Gilchinger Stahldiät

Innovativer Blechbearbeiter setzt auf hoch- und höchstfeste Stähle

„Ich habe eine Vision“, so Hermann Dejako, Geschäftsführer der Zelenka GmbH, Gilching, bei München: „in 5 Jahren wollen wir mindestens 50 Prozent hoch-, höchst- und vielleicht ultrafeste Stähle für unsere Produkte einsetzen.“ Woher seine „Liebe“ speziell zum Schwedenstahl rührt, fragten wir ihn nach der Verleihung des „Bayerischen Staatspreises für das Handwerk“ der zum 3. Mal an seinen 65-Mann/Frau-Betrieb ging.

29. April 2004

„1999 erhielten wir diesen Preis für unsere Ergo-Linie, das sind Arbeitstische und Schreibtische, die sich individuell der Körpergröße des Menschen, der gerade daran arbeitet, anpassen lassen. Damals hat man uns belächelt, doch heute macht dieses neue Segment bereits 15 Prozent unseres Umsatzes aus. So konnten wir beispielsweise für den Schuhfabrikanten Gabor 1.500 höhenverstellbare Unterbauten für Nähmaschinen liefern. Der Krankenstand ist mit den neuen Arbeitsplätzen spürbar zurückgegangen. Auch BMW, Airbus und bekannte Automobilzulieferer beliefern wir inzwischen mit unseren höhenverstellbaren Arbeits- und Schreibtischen“, freut sich der Geschäftsführer von Zelenka über den enormen Erfolg.

Das Material der Zukunft?

Die Umsatzverteilung hat sich bei Zelenka seither drastisch verändert. War der Umsatz vor dieser Innovation auf 70% Betriebseinrichtungen und 30% Lohnfertigung verteilt, sind es heute 30 bis 35% Betriebseinrichtungen, etwa 50% Lohnfertigung und bereits 15% werden im neuen Geschäftsfeld Ergonomieprodukte erzielt.

2004 war der Grund der Jury Zelenka zum dritten Male mit dem „Bayerischen Staatspreis im Handwerk“ zu bedenken, ein ganz anderer - sozusagen ein „Materialistischer“. Zelenka setzt auf hoch- und höchstfeste Stähle und bewies am Beispiel ihrer Mehrweg-Transportpalette Z/MT-04001, die in Flugzeugen und LKWs transportiert wird, welch „schwerwiegenden“ Auswirkung eine „Stahldiät“ haben kann. „Das Schwierigste war zuerst einmal an nur 1 Tonne hochfesten Stahl zu kommen. Wir wollten Erfahrung sammeln, ausprobieren, ohne gleich zig Tonnen Stahl abnehmen zu müssen. SSAB aus Schweden war dazu bereit, trotz voller Auftragsbücher, und sie haben uns zudem mit einer Fülle von Informationen und Anwendungsbeispielen versorgt“, lobt Hermann Dejako die Schweden. Nachdem man sich bei Zelenka einen Überblick verschafft hatte, kam man zum Schluß die fahrbare Mehrweg-Transportpalette weiter abzuspecken. „Schon einmal konnten wir das Gewicht der Paletten durch die Wahl eines offenen Profils - statt des bisher eingesetzten Vierkantrohres - um 8% senken. Doch hochfeste Stähle lassen wesentlich dünnere und damit leichtere Bleche zu, ohne daß sich die Festigkeit der gesamten Palette negativ verändert, im Gegenteil.

Die Bearbeitung hochfester Stähle, ein Problem?

Zudem werden die Transportpaletten noch haltbarer.“ Hermann Dejako und seine Konstrukteure erreichten eine Gewichtsreduzierung von sage und schreibe 22 %. „Wir waren gespannt, welche Auswirkungen das auf die Transportkosten einerseits und den CO2-Ausstoß von LKWs und Flugzeugen andererseits haben würde. Da stand uns das Umweltbundesamt in Berlin zur Seite.“ Hermann Dejako war selbst von dem Resultat der Untersuchungen überrascht: „Um 1 Tonne 1.000 km zu transportieren (Durchschnittskosten etwa 250 Euro) kamen wir auf etwa 60 Euro weniger. Beim CO2-Ausstoß beim LKW (147 Kg CO2 um 1 Tonne 1.000 km zu transportieren) reduzierte sich der CO2-Ausstoß pro Transportpalette von vorher über 14 Kg auf unter 12 Kg und beim Flugzeug von vorher 90 auf nur 70 Kg.“ Dieses Ergebnis freut nicht den Geschäftsführer, denn Zelenka ist dem Umweltgedanken sehr verwurzelt. Es überzeugte auch der Jury des Bayerischen Staatspreises für das Handwerk. „Dies alles haben wir in einem neuen Prospekt grafisch aufbereitet und anläßlich unserer Betriebsfeier nach der Preisverleihung an unsere Mitarbeiter verteilt. Ich habe den Eindruck, das die schon sehr stolz sind, daß ihr Unternehmen derart innovativ ist und dies auch von unabhängiger Stelle honoriert wird“, freut sich der Geschäftsführer über den Motivationsschub, den der Preis bei den Mitarbeitern bewirkte. „Auch meine Hausbanken haben diese staatliche Bestätigung unserer Innovationskraft freundlich zur Kenntnis genommen.“

Da Zelenka sozusagen ein blutjunger Anwender hoch- und höchstfester Stähle ist, mußten die Mitarbeiter erst einmal Erfahrungen sammeln. Zwar blieb das offene Profil der Mehrweg-Transportpalette mit seinen Außenmaßen bestehen, jedoch nun mit dem um 0,8 mm dünneren und viel festeren Schwedenstahl (Domex mit 650 MPa). „Beim Laserschneiden zeigte sich erfreulicherweise weniger Grat. Beim Stanzen geht der feste Stahl sicher auf die Standzeiten, das wird noch untersucht. Die größte Herausforderung stellte das Abkanten dar. Hier kommt es ganz entscheidend auf die richtige Werkzeugauswahl mit den passenden Radien an und auf die Walzrichtung des Stahlbleches“, erklärt Hermann Dejako. Wichtig ist ihm auch, daß nur geringste Abfallmengen entstehen, denn die Durchmischung der normalen Restbleche mit hochfesten Sorten könnte zukünftig problematisch sein, befürchtet der Geschäftsführer. Dank der Hilfe aus Schweden realisiere Zelenka sein erstes hochfestes Projekt. „Die Mehrweg-Transportpalette spart nicht nur Transportkosten und kommt der Umwelt zugute, die Gesamtkosten im Produkt-Lebenszyklus sind zudem deutlich geringer. Wenn man bedenkt, daß die hochfesten Stähle in etwa 10% mehr kosten als normale Stahlsorten, wir jedoch über 20% Materialgewicht einsparen können (Stahl wird nach Gewicht verrechnet), zeigt sich, daß sich der Einsatz rechnet“, meint Hermann Dejako. Da die Stahlpreise in diesem Jahr insgesamt deutlich angezogen haben, und beispielsweise SSAB auch kleine Tonnagen ihrer hoch- und höchstfesten Stähle liefert, gibt es eigentlich keine wirkliche Barriere mehr, die kleine und mittlere Unternehmen von der Verwendung des edlen Stahles abschrecken könnte. Gerade im Transportwesen zeigt das Beispiel von Zelenka, welchen Beitrag diese Stahlsorten auch für die Umwelt bieten können. Auf die Qualität, sprich Homogenität des hochfesten Stahls angesprochen, zeigt sich der Zelenka-Geschäftsführer zufrieden: „Wir haben 10 Blechproben zur externen Härtemessung geschickt. Das Ergebnis zeigt eine durchweg konstante Festigkeit.“

Innovatives Material mit Erklärungsbedarf

Die Gilchinger Blechveredler haben sich in den letzten Jahren nicht nur neue Märkte geschaffen - als sie sich vom „normalen“ Lohnfertiger zum Hersteller ganzer Baugruppen und eigener Produktlinien entschlossen -, sie haben bewiesen welches Potential in ihren Mitarbeitern steckt. Ein Zelenka-Mitarbeiter beispielsweise, der ehemals 300 Schubladen pro Tag fertigte, hat heute die Verantwortung für bis zu 8 unterschiedliche Einzelaufträge. „Wir haben unsere Mitarbeiter immer weiterqualifiziert und auf die neuen, viel komplexeren Tätigkeiten vorbereitet. Auch die Ausbildung eigener Leute ist uns unheimlich wichtig. Wir haben in den letzten 10 Jahren 33 junge Menschen ausgebildet und die, die das wollten und konnten übernommen“, erklärt Hermann Dejako und noch eines: „Wir verstehen die Blechfertigung als Dienstleistung.“ Doch er weiß auch, daß der Einsatz hoch-, höchst-, oder gar ultrahochfester Stähle den Kunden vermittelt werden muß. „Das beginnt bei der Konstruktion, da müssen uns unsere Kunden frühzeitig mit ihren Konstrukteuren zusammenbringen, um das Potential dieser Stahlsorten auch voll zu nutzen.“ Es reicht eben nicht eine gute Idee zu haben, gerade beim Einsatz hoch- und höchstfester Stähle gibt es noch immer viel Aufklärungsbedarf. „Früher ging man folgendermaßen an ein Problem heran“, erläutert Dejako: „Wenn das Stahlbauteile mit 2 mm nicht hielt, nahm man halt 3 mm Blechstärke. Mit hochfesten Stählen, müssen wir von Anfang an anders konstruieren. Es bedarf der Missionierung der Konstrukteure.“ Und er denkt schon an die zahlreichen Möglichkeiten weitere Produkte abzuspecken, etwa die Schubladenführungen in den berühmten Zelenka-Schubladenschränken.

Erschienen in Ausgabe: 04/2004