ihnen neue Wettbewerber entstehen. Dazu gehören unter anderem Software-Giganten wie Google, Consumer Elektronikhersteller wie Apple, Mobilitätsanbieter wie Uber oder Car-Sharing-Anbieter wie Zipcar, chinesische OEMs und schließlich Spezial-Automobilhersteller wie Tesla. Das bedeutet:

• Angestammte Lieferketten und Kundenstämme werden massiv gestört.

• Fußpedale und Steuerungssysteme werden technisch überholt sein.

•  Stahl für Inneneinrichtungen wird in hartem Wettbewerb liegen mit anderen Materialien wie Plastik, Kohlenstofffasern, Nichteisenmetallen und Holz. 

• Härterer Druck von Großkunden.

• Strammer Wettbewerb unter den Stahl-Service-Centern um eine geringere Zuliefermenge.

• Die Lieferungen von hochfestem Stahl könnten an Bedeutung verlieren, da die passive Sicherheit von der aktiven Sicherheit ersetzt wird.

Aus dieser Entwicklung werden sich wahrscheinlich folgende Konsequenzen ergeben:

• Die Struktur der Automobilindustrie wird künftig auf drei Beinen ruhen: Automobil-Hardware, Gestaltung und Automobil-Software.

• Hardware-Anbieter werden den heutigen Anbietern sehr ähnlich sein, vermutlich aber die mit den niedrigsten Gewinnmargen, weil die meisten Produkte der Hersteller nur noch als Verbrauchsgegenstände angesehen werden.

• Die Menge der Hardwareteile bei einem selbstfahrenden Elektrofahrzeug wird im Vergleich mit derzeit 30.000 Teilen mit einem Verbrennungsmotor auf gerade mal 11.000 Teile sinken.

Gewichtsreduzierung in der Automobilindustrie und in anderen Stahl verwendenden Industrien wird zu niedrigeren Mengen bei der Nachfrage nach Stahl führen.

Überkapazitäten sind eine weitere Bedrohung

Der zunehmende Protektionismus weltweit wird die Ausbringung europäischer Exportindustrien wie die Automobil-Erstausrüster oder Maschinenbauer verlangsamen. Darüber hinaus baut die Aluminium-Industrie ihre Anwendungsmöglichkeiten aus und greift so die Stahlverarbeiter an.

Folglich werde der EU-Stahlmarkt für Bandstahlwalzwerke nach Einschätzung von Georges Kirps in den kommenden Jahren wenig oder gar nicht mehr wachsen.

Die Folgen dieser Entwicklung sind:

• Jüngste und geplante Investments der Stahl-Service-Center werden erneut die Kluft zwischen Kapazität und Nachfrage bei den Stahl-Service-Centern in der EU vergrößern.

• Aluminium-Hersteller wie Constellium bauen ihre Automobilblech-Herstellung aus und üben dadurch zusätzlichen Druck auf die bestehenden Stahl-Service-Center aus.

• Druck auf die Herstellungskapazitäten bedeutet geringere Gewinnmargen.

• Kooperationen, Joint Ventures und Konsolidierungen stehen oben an auf der Agenda.

Kirps erwähnte noch weitere Herausforderungen für die Stahl-Service-Center in der EU. Dazu gehöre die immer wieder notwendige Anpassung der Stahl-Service-Technik an die sich permanent verändernden Wünsche der Kunden. Auch die interne Produktionsplanungs- und Lieferketten sollten dringend modernisiert werden.

Hans Georg Diederichs

Fachjournalist aus Grevenbroich

Erschienen in Ausgabe: 04/2017