Graue Wolken am Wissenschaftshorizont oder Das Duell Hirsch gegen Elefant

Übrigens...

Prof.-Dr.-Ing. Wolfram Volk

04. Dezember 2017

Liebe Leser,

diesmal möchte ich mich zum Jahresende mit einem Thema auseinandersetzen, das uns als universitäre Forschungseinrichtung in den anwendungsnahen Ingenieurwissenschaften aktuell sehr beschäftigt: Die Entscheidung zur Exzellenzstrategie als Nachfolge zu den bisherigen Exzellenzinitiativen für Universitäten steht vor der Tür und in allen Entscheidungsgremien der großen Universitäten herrscht entsprechende Anspannung. Hier geht es nicht nur um das potenzielle Fördervolumen von 10 bis 15 Millionen Euro pro geförderte Universität, sondern vielmehr um das Prestige, sich Exzellenzuniversität nennen zu dürfen.

Allein an der bezogen auf den Gesamthaushalt der Universitäten eher kleinen finanziellen Ausstattung des Programms ist klar, dass andere Aspekte im Vordergrund stehen und die Stärkung des Forschungsstandorts Deutschlands im internationalen Wettbewerb, das eigentlich anvisierte Ziel, eher ideell als materiell erfolgt.

Natürlich ist es nachvollziehbar und verständlich, dass ein internationaler Gutachterkreis sich um die Anträge kümmert und versucht, ein möglichst objektives Ergebnis zu erzielen. Nun fangen aber die Schwierigkeiten an, denn die Anforderungen und Rahmenbedingungen müssen über alle Wissenschaftsbereiche hinweg definiert werden.

Besonders in den anwendungsnahen Ingenieurwissenschaften gibt es ein international sehr unterschiedliches Selbstverständnis. Im angelsächsischen Bereich steht ganz klar die sogenannte wissenschaftliche Reputation im Vordergrund. Vereinfacht gesagt wird als vorrangiges Messinstrument der sogenannte Hirsch-Index („h-Index“) herangezogen. Hierin wird sowohl die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen als auch ihre Beachtung gemessen (n Arbeiten, die mindestens n-mal zitiert wurden).

Ein wichtiger Punkt der anwendungsnahen Ingenieurwissenschaften, die industrielle Bedeutung und Umsetzbarkeit der Forschung, findet hier allerdings keine direkte Berücksichtigung. Dies ist ein Trend, den wir auch neuerdings in vielen Berufungsverfahren für Professoren bei uns feststellen. Die Anzahl der Kollegen mit einschlägiger Industrieerfahrung nimmt in den letzten Jahren ganz klar ab. Zudem werden wir von großen Universitätsinstituten kontinuierlich mit der Kritik konfrontiert, dass wir zu viele Doktoranden haben, die wir angeblich gar nicht betreuen können und daher kleiner werden sollen (›Elefanten‹).

Ich erwidere dann gerne, unsere großen und teuren industrienahen Versuchsanlagen könnten nur effizient betrieben werden, wenn wir interne Arbeitsgruppen mit hinreichender Anzahl unterschiedlicher Projekte haben. Daraus ergibt sich dann zwangsläufig eine Mindestzahl wissenschaftlicher Mitarbeiter, die für eine effektive Forschung mit dem Anspruch der Behandlung anwendungsrelevanter Probleme nötig ist.

Allerdings kommen wir immer wieder zu der schwierigen Frage, wie viel Wert erfolgreiche Kooperationen und Transferprojekte zwischen Industrie und Forschungseinrichtung für die Bewertung der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit im Vergleich zum h-Index haben. Dies sehe ich mehr und mehr als überzeugter Professor mit Industrienähe, also einem Elefanten, sehr kritisch, und ich befürchte daher, dass die Transferfähigkeit von Erkenntnissen in die Industrie gegenüber Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, den Hirschen, in den Hintergrund gedrängt werden.

Ich möchte in diesem Zusammenhang hervorheben, dass ich auf keinen Fall gegen Fachpublikationen wettern möchte. Ganz im Gegenteil, denn dies ist ein ganz wichtiges Ergebnis der universitären Forschung, aber eben nicht ausschließlich. Die Mischung macht’s. Interessanterweise macht sich diese ›Amerikanisierung‹ der Ingenieurwissenschaft auch in der Hochschullehre bemerkbar. Es wird von vielen grundlagenorientierten Kollegen in Zweifel gezogen, ob etwa die Fertigungstechnik überhaupt noch Teil der Grundausbildung sein sollte und wir nicht mehr mathematische Grundlagen wie Statistik benötigen. Nach meiner Überzeugung kann man das schon machen, sollte unseren Studiengang dann aber nicht mehr Maschinenbau, sondern „Theoretical Engineering“ nennen.

Es ist schwierig vorherzusehen, was wirklich erfolgreich und richtig ist. Für mich ist klar, dass ich mit aller Kraft für die Diversität in Forschung und Lehre kämpfen werde. Für jede Unterstützung, sei es ideell oder in Form konkreter Projekte, bin ich natürlich sehr dankbar.

Trotz dieser durchaus nachdenklichen Zeilen möchte ich jedoch nicht vergessen, Ihnen eine schöne Vorweihnachtszeit mit fröhlichen Feiertagen und einen guten Rutsch ins neue Jahr zu wünschen.

Ihr

Wolfram Volk

Erschienen in Ausgabe: 07/2017