Fokussiert auf Wertschöpfung

Für viele Mittelständler bedeutet Industrie 4.0 vor allem Steuerung der Maschinen, Kommunikation der Maschinen untereinander sowie mit ihrer Peripherie, Auswertung, Sortierung und Aufbereitung der Maschinendaten und schließlich die Mensch-Maschine-Schnittstellen. Für die Brüder Dr. Jochen und Marc Böck ist das ein Teilbereich der Digitalisierung.

06. September 2019
Fokussiert auf Wertschöpfung
Die Brüder Marc und Dr. Jochen Böck von Boeck bieten maßgeschneiderte Lösungen im Bereich Metallentgratung an. (© bbr)

Die Boeck GmbH scheint noch ein sehr junges Unternehmen zu sein. Wann wurde es gegründet, und was machen Sie?

Marc Böck: Die Boeck GmbH wurde 2013 von meinem Bruder Jochen gegründet und produziert Werkzeuge zur Blechentgratung in allen Stufen. Wir unterscheiden fünf Prozessschritte: Entschlacken, Vorschleifen und Entgraten, Kantenverrunden, Beseitigen der Oxidschicht und als Fünftes den Finish-Schliff. Für jeden dieser Schritte haben wir Werkzeuglösungen. Der Schwerpunkt liegt im Bereich Entgraten und Kantenverrunden.

Wie gehen Sie mit dem Thema Digitalisierung um?

Dr. Jochen Böck: Wir haben uns die Welt so gemacht, wie sie uns gefällt, und im Bereich des Auftragsmanagements sind wir am weitesten fortgeschritten. Durch intelligente Artikel-Codes für unsere Produktgruppen sind wir in der Lage, sämtliche produktionsrelevanten Information zu generieren. Konkret heißt das, wenn der Kundenauftrag angelegt ist, haben wir Artikel-Codes, mit denen wir vollkommen automatisch Arbeitspläne erzeugen, und das ohne eine Arbeitsvorbereitung, in der noch jemand Hand anlegen muss. Diese Arbeitspläne werden maschinenlesbar ebenfalls vollautomatisch auf die Maschinen gespielt. Die Mitarbeiter haben nur noch die Aufgabe, die Aufträge auf der Maschine freizugeben und, sofern notwendig, den Rüstanweisungen zu folgen. Um die Rüstprozesse zu minimieren oder ganz zu vermeiden, versuchen wir Einstellarbeiten in die Maschinensoftware zu verlagern und mit produktneutralen Schnittstellen zu arbeiten.

Marc Böck: Entscheidend ist eine saubere und fehlerfreie Datenübernahme beim Auftragseingang und intern eine saubere Datenhaltung. Den Rest muss die Software machen, und zwar bis zum Versand. Wir sind sicher schon sehr weit, aber man darf nie stehen bleiben. Wir prüfen und hinterfragen ständig die Vorgänge hier im Hause und korrigieren sie bei Bedarf. Notwendige Veränderungen aufzuschieben heißt sterben auf Raten. Zum Glück ist unser Unternehmen noch jung und formbar.

Zahlen & Fakten

Boeck mit Sitz im bayerisch-schwäbischen Leipheim produziert maßgeschneiderte Werkzeuglösungen für Prozessschritte wie Schlackentfernung, Vorschleifen, Entgraten, Verrunden, Oxidentfernung und Finish-Schleifen. 2013 hat Dr. Jochen Böck das Unternehmen gegründet. Er leitet den Betrieb zusammen mit seinem Bruder Marc Böck. 2017 wurde die Produktionsfläche verdoppelt.

Durch die auf Höchstgeschwindigkeit getrimmten Strukturen insbesondere im Auftragsmanagement erreichen wir, dass wir nahezu jedes Produkt noch am Tag der Bestellung ausliefern. Allerdings verwöhnen wir damit, gewöhnen wir unsere Kunden so sehr daran, dass manche schon am nächsten Tag anrufen, dass ihre Ware noch nicht da ist. Wir haben deshalb digitale Rechnungen eingeführt und die Kunden auf die Vorteile hingewiesen. In diesen digitalen Rechnungen haben wir eine Sendungsverfolgung integriert, so dass die Kunden immer auf dem aktuellen Stand sind und nicht mehr bei uns nachfragen müssen. In diesem Bereich kann man auch sehr viel von Online-Versandhändlern lernen.

Gibt es Produkte, die Sie ohne Digitalisierung gar nicht herstellen können?

Dr. Jochen Böck: Die Individualisierung der Produkte zum Beispiel, wie wir sie heute betreiben, wäre ohne Digitalisierung gar nicht oder nur mit einem Mordsaufwand möglich. Produkteigenschaften, wie Schlitzmuster, Lamellenabstand und so weiter, sind quasi ›per Knopfdruck‹ veränderbar, während man früher für jede Veränderung ein neues Werkzeug benötigte.

Wie viele Leute sind hier eigentlich beschäftigt? Sind Ihre Mitarbeiter nur noch Beobachter?

Dr. Jochen Böck: Diese Frage wird mir oft gestellt. Im Zeitalter der Digitalisierung ist die Mitarbeiteranzahl keine Maßzahl mehr für ein Unternehmen. Früher sagte man: ›Gewaltig ist des Schlossers Kraft, wenn er mit Verlängerung schafft‹. Die schnell hervorkommenden Technologien stellen für uns einen gigantischen Hebel dar, und die Frage nach dem Technologiegrad im Unternehmen ist entscheiden. Die Fähigkeit eines Unternehmens neue Technologien auszuwählen, einzuführen und die Serienreife sicherzustellen, ist elementar.

Wie muss man sich die Arbeit Ihrer Mitarbeiter vorstellen?

Marc Böck: Im Bereich der Produktion wird in der Regel von ›Maschinenbedienern‹ gesprochen. Wir sehen das umgekehrt: Die Maschinen haben den Menschen zu dienen und Assistenzfunktionen zu erfüllen. Es ist eigentlich ähnlichen zu Pkws der neuen Generation. Die Assistenzsysteme haben Informationen bereitzustellen und Meldungen auszugeben sowie selbstständig Entscheidungen zu treffen.

Einige unserer Maschinen lassen sich vom Smartphone aus bedienen. Unsere Mitarbeiter können im Grunde gehen und kommen, wann sie wollen. Umgekehrt heißt das aber auch, dass die Maschinen zum Arbeitsbeginn betriebsbereit sind. Das gilt vor allem für unsere Maschinen, die eine Vorheizphase benötigen. Die kann der Verantwortliche vom Frühstückstisch aus starten und, im Werk angekommen, sofort starten.

Diese Möglichkeiten sprechen wahrscheinlich vor allem junge Mitarbeiter an. Wie alt sind Ihre Leute denn im Schnitt?

Marc Böck: Gar nicht mal so besonders jung. Wichtiger als die Jugend ist die Technologieaffinität, die Offenheit und die Freude, neue Wege zu gehen. Bei uns wird nicht nach Gongschlag gearbeitet, sondern nach Notwendigkeit und auf Vertrauensbasis. Da fügt es sich gut, wenn man zu einer bestimmten Zeit nicht an einem bestimmten Ort, das heißt an der Maschine, sein muss.

Es kann aber schon ein Jahr dauern, bis ein neuer Mitarbeiter unsere ›Philosophie‹, unsere Werte, unser Denken, unsere Arbeitsweise verinnerlicht hat.

Manuell arbeiten Sie nur noch am Beginn und am Ende eines Auftrags. Das wollen Sie sicher auch reduzieren.

Dr. Jochen Böck: Das ist Zukunftsmusik, deshalb möchte ich dazu nicht allzu viel sagen. Derzeit arbeiten wir mit Partnern aus der Wissenschaft daran, um Routine- beziehungsweise wiederkehrende Arbeiten vollständig zu eliminieren, damit noch mehr Zeit für andere Themen gewonnen wird.

Sie sind weltweit vertreten. Wo denn überall?

Marc Böck: Auf allen Kontinenten außer dem tropischen Afrika. Unsere Präsenz in Nord- und Südamerika bauen wir noch aus, während wir in Asien schon ganz gut vertreten sind.

Was würden Sie digitalisierungswilligen Mittelständlern mitgeben?

Dr. Jochen Böck: Die Digitalisierung muss von den Menschen im Unternehmen gelebt werden. Hier sind vor allem Führungskräfte auf menschlicher Ebene gefragt, die Mitarbeiter mit ins ›Digitalisierungsboot‹ nehmen. Denn: Werden die Veränderungsprozesse von Mitarbeitern beispielsweise aus Angst des Arbeitsplatzverlusts nicht mitgetragen, wird Digitalisierung nicht funktionieren. Die Basis der Digitalisierung liegt bei uns im ERP-System. Dieses ist die Maßgabe für alle Prozesse. Komplexe Prozesse im ERP abzubilden, versuchen wir absolut zu vermeiden. Wir setzen hier auf Grundtugenden, wie Prozesse vereinfachen, eliminieren oder integrieren und letztendlich lehrbuchhafte Prozesse anzustreben. Denn diese stellen die Basis für eine auf Wertschöpfung maximierte Fertigung dar. Erst einmal tief in die Prozesse gehen und anschließend den Digitalisierungsturbo zünden!

Hans-Georg Schätzl

Erschienen in Ausgabe: 05/2019