Glänzende Perspektiven

Aluminiumeinsatz nimmt zu

Als die industrielle Produktion von Aluminium Ende des letzten (19.) Jahrhunderts ihren Anfang nahm, ahnte noch niemand, in welchem Ausmaß das neue Metall die Märkte durchdringen würde. An der Schwelle zum neuen Jahrtausend sind Aluminiumprodukte aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. In technischen Anwendungen wie Verkehr und Verpackung ebenso wie im Haushalt und Wohnbereich begegnet uns das silbern glänzende Metall mittlerweile auf Schritt und Tritt. Und selbst die Modebranche nutzt es für ausgewählte Kollektionen. Wo Nutzen und Ästhetik so dicht beieinander liegen, darf erwartet werden, dass der Werkstoff auch im 21. Jahrhundert seine Karriere ungebrochen fortsetzen wird.

10. April 2001
Zweck: Space-Frame-Karosserie des Audi A2 - innovativer Leichtbau mit Aluminium-Guss- und Strangpress-Bauteilen (Foto: Audi, Ingolstadt)
Bild 1: Glänzende Perspektiven (Zweck: Space-Frame-Karosserie des Audi A2 - innovativer Leichtbau mit Aluminium-Guss- und Strangpress-Bauteilen (Foto: Audi, Ingolstadt) )

Es ist erst wenige Monate her, dass die 58. Internationale Automobil- Ausstellung in Frankfurt mit über 50 Weltneuheiten glänzte. Ein Highlight dieser Messe war zweifellos die Präsentation des Audi A2, des ersten Großserienfahrzeugs in Alu-Bauweise. Dank VollaluminiumKarosserie und des Einsatzes vieler weiterer Leichtmetall- Bauteile ist der Audi-Mini mit 895 Kilogramm deutlich leichter als ein vergleichbares herkömmliches Modell. Allein der Gewichtsvorteil der Alu-Karosserie gegenüber herkömmlichen Bauweisen setzt neue Maßstäbe in der Automobilbranche - ohne Abstriche an Komfort und Sicherheit. Der A2 ist ebenso wie der 3-Liter-Lupo von VW Wegweiser einer Entwicklung, die an der Schwelle des neuen Jahrtausends zu einem weiteren Etappensprung ansetzt.

Zwar präsentierte schon vor genau 100 Jahren ein Unternehmen namens Dürkopp auf der Internationalen Motorwagen-Ausstellung 1899 in Berlin einen kleinen Sportwagen mit einer Aluminium-Karosserie.

Aluminium im Auto - auch in der Klein- und Mittelklasse

Doch hatte die Fertigung eines Sportwagens mit Alu-Karosserie damals eher „experimentellen“ Charakter - ähnlich wie die ersten Porsche vor etwa 50 Jahren. Heute setzen dagegen alle Autohersteller auf einen stärkeren Einsatz des leichten und recyclingfreundlichen Werkstoffs. Aluminium wird immer stärker in Volumenfahrzeugen, also in der Klein- und Mittelklasse, eingesetzt - sei es im Karosseriebereich, für Benzin- und vermehrt auch Dieselmotoren oder im Fahrwerk. Dieser Trend spiegelt sich eindrucksvoll in Zahlen. 1955 wurden durchschnittlich 19 Kilogramm Aluminium pro Fahrzeug verbaut, heute sind es etwa 85 Kilogramm. Und in zehn Jahren? „Dann wird der Aluminiumanteil bei rund 130 Kilogramm je Pkw liegen“, prophezeit Alwin Schmitt, Pressesprecher der AluminiumZentrale in Düsseldorf. „Dabei kommt der Innovationskraft der Branche eine zentrale Rolle zu.“ Schmitt spielt mit seiner Äußerung auf die Entwicklung neuer Werkstoffe und Produkte an, mit denen die Aluminiumindustrie neue Anwendungsfelder besetzen will. „Aluminiumschaum“ ist so ein neuer Werkstoff: leichter als Wasser und doch von extremer Steifigkeit. Eine Kombination von Eigenschaften, dank derer sich etwa Knautschzonen konstruktiv erheblich verbessern lassen.

Aluminiumverpackungen - absolut dicht und bequem zu handhaben

Eine ähnliche Entwicklung wie für den Automobilsektor kann für den Verpackungsmarkt nachgezeichnet werden. Aluminium in der Verpackung - das bedeutet für die heutige Familie eine Vielzahl von Produkten wie Alufolie, Getränkekartons und -dosen, Verbundverpackungen für Kaffee, Spraydosen, portionsgerechte Menüschalen. Viele dieser Produkte haben sich erst im Laufe der letzten Jahrzehnte am Markt etabliert. Nicht zuletzt, weil Verpackungen heute höchste Ansprüche erfüllen müssen - zum Beispiel den auf absolute Dichtigkeit und zugleich bequeme Handhabung - damit Lebensmittel länger haltbar bleiben oder ihr Aroma bewahren, vorgefertigte Menüs aus dem Supermarktregal nur noch aufgewärmt werden müssen oder die Kopfschmerztablette keine Feuchtigkeit aufnimmt. Was nützt schließlich die dichteste Verpackung, wenn man sich sprichwörtlich die Zähne daran ausbeißt, um sie zu öffnen. Aluminium, allein oder im Verbund mit anderen Werkstoffen, ist daher oft unverzichtbarer Verpackungswerkstoff, der auch in Zukunft gefragt sein wird.

Am Anfang dieses Jahrhunderts spielte die Aluminiumverpackung dagegen noch keine Rolle. Die ersten Anwendungen kamen 1911 auf den Markt, als es gelang, dünne Folien maschinell herzustellen. Fortan wurde Schokolade in Aluminium anstelle von Stanniolpapier eingewickelt. Zu der Zeit hielt das neue Metall auch in Form von Haushaltswaren wie Töpfen, Kesseln und Geschirr Einzug in den Alltag der Menschen. Das Kochgeschirr war zwar anfangs noch verhältnismäßig teuer, doch vermerkte ein Lernbüchlein („Die Haushaltsschule“) aus dem Jahr 1912 lapidar: „Geschirre aus Aluminium sind teuer, allein sie rosten nicht.“ Zehn Jahre später gab es schon ausführliche Kataloge für Einzelhändler - mit Verkaufsargumenten für Aluminium- Kochgeschirr: „Größte Leichtigkeit, leichtes Reinigen, beste Wärmeleitung, daher Brennmaterialersparnis…“.

„Hot Bertaa“ und „La cupola“ - AluDesign-Objekte mit Stil

In den 20er Jahren verkörperte Alu-Kochgeschirr für junge Familien die Hoffnung auf ein besseres Leben: weg vom Kohleherd und den schweren Eisentöpfen. Junge Frauen bestanden vielfach auf einer Aluminiumausstattung. Das mag heute anders sein, doch ist Aluminiumgeschirr nicht auf den Campingbereich und Rucksacktourismus beschränkt. Wer häufig kocht, weiß eine leichte Aluminium-Bratpfanne nach wie vor zu schätzen.

Doch überzeugt der Werkstoff neben seiner Funktionalität auch durch seine Ästhetik. Viele moderne Designer haben ihre besten Entwürfe in Aluminium geschaffen. Wer kennt sie nicht - die Espressomaschine „La cupola“ von Aldo Rossi, den Wasserkessel „Hot Bertaa“‘ und die langbeinige Zitronenpresse „Juicy Salif“ von Philippe Starck aus dem Hause Alessi? Produkte, die heute gerade einmal zehn Jahre alt sind und schon Kultstatus besitzen. Produkte, die eine Vielzahl junger Design-Künstler zu immer neuen Gebrauchsobjekten aus Aluminium inspirieren: Wand- und Hängelampen in immer neuen verspielten Formen, Bilderrahmen, Schreibutensilien bis hin zu so profanen Dingen wie Trittleitern und Mülleimern. Eine gezielte Behandlung der Oberfläche bringt Farbe ins Spiel: Intensive Töne erzielt man durch das Beschichten mit Pulverlacken, während beim Eloxieren ein seidenmatter Farbton entsteht, bei dem die metallische Struktur des Aluminium sichtbar bleibt. Dem Farbenspiel sind kaum Grenzen gesetzt. Gebrauchs-Designer verwenden Aluminium immer öfter auch für Möbel oder Teile der Inneneinrichtung: für aluminiumfarbene Schrankfronten, Bettgestelle, Tische und Stühle, Regalsysteme. Als Detail oder direkter Blickfang setzt das Leichtmetall glänzende Akzente, die sich durch fast alle Stilrichtungen ziehen. Seine kühle Eleganz entfaltet seinen besonderen Reiz in Kombination mit kontrastierenden Werkstoffen wie Holz oder Glas. Wer einen Designshop- Katalog etwa von Philip Morris aufschlägt, findet eine Fülle von Anregungen, die die eigenen Wohnung mit Gebrauchsartikeln aus Aluminium stilvoll verschönern und dadurch die Persönlichkeit der Menschen unterstreichen, die in ihr leben.

Das ist es, worum es schließlich auch in der Mode geht - die eigene Persönlichkeit durch die Art, sich zu kleiden zur Geltung zu bringen. Der Kreativität sind kaum Grenzen gesetzt, wie die aktuellen Designer- Kollektionen wieder einmal zeigen. Dabei wagen sich die Modeschöpfer sogar an Aluminiumfolie heran. Das Zauberwort heißt „metallisches Effektgarn“, das zum Beispiel in Hemden, Blusen und Damenstrümpfen eingenäht wird und ihnen einen edlen Glanz verleiht. Grundlage dieses Garns ist dekorative Folie aus Aluminium. Es bedarf vieler komplizierter Zwischenschritte, bis sie zu dünnen Fäden verarbeitet ist - ein High-Tech-Produkt, das ähnlich viel Know-how erfordert wie zum Beispiel die Fertigung des „Aluminiumkleides“ für den Audi A2.

Den Zenit noch lange nicht erreicht

Der Verkehrssektor - und hier das Auto - hat sich mittlerweile zum wichtigsten Absatzmarkt für Aluminium entwickelt. Zweifellos wird Aluminiumgarn auch in zehn, zwanzig oder hundert Jahren nicht zu einem ähnlich starken Wachstumsmotor für die globale Nachfrage nach Leichtmetall werden wie das Automobil. Doch stehen beide Produkte stellvertretend für einen Werkstoff, der dank seiner vielseitigen Eigenschaften im Laufe dieses Jahrhunderts immer neue Märkte erobert hat. An der Schwelle zum 21. Jahrhundert spielt dabei auch seine gute Recyclingfähigkeit eine zentrale Rolle. „Ein Produkt muss heute mehr denn je ökologischen Anforderungen gerecht werden, um sich dauerhaft am Markt durchzusetzen“, ist Alwin Schmitt überzeugt. „Aluminium hat hier alle Trümpfe in der Hand. Schon heute wird rund ein Drittel des Bedarfs aus Recycling-Material gedeckt. Dieser Anteil wird langfristig eher steigen.“ Gute Voraussetzungen also, dass Aluminium seinen Zenit noch lange nicht erreicht hat.

Erschienen in Ausgabe: 01/2000