Globalisierung

Wenngleich niemand das Wort in den Mund nehmen möchte - es „boomt“ in Deutschland. bbr fand auf der Tube & Wire zahlreiche Indikatoren. Zudem darf sich Deutschland sicher zu den Gewinnern der Globalisierung zählen.

09. Juni 2006

Die gefühlte Lage der Nation mag gerade bei vielen Arbeitnehmern noch eine andere sein - dennoch, es boomt wieder in Deutschland. Die Messen Tube & Wire in Düsseldorf beispielsweise vermittelten hier ein Stimmungsbild, das man getrost als sehr optimistisch bezeichnen darf. Mag auch niemand das englische Wort des Aufschwungs mehr in den Mund nehmen, der Aufwärtstrend bei Auftragseingang und Nachfrage hat sich stabilisiert. „Wir haben lange nicht mehr eine solche Konjunktur gehabt“, umschrieb etwa Dr. Gunther Voswinckel, Vorsitzender der Geschäftsführung der Otto Junker GmbH, Simmerath, die derzeitige Wirtschaftslage.

Auf der Pressekonferenz von Messegesellschaft und der Mittelstandsbank IKB (Deutsche Industriebank) - die erstmals den IKB-Branchenbericht „Stahl- und Metallverarbeitung: Fortschreitende Globalisierung als Chance“ (den Bericht gibt es als PDF-Datei unter: www.ikb.de) vorstellte - machte Dr. Voswinckel auch eines klar: „Die Globalisierung empfinden wir als positiv. Wenn wir in den Wachstumsmärkten Arbeitsplätze und Wertschöpfung schaffen, dann kommt dies auch unseren heimischen Unternehmen zugute“, und präzisiert: „Wir brauchen die Exportzuwächse, um die Erosion der lokalen Beschäftigung aufzuhalten.“

Den aktuellen Tarifabschluss mit der Drei vor dem Komma empfindet der Vorstandsvorsitzende denn auch als „kontraproduktiv für die Bemühungen zur Sicherung deutscher Arbeitsplätze.“

Natürlich beschäftigen sich exportorientierte Unternehmen auch mit dem Thema „copyright“, denn gerade China steht hier oftmals in der Kritik, es mit dem Patentschutz der Produkte europäischer, japanischer oder US-amerikanischer Herkunft nicht sonderlich ernst zu nehmen. „Wir müssen einfach innovativer und schneller sein, als die anderen“, wiegelt Dr. Voswinckel ab und verweist auf die Europäer, die sich doch nach dem Kriege vor allem US-Produkte auch genauer angesehen hätten. „It`s part of the game“, wie er lächelnd anmerkt.

Spezialunternehmen, wie das seine, können dem sicher noch einigermaßen gelassen entgegensehen, doch viele KMUs sind hier oftmals weit weniger entspannt. Und ähnlich, wie damals die Europäer, ist China längst dazu übergegangen eigene Hightech zu entwickeln.

Bereits jetzt sind über 30 Mio. Menschen dort in der Forschung und Entwicklung tätig, und der Hunger aufzuholen oder gar zu überholen, ist mächtig. „Hightech zu Lowcost“ auch aus Indischer Produktion ist ein Zukunftsszenario, dem sich die westlichen Industrien bereits heute stellen müssen - zumal der Importdruck gerade aus asiatischen Ländern bei vielen Standardprodukten der Stahl- und Metallverarbeitung schon heute steigt.

Klasse statt Masse

Die Entwicklungen in Deutschland, gerade in den letzten, von Konjunkturtiefs geprägten, Jahren haben deutlich einige Trends aufgezeigt, sich der rauen Weltwirtschaft zu stellen: Marktnischen besetzen, Spe­zialprodukte herstellen, Innovativ sein, Kundenorientierung, Service und Logistik, Themen, denen sich die bundesrepublikanischen Unternehmen aktiv angenommen haben.

Ein Beispiel von vielen ist die deutsche Schraubenindustrie, die auf Klasse statt Masse setzt - mit Erfolg. Zwar kommt Deutschland mit einem Anteil von 33 % der europäischen Schraubenproduktion hinter Italien nur auf Platz zwei (Italien 42 %), betrachtet man aber den Warenwert, liegt Deutschland mit 42 % (Italien 28 %) ungeschlagen an der europäischen Spitze. „Dies liegt daran, dass sich die deutschen Hersteller auf Spezialitäten, wie kundenspezifische Produktion bei kleinen Losgrößen, spezialisiert haben. Hier bewegen sich die Unternehmen in Stückzahlenbereichen, die für die Produzenten in den Billiglohnländern einfach nicht rentabel sind“, so Dr. Heinz-Jürgen Büchner, Direktor Volkswirtschaft und Research IKB Deutsche Industriebank, Düsseldorf.

„Es gilt für viele Unternehmen ihr Produktspektrum umzustellen, in neue Produktionslinien zu investieren und auch dort zu produzieren, wo ihre Kunden produzieren. Die IKB unterstützt in Deutschland inzwischen jedes dritte Unternehmen (mit einem Umsatz über 25 Mio. Euro) bei seinen Investitionen“, so Dr. Heinz-Jürgen Büchner und zeigt, dass es auch nach »Basel II« noch Kapital von Banken gibt.

Arbeitsplatzverlagerung

Gerade die Rohrhersteller, Anlagen- und Maschinenbauer partizipieren derzeit vom Ausbau der Energieversorgung in Ländern, wie China oder Russland. So verzeichnen zahlreiche Unternehmen nicht mehr nur kurzfristige Projekte, sondern können oftmals schon von einer Auslastung ihrer Produktion bis Jahresende sprechen.

Dennoch wird die Arbeitsplatzverlagerung nach dem Motto „Go east“ weiter voranschreiten. So lautet das Ergebnis einer Umfrage des Wirtschaftsmagazins Wirtschaftswoche - nach der Befragung von Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes -, dass zwischen 2005 und 2009 pro Jahr etwa 152.000 Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden.

Das betrifft Unternehmen mit einem Umsatz bis 10 Mio. Euro genauso, wie Unternehmen mit einem Umsatz jenseits der 250 Mio. Euro, wenngleich der Trend zur Verlagerung der Wertschöpfung ins Ausland bei den großen Unternehmen weitaus ausgeprägter ist. Spitzenreiter ist hier nicht etwa China als Zielregion, sondern insbesondere die osteuropäischen Nicht-EU-Staaten.

Gerade die großen Automobilbauer verlagerten in den letzten Jahren ihre Fertigungskapazitäten zunehmend dorthin: „Für die Zuliefererindustrie ergibt sich daraus ebenfall“, so Dr. Heinz-Jürgen Büchner von der IKB.

Da ist es trotz allem sicher nur ein schwacher Trost für deutsche Arbeitnehmer, dass durch diese Maßnahmen wenigstens ein Teil ihrer Arbeitsplätze gesichert wird, zumal inzwischen nicht nur die Produktion von den Auslagerungen betroffen ist, sondern auch Service, Vertrieb und Einkauf. Selbst Forschung und Entwicklung sowie die Administration sind inzwischen keine heiligen Kühe mehr.

Stimmungshoch

Wilhelm Niedergöker, Geschäftsführer der Messe Düsseldorf GmbH, konnte durchweg erfreuliches melden. Nicht nur die Wire, sondern auch die Rohrfachmesse Tube habe sich prächtig entwickelt.

Allein die Tube, die 1998 ihre Premiere feierte, zählte in diesem Jahr stolze 829 ausstellende Unternehmen auf rund 32.000 m2. Was für die Unternehmen zu gelten scheint, stimmt auch für seine Messen: „Der Trend geht eindeutig hin zu Spezialmessen“, was auch der Projektleiter Tube und Wire 2006, Friedrich-Georg Kehrer bestätigt.

Dies trifft in diesem Jahr auch insbesondere für die Fachmesse Wire (Draht) zu, deren Präsident, Dr. Horst Birkmann (Präsident der IWCA) nicht nur die Ausstellerzahlen mit 1.149 Unternehmen aus 49 Ländern freudig zur Kenntnis nahm (+?14,1 %), sondern ausdrücklich auf die positive Branchenentwicklung zu sprechen kam. „Der derzeitige Boom ist doch nichts anderes als der Reflex auf die Globalisierung, die unsere Industrie recht zügig angegangen ist.“ Auch zur Globalisierung, ihren Chancen und Risiken, äußerte sich der Präsident hoffnungsvoll: „Unter Globalisierung verstehe ich, dass wir durch die Gründung neuer Produktionsstandorte in entfernten Märkten neue Märkte hinzugewinnen. Dabei sollte der negative Beschäftigungseffekt im Inland aufgrund der teilweisen Verlagerung von Arbeitsplätzen durch positive Effekte der Gewinnung neuer Absatzmärkte zumindest kompensiert werden. Ich bin der Meinung, dass unsere Industrie, und wenn ich von Industrie spreche, meine ich immer nur unsere mittelständische Industrie, dies zwischenzeitlich erkannt hat, und es auch so handhabt. Durch Innovationen und technischen Fortschritt in unseren Stammmärkten müssen wir unseren technischen Vorsprung halten, und zwar kontinuierlich. Dann ist die Globalisierung eine echte Chance für Wachstum und Beschäftigung auch in unseren Heimatmärkten.“ Doch nicht nur für technische Produkte gilt es den Vorsprung zu verteidigen, dies gilt auch für den Bereich der Logistik: „Europa und die USA sind in den nächsten zehn Jahren, was die Logistik betrifft, gegenüber China sicher noch im Vorteil“, so sieht es zumindest Dr. Heinz-Jürgen Büchner, Direktor Volkswirtschaft und Research IKB Deutsche Industriebank, Düsseldorf. Noch, denn gerade in diesem Bereich unternimmt China enorme Anstrengungen. „China investiert derzeit enorm viel in seine Logistik.“

Zufriedene Gesichter

„Globalisierung als Chance und nicht als Gefahr sehen“, lautet also der Aufruf. Auf zahlreichen Messeständen der Tube, die bbr besuchte, herrschte nicht nur reges Treiben, sondern eine äußerst positive Stimmung: „Wir haben hier in der Regel ausschließlich hochwertige Kontakte“, verriet eine Unternehmerin bbr, und ein italienischer Unternehmensvertreter lobte den Deutschen Markt, wo sein Unternehmen bereits im vergangenen Jahr einen Exportzuwachs von 50 Prozent erreichen konnte. Das zeigt, dass sich endgültig auch im Deutschen Inland der Nachfrageanstieg konsolidiert. Positiv aus Sicht der Aussteller ist sicher auch, dass die Zeiten, wo große Schwärme an Besuchern nur geringe Messenachgeschäfte verursachten, endgültig vorbei sind: „Wir sind hier, um Geschäfte zu tätigen, Kontakte zu pflegen und neue Kunden zu gewinnen. Ich bin überzeugt davon, dass uns dies auch diesmal wieder gelingen wird“, so ein langjähriger Tube-Aussteller.

Viele Messestände waren bereits am zweiten Messetag einem derartigen Besucheransturm ausgesetzt, dass ein Durchkommen schwierig wurde. Nicht zuletzt der Energiehunger der Chinesen beschert vielen Maschinenbauern und Rohrherstellern in diesem Jahr eine exzellente Basis für volle Auftragsbücher.

Die beiden Weltmessen in Düsseldorf konnten jedenfalls auch hinsichtlich der Besucherzahlen Rekorde vermelden. Wenn die von vielen Ausstellern gelobten „hochwertigen Kontakte“ dabei herausgekommen sind, dann gibt es Gewinner auf allen Seiten.

Know-howGlobalisierung

Der aus den Sozialwissenschaften stammende Begriff Globalisierung, der 1961 erstmals in einem englischsprachigen Lexikon auftaucht, drang nach 1990 in die öffentlichen Debatten im deutschsprachigen Raum. Eine andere, wenig gebräuchliche Bezeichnung ist Mondialisierung (nach dem im Französischen bevorzugten Begriff Mondialisation: Le monde heißt ›die Welt‹). Einige bezeichnen den beschriebenen Prozess nicht als Globalisierung, sondern als Entnationalisierung oder Denationalisierung, um auszudrücken, dass der Nationalstaat im Zuge der Globalisierung immer mehr an Macht und Bedeutung verliert.

Kurz: Globalisierung bedeutet: zunehmende internationale ökonomische und nichtökonomische Verflechtung. (Quelle: www.wikipedia.org)

Erschienen in Ausgabe: 06/2006