Gemeinnützlich

Fokus/Interview

Die Schweissen & Schneiden ist ohne DVS nicht denkbar, und das hohe Niveau der Schweißausbildung in Deutschland auf akademischer wie handwerklicher Ebene nicht ohne die Aktivitäten der 100-prozentigen DVS-Tochter GSI. Ein Interview mit den beiden Geschäftsführern.

29. August 2017
Bildquelle: Unterhitzenberger
Bild 1: Gemeinnützlich (Bildquelle: Unterhitzenberger)

Was hat Sie zum DVS gebracht und was haben Sie vorher gemacht?

Dr. Boecking: Ich habe nach dem Abitur zunächst Bauschlosser und Kunstschmied gelernt, daraufhin Maschinenbau studiert, am Lehrstuhl für Werkstofftechnologie (Prof. Dr.-Ing. H.-D. Steffens) an der Universität Dortmund promoviert und mich schließlich an der SLV Duisburg zum Schweißfachingenieur ausbilden lassen. Mein zweiter Doktorvater war der damalige Hauptgeschäftsführer des DVS, Herr Prof. Dr.-Ing. D. von Hofe, der mich nach der Promotion zur Hauptgeschäftsstelle nach Düsseldorf geholt hat. Anschließend folgten 15 abwechslungsreiche und spannende Jahre in der Industrie. Dort war ich in unterschiedlichen Positionen in der Galvano- und Oberflächentechnik tätig, zuletzt als Geschäftsführer in einem mittelständischen Unternehmen, das thermisch gespritzte Hochleistungsoberflächen für die Automotive-, Landmaschinen- und Druckmaschinenindustrie herstellt.

Ich bin seit 1999 DVS-Mitglied und seit 2014 Hauptgeschäftsführer des Verbandes.

Der DVS hat 19.000 Mitglieder, davon 16.000 persönliche Mitglieder und 3.000 Industrieunternehmen, Körperschaften und Handwerksbetriebe. Wir beschäftigen uns im Verband mit etwa 250 verschiedenen Füge-, Trenn- und Beschichtungsverfahren. Wir bilden an 320 DVS-zugelassenen Einrichtungen in Deutschland aus. Die Schweißtechnischen Lehr- und Versuchsanstalten (SLV) qualifizieren unter anderem Schweißfachingenieure nach internationalem Standard. Bis auf die SLV Nord in Trägerschaft des Handwerks und die SLV Halle, auch eine hundertprozentige DVS Tochter, betreibt die GSI SLVen an den Standorten München, Fellbach, Duisburg, Hannover und Berlin. Insgesamt haben wir etwa 750 Mitarbeiter, davon 35 hier in der Hauptgeschäftsstelle und 280 sind es bei der GSI. Der DVS ist in 14 Landes- und etwa 80 Bezirksverbände unterteilt.

Vogelsang: Ich bin Geschäftsführer der GSI, einer der operativen Einheiten des DVS, zu dem wir zu 100 Prozent gehören. Ich habe Metallkunde und Metallphysik an der TU Clausthal studiert, wurde ebenfalls an der SLV Duisburg zum Schweißfachingenieur ausgebildet, war danach in der Stahlindustrie im Bereich Kaltwalzen tätig und zuletzt als Technischer Geschäftsführer bei einem Hersteller von Feuerschutztüren und Bauprodukten aus Stahl.

Seit November 2016 bin ich Geschäftsführer der GSI.

Welche Aufgaben erfüllt die GSI?

Vogelsang: Die GSI ist eine gemeinnützige GmbH und beschäftigt sich im Prinzip in zwei Strängen: Da ist einmal der so genannte Zweckbetrieb, der sich mit der Ausbildung beschäftigt von der Grundausbildung zum Schweißer bis hin zur akademischen Ausbildung für Schweißfachingenieure; zum anderen haben wir noch den wirtschaftlichen Betrieb, der unter anderem Auditierungen europäischen Normen durchführt und Unternehmen fügetechnisch berät; ferner machen wir Bauaufsicht. Jede SLV, das steht für Schweißtechnische Lehr- und Versuchsanstalt, hat ein Prüflabor.

Aktuell spielt die Ausbildung von Migranten eine große Rolle. So haben wir Werbeplakate in verschiedensten Sprachen, unter anderem Arabisch. Die Migranten können nach relativ kurzer Zeit, etwa einem Jahr, einen Job antreten, der gefragt ist und in dem sie so viel verdienen, dass sie eine Familie ernähren können. In diesen staatlich geförderten Kursen erhalten sie auch eine Deutschausbildung, und wir unterstützen die Migranten von Anfang an bis hin zur Stellenvermittlung mit einer Erfolgsquote jenseits 90 Prozent. Selbst wenn sie wieder in ihre Heimat zurückkehren müssen, haben sie mit ihrem deutschen Zertifikat beste Aussichten auf einen Job. Unsere Ausbildung ist weltweit anerkannt. Wir dürfen ein internationales Zeugnis nach IIW-Richtlinien (International Institute of Welding) ausstellen, das in 65 Ländern anerkannt wird.

Wenn wir schon beim Thema Ausbildung sind: Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus? Schweißen hat ja leider immer noch oft mit Hitze und Rauch zu tun.

Vogelsang: Den Ausbildungsberuf Schweißer gibt es ja nicht mehr. Es müssen aber in einigen Ausbildungsberufen Schweißprüfungen abgelegt werden. In diesen Berufen gibt es einen Nachwuchskräftemangeln, der auf die Schweißtätigkeiten durchschlägt. Neben den Migranten können wir auch Arbeitslose durch unsere Ausbildung wieder ins Berufsleben zurückführen mit einer Vermittlungsquote über 90 Prozent.

Generell wird immer noch zu wenig das ausgebildet, was die Industrie braucht. Dem versuchen wir entgegenzusteuern.

Dr. Boecking: Um junge Leute beispielsweise auf Messen anzusprechen und auf den DVS, unsere 250 Verfahren und weiteren Aktivitäten im In- und Ausland aufmerksam zu machen, setzen wir auch den sogenannten ›Schweißtrainer‹ ein. Der ist ein wichtiges Instrument in der Ausbildung, weil er die künftigen Schweißer ohne Rauch und Hitze und auch ohne Materialverbrauch trainiert: Die Auszubildenden haben eine Schweißzange in der Hand und auf dem Kopf einen Schweißerhelm mit integriertem Bildschirm. Eine Software suggeriert die Werkstücke und sein Werkzeug, also die Schweißzange und den Schweißzusatzwerkstoff. Der angehende Schweißer sieht zusammen mit seinem Ausbilder, ob er alles richtig macht oder wo Verbesserungsbedarf besteht: Handhaltung, Vorschub, Abstand … was auch immer. Auf den ersten Blick sieht die Gesamtkonfiguration aus wie ein Computerspiel – das zieht junge Menschen an. Die Geräte werden zugekauft, die Lernsoftware beispielsweise zum WIG-Schweißen von Edelstahl oder Aluminium kommt von der DVS Media GmbH, eine weitere hundertprozentige Tochter unseres Verbandes.

Vogelsang: Dieser Schweißtrainer ist etwas, was Jugendliche anspricht. Augmented Reality, davon haben alle schon mal was gehört. Und das ist keineswegs Spielerei: In der ersten Ausbildungsphase hat der Schweißtrainer erhebliche Vorteile. Die Unternehmen können komplette Schulungsunterlagen auf das Gerät laden, mit Übungen, mit Prüfungen, und können dann zielgruppengerecht ausbilden. Auch Konstrukteure können sehen, was ist machbar, was muss ich am Platz haben und so weiter. Einige Automobilhersteller setzen den Schweißtrainer in der Ausbildung ein.

Können Roboter den Fachkräftemangel lindern?

Vogelsang: Der Robotereinsatz ist in der Industrie unabdingbar, aber nicht so sehr wegen des Fachkräftemangels, sondern wegen der Qualitäts-, Zeit- und Kostenoptimierung. Wir reden da nicht nur vom Schweißen, sondern auch vom Durchsetzfügen, Clinchen, Kleben und so weiter.

Den Fachkräftemangel kann man durch den Robotereinsatz kaum mildern. Mit dem werden wir in Deutschland noch eine ganze Weile leben müssen.

Was hat sich seit der Schweissen & Schneiden 2013 geändert, sowohl im DVS als auch draußen in der Schweißwelt?

Dr. Boecking: Was sich sicher geändert hat, ist der eben genannte Robotereinsatz. Die Wertschöpfung in der Schweißtechnik und verwandten Verfahren ist in Deutschland um neun Prozent höher als im Schnitt der anderen 27 EU-Länder. Das liegt sicher zum Großteil daran, dass bei uns verstärkt Roboter, Automatisierungstechniken und modernste Stromquellen beim Schweißen eingesetzt werden. Das Interesse der Roboterhersteller an der Zusammenarbeit mit dem DVS ist enorm. Wir sehen auch den enormen Innovationsschub bei den deutschen Stromquellenherstellern, die sicherlich weltweit führend sind. Darüber hinaus ist es der verstärkte Einsatz von Schweißtrainern. Das gab es vor vier Jahren erst im Ansatz.

Der Blick auf den schweißtechnischen Nachwuchs hat sich ebenfalls deutlich verstärkt, sowohl auf akademischer Ebene wie auch bei den Praktikern. Wir haben mit über 40 Nachwuchswissenschaftlern die mit Abstand größte Delegation junger Wissenschaftler auf der diesjährigen IIW-Versammlung in Shanghai gestellt. Das schafft keine andere Nation, und der DVS wird hier als Vorbild für die Verbände der insgesamt 59 Mitgliedsnationen des International Institute of Welding (IIW) gesehen. Unsere Industriemitglieder stellen für diese Reisen seit Jahren das Sponsoring sicher.

Der DVS setzt deutlich mehr Geld als 2013 für die wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet des Fügens, Trennens und Beschichtens an 80 Universitäten und außeruniversitären Instituten, wie den Fraunhofer-Gesellschaften, ein. Dieses Jahr haben wir mehr als 15 Millionen Euro über die AiF (Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsgemeinschaften) vom Bundesministerium dafür akquiriert und 110 neue Forschungsprojekte anfinanziert. Um dieses Geld sinnvoll einzusetzen, bemühen wir 15 Fachausschüsse mit starker Industriebeteiligung unserer Mitgliedsfirmen.

Vogelsang: Im operativen Bereich gehen wir weg vom Frontalunterricht; E-Learning wird immer wichtiger mit elektronischen Skripten, mit Animationen und was es sonst an Möglichkeiten gibt.

Wir machen Kombinationsangebote, wie Schweißen und Prüfen.

Wenn wir Bauüberwachung machen, dürfen wir uns nicht mehr auf die Überwachung beschränken, sondern müssen die Unternehmen auch beraten; wir machen Untersuchungen – kurz und gut: Fullservice.

Welche Entwicklungen sehen Sie für die nächsten vier Jahre?

Dr. Boecking: Von Verbandseite her sehen wir die Notwendigkeit, Allianzen mit anderen schweißtechnischen Verbänden weltweit zu schmieden und die Zusammenarbeit mit deutschen technischen Verbänden wie VDI zu intensivieren, um die deutsche Position zu stärken, insbesondere bei der europäischen und internationalen Normungsarbeit zusammen mit dem DIN in Berlin. Der DVS und seine Beteiligungsgesellschaften wollen international sichtbarer werden. Wir werden sicherlich unsere Forschungsaktivitäten zusammen mit den universitären Instituten und der GSI ausbauen.

Vogelsang: Was wir ebenfalls verstärken müssen, ist die Lobbyarbeit für den Beruf. Wie gesagt ist Schweißer kein Ausbildungsberuf mehr. Das läuft in anderen Berufsausbildungen für die Metallbearbeitung so mit. Von der Tätigkeit der Schweißer hängen aber Menschenleben ab. Das gilt für die Verbindungstechnik, das Fügen, generell. Wenn wir das Niveau nicht halten, brauchen wir in ein paar Jahren in keine Achterbahn mehr zu steigen und über keine Stahlbrücke mehr zu gehen.

Der Leichtbau erfordert noch mehr Fachkenntnisse, und wir brauchen gar kein Extrembeispiel, um das zu begründen: Hier ist zum Beispiel das Fügen hochfester Stähle zu nennen.

Dr. Boecking: Ein Beispiel sind auch die Baukräne mit ihren riesigen Auslegern. Die Kranhersteller gehen in ihren Vorschriften oft sogar über unser Regelwerk hinaus und verlangen höchste Qualifikationen von ihren Schweißern. Die erwirbt man nicht nebenbei. Ein anderes Beispiel ist die Reparatur alter Stahlbrücken: Wenn dort unsachgemäß gearbeitet wird, besteht Einsturzgefahr, und das kann bedeuten, dass eine Autobahnbrücke monatelang nicht mehr befahren werden darf. Die Auftraggeber entscheiden oft nur nach Kosten, nicht nach Qualifikation. Das muss sich dringend ändern, und hier appellieren wir an das Verantwortungsbewusstsein der Kommunen als Auftraggeber.

Vogelsang: Wir machen ja auch Gutachten und Bauaufsicht, und was ich da manchmal sehe, kann mir schon den Schlaf rauben.

Dr. Boecking: Wir müssen die Standards auch hochhalten, um international erfolgreich zu bleiben. So gleichen sich die Länder, die es sich leisten können – etwa auf der arabischen Halbinsel, unserem Sicherheits- und Qualitätsniveau an.

Vogelsang: Die Vorstellung der GSI ist es, eines der besten und größten Beratungsunternehmen in der Fügetechnik zu werden. Wir wollen unseres Angebot noch stärker auf die Belange der Industrie abstimmen und unsere digitalen Medien weiterentwickeln.

Dr. Boecking: Eine immer größere Rolle kommt der Additiven Fertigung zu. Beispielverfahren sind das Laserstrahlschmelzen im Pulverbett oder das lichtbogendrahtbasierende Auftragschweißen. Hier herrscht noch ein großer Forschungs- und Entwicklungsbedarf. Sowohl die USA als auch China investieren jährlich etwa 100 Millionen Dollar in das Erforschen der Additiven Technologien.

Hier müssen wir mithalten können, also einen hohen Anspruch erfüllen. Der Vorteil des Verfahrens liegt auf der Hand: Bauteile mit komplexen Geometrien und Hinterschneidungen oder Einzelteile lassen sich kostengünstiger und schneller herstellen. Oft geht dies einher mit einer Reduktion von Fügeoperationen.

Wenn es um Regelwerke geht, sind Sie auf die Zuarbeit ›Ehrenamtlicher‹ angewiesen. Finden Sie dafür genug ›Nachwuchs‹?

Dr. Boecking: Wir haben in unserer Mitgliedschaft – also 16.000 persönliche Mitglieder – eine Fluktuation von etwa 1.000 nach beiden Richtungen. Warum das so ist, wer kommt und wer geht, analysieren wir gerade. Das Ergebnis liegt noch nicht vor. Vor allem wollen wir natürlich die Abgänge vermeiden. Am – steuerlich absetzbaren – Jahresbeitrag von 46 Euro kann es nicht liegen. Wir werden schon 2017 entsprechende Aktionen starten, um hier erfolgreich entgegenzuwirken.

Vogelsang: Es gibt 451.000 Arbeitsplätze in den Bereichen Fügen, Trennen, Beschichten in Deutschland. Wir haben also noch Spielraum nach oben.

Dr. Boecking: Was die Experten anbelangt, die an den schweißtechnischen Merkblättern und Regelwerken mitarbeiten, ist die Zahl seit Jahren auf konstantem Niveau. Das Engagement der meisten ist unglaublich, viele arbeiten auch nach dem Berufsleben noch mit.

Welche Auswirkungen hat der Leichtbau auf die Fügetechnik?

Vogelsang: Wie erwähnt sind die meisten hochfesten – und feinkörnigen – Stahlsorten beim Schweißen sehr empfindlich, aber das Hauptthema ist der Materialmix: Hier erleben mechanische Verbindungen eine Renaissance, das Kleben ist auf dem Vormarsch, nicht zu vergessen kombinierte Fügeverfahren. Dennoch bleibt auch im Leichtbau das Schweißen das Fügeverfahren der Wahl.

Was werden Sie Neues auf der Schweissen & Schneiden in Düsseldorf zeigen?

Vogelsang: Wir, die GSI, werden Kurse für Schweißfachingenieure vorstellen, die der Vertiefung nach dem Abschluss dienen. Außerdem präsentieren wir die Ausbildung zum IWI, wo die weltweit anerkannte IIW-Ausbildung als Inspektor mit ZfP-Zertifizierungen speziell für europäisches Prüfpersonal aufgewertet wird. E-Learning wird in allen Bereichen extrem forciert, und wir werden Kombikurse vorstellen. Ferner werden wir unser Portfolio an kundenbezogenen Leistungen präsentieren, also die Rundum-Versorgung vom Audit über Untersuchungen bis zu Verfahrensprüfungen und Schweißerprüfungen.

Dr. Boecking: Für die Außenwirkung des DVS sind die auf der Schweissen & Schneiden 2017 stattfindenden nationalen, europäischen und internationalen Schweißwettbewerbe sehr wichtig. Wir konnten unseren Stand in Halle 15 sehr zentral plazieren, sind also mitten im Geschehen. Es ist auch einer der großen Stände auf der Messe, nicht zu übersehen.

Hedwig Unterhitzenberger | Hans-Georg Schätzl

Schweissen & Schneiden Stand 15D25

Erschienen in Ausgabe: 05/2017