„Gewaltiges Potenzial“

bbr stellt dem »Vater« der Synchropress-Technologie (Spindelgetriebene, vollelektrische Servopressen), Johannes Hülshorst, sechs Fragen über technischen Grenzen und die Qualität der Kritik an diesem Pressenkonzept.

25. Oktober 2007

br: Herr Hülshorst, 2003 stellten Sie Ihre erste ­Synchropress Probierpresse vor. Waren Sie vom Erfolg überzeugt?

Johannes Hülshorst: Ich habe über Jahre hinweg einen eigenen Werkzeugbau betrieben, kenne also die Probleme der Werkzeugausprobe. Synchropress liefert hier die perfekte Technik, diesen Prozess sicher, schnell und somit kostengünstig durchzuführen. Zudem werden die Werkzeugbauten immer öfter gefordert, Kleinserien, also die so genannte »Anlaufkurve« mit abzupressen. synchropress bietet auch als Probierpresse diese Möglichkeit. Somit kann der Werkzeugbau sich für seinen Kunden attraktiver machen.

Das Konzept war ja ausgelegt für eine Probierpresse, um Werkzeuge auszutesten und einzufahren. Wie kamen Sie zum Schritt »Produktionspresse«?

Dieser Schritt musste aus heutiger Sicht zwangsläufig erfolgen, da das Funktionsprinzip der synchropress gerade in der Produktion eine Vielzahl von Vorteilen und neuen Möglichkeiten bietet. Stellen Sie sich nur vor, dass diese Presse an jeder beliebigen Stelle des frei programmierbaren Hubes anhalten kann, egal, ob mit Kraft oder ohne, egal ob eine sehr kurze Zeit oder länger.

Als klar wurde, dass sich der »Exot« tatsächlich durchsetzt, da sahen Konkurrenten Probleme der Synchropress hinsichtlich der Genauigkeit, da sich die vier Spindeln im Betrieb ja unterschiedlich ausdehnen würden. Was ist Ihre technische Antwort auf diese nachvollziehbare Kritik?

In der Tat ist es so, dass durch anspruchsvolle Bewegungsprofile, sei es durch hohe Geschwindigkeiten als auch durch extreme Beschleunigungen, ein Teil der Energie in Wärme umgewandelt wird. Dies bewirkt eine Ausdehnung der Spindeln, die zwar sehr gering ist, aber bei den mittlerweile sehr anspruchsvollen Erwartungen stören kann.

Wir kompensieren diese Änderungen steuerungstechnisch, d. h., der Stößel erreicht so trotz Wärmeeinflüssen den eingestellten unteren Totpunkt mit sehr hoher Genauigkeit.

Kritiker sprechen ja gerne davon, dass man zum Betrieb einer Synchropress ein eigenes Kraftwerk benötige. Benötigt die Synchropress tatsächlich wesentlich mehr elektrische Energie als herkömmlichen, mechanischen Pressen?

In den ersten Jahren der Entwicklung habe ich den Energiebedarf einer synchropress zwischen einer hydraulischen und einer mechanischen Presse gesehen. Wir arbeiten mit einer Zwischenkreisspeicherung, das heißt, die generatorische Energie beim Bremsen wird dem nächsten Energiebedarf zum Beschleunigen zur Verfügung gestellt. Das bedeutet, dass wir nur die Energie aus dem Netz ziehen, die im Prozess verwirkt wurde. Was den ein oder anderen irritieren kann, ist der relativ hohe Anschlusswert, da synchropress eine sehr hohe Energie in einen Verformungsprozess einbringen kann. Dieses darf man allerdings nicht mit dem Verbrauch verwechseln. Vereinfacht gesagt: wenn ich hohe Kräfte bei hohen Geschwindigkeiten verlange, muss ich die entsprechende Energie bereitstellen, dass ist lediglich einfache Physik und gilt nicht nur für synchropress. Neueste Messungen bei Kunden mit verschiedenen Anwendungsfällen haben gezeigt, dass der prozessabhängge Verbrauch bei einer synchropresss äußerst gering ist.

Inzwischen haben alle großen Pressenbauer ihr eigenes Servopressenkonzept vorgestellt. Konkurrenz oder Alternative?

Weder noch. Ich sehe es zuerst als Bestätigung, die Servotechnik in der Pressenwelt unter verschiedensten Gesichtspunkten anzuwenden. Weiterhin bietet die servobetriebene Spindeltechnologie, wie wir sie in der synchropress einsetzen, bestimmte Vorteile, die weder mit mechanischen noch mit hydraulischen Presse umsetzbar sind.

Ihr Konzept ist längst einen Schritt weiter, Stichwort »Produktionsverbund«. Wo geht die Reise hin?

Hier sehe ich die Zukunft der synchropress. Die oben bereits angedeuteten Möglichkeiten, jedes gewünschte Bewegungsprofil zu fahren, heißt doch nichts anderes, dass ich an jeder beliebigen Stelle des Pressenhubes anhalten kann, um weitere Prozesse zu integrieren. Montagen, Spritzgießprozesse, Teilekennzeichnungen (Laserbeschriftung) sowie Qualitätskontrollen wurden von uns bereit realisiert. Man darf hier als Konstrukteur seiner Fantasie keine Grenzen setzen. Hier will ich auch unser rein elektronisch angetriebenes Ziehkissen ansprechen. Diese Bewegung eröffnet, synchronisiert mit der eigentlichen Stößelbewegung, zusätzliche Möglichkeiten, die selbst für uns im Moment noch nicht annähernd überschaubar sind. _

Es fragte Erik Schäfer

Erschienen in Ausgabe: 07/2007