Flexibilität geht vor

Technik

Sofort nutzbare Flexibilität und praxisgerechte Multifunktionalität sind im Metall- und Fassadenbau oft wichtiger als kürzeste Stanzzeiten; zumal, wenn sich auch das Material- und Teile-Handling werkstattnah gestaltet.

27. August 2010

Von wegen, im Schweizer Bereich des französischsprachigen Jura gebe es nur Decolletage- und Uhrenteile-Zulieferer; denn dort hat sich in den letzten Jahren auch eine beachtliche Metall-, Glas- und Fassadenbau-Szene entwickelt. Weit über die Grenzen hinaus aktiv, realisieren die Schweizer vor allem in Design und Architektur anspruchsvolle Metallbau-Lösungen, und zu den bekanntesten, weil technisch führenden Vertretern darf sich die Hevron SA, Courtételle, zählen.

Gegründet 1974, beschäftigte man sich zunächst mit allgemeinen Schlosser- und Metallbauarbeiten, konzentrierte sich später aber auf die artverwandten Bereiche Stahlbau, Fassadenverkleidungen, Aluminium-/Stahl-Fenster und -Türen, Aluminium- und Glasfassaden, Dachabdichtung und Pulverbeschichtung. Mit über 200 Mitarbeitern zählt Hevron zweifellos zu den größeren Metallbauunternehmen. In den großzügigen Werkhallen von Hevron am Stammsitz Courtételle erfolgt zum Großteil die Herstellung von Fassadenbauteilen, während in der benachbarten Stadt Delémont der Stahlbau und die Aluprofilbearbeitung konzentriert sind. André Scherrer, Directeur von Hevron: »Wir verarbeiten pro Jahr an die 3000 t Stahl zu Gebäuden und Bauelementen, 400 bis 500 t Aluminiumblech zu Fassaden und Verkleidungen und weitere 100 t an Inox- und Stahlblechen für spezielle Projekte. Um die Qualität und die Produktivität gewährleisten zu können, haben wir den Stahlbau und die Aluprofilbearbeitung von der Blechbearbeitung getrennt. Denn die Qualität der Fassadenteile ist nicht zuletzt durch hohe Passgenauigkeit, handwerklich perfekte Ausführung und vor allen Dingen hochwertige Oberflächen gekennzeichnet. Deshalb haben wir eine eigene Abteilung Pulverbeschichtung, womit alle Prozesse von der Blech- und Profilbearbeitung bis hin zum Oberflächen-Finish in einer Hand sind.«

Die Wettbewerbsfaktoren: Menschen und Maschinen

Trotz des nachgewiesenen Know-hows und der Leistungsfähigkeit muss sich auch Hevron eines großen Wettbewerbs erwehren. Deshalb setzen André Scherrer und seine Kollegen auf einen pragmatischen Mix aus sehr gut ausgebildeten Fachkräften und leistungsfähigem Maschinenpark. Da, wie erwähnt, ein sehr hoher Eigenfertigungsgrad besteht, und weil man sehr schnell auf Kundenwünsche oder auch auf Anpassungen für die Montage reagieren möchte, wird die Anwendungs- und Nutzungsflexibilität der Mitarbeiter wie der Maschinen zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Hevron geht deshalb keine Kompromisse ein und hat folgerichtig ausschließlich leistungsfähige Qualitätsmaschinen im Einsatz.

Mit die wichtigste Blechbearbeitungsmaschine ist eine Boschert-Stanzmaschine vom Typ Twin Rotation, die schon mehr als 10 Jahre in Betrieb ist und immer noch zuverlässig ihre Dienste verrichtet. Da jedoch die Kapazitäten öfters mehr als ausgereizt wurden, sahen sich André Scherrer und Laurent Allemann, Chef de Production Tôlerie bei Hevron, nach einer neuen Stanzmaschine um. Im Vordergrund standen zunächst nicht kürzeste Stanzzeiten, sondern hohe Flexibilität, einfache Bedienung und Programmierung, einfaches Blech-Handling und wenig Rüstaufwand. Trotz intensiver Evaluation gestaltete sich die Entscheidung schwierig, denn keine der offerierten konventionellen Stanzmaschinen konnte am Ende voll überzeugen.

Als aber der Blechbearbeitungsmaschinen-Spezialist Boschert, Lörrach-Hauingen, auf einer Messe die neue Stanzmaschine ›Multipunch‹ vorstellte, kam auch bei Hevron wieder Bewegung in die Sache. Nach Prüfung der Leistungsmerkmale – und nach einem Besuch im Werk Lörrach – fiel die Entscheidung erneut zugunsten einer Boschert-Maschine, diesmal eben einer Multipunch Baugröße 1500 x 3000. Sie trägt ihren Namen zu Recht, denn sie ist für die Stanz-, Nibbel-, Umform-, Markier- und Gewindebearbeitung ausgelegt und verfügt dafür über einen achtfachen Werkzeugwechsler. In diesen sind alle Trumpf-Standardwerkzeuge bis Größe 2 und auch alle Boschert-Revotool-Werkzeuge einsetzbar, sodass man auf 64 verschiedene Werkzeuge zurückgreifen kann.

Ein weiteres Highlight, um nicht zu sagen ein Alleinstellungsmerkmal, der Multipunch ist die spezielle Auslegung des Platinenpositioniersystems. Durch das zusätzliche Verfahren der Spannzangen ohne Blechberührung sind zum einen Nachsetzoperationen mit 10000 mm machbar, womit sich auch überlange Fassadenelemente problemlos und komplett in einem Prozess bearbeiten lassen.

Universell-flexible Anwendung

Zum anderen erlaubt das pfiffige Spannkonzept mittels Versetzen der Pratzen die Bearbeitung der Bleche bis ganz an den Rand, wodurch die volle Nutzung der Rohformate gewährleistet ist und kein Abfallstreifen entsteht; während andere Stanzmaschinen hier einen nicht verwertbaren Spannrand mit teilweise bis 100 mm Breite benötigen, den es erstens zeitaufwendig abzutrennen gilt und der zweitens teuren Abfall darstellt. Als dritter Positivpunkt wäre die werkstattgerechte CNC mit 10,5 großem TFT-Bildschirm und Softtouch-Keys zu erwähnen, der sich sinnigerweise auch mit Handschuhen bedienen lässt. Die Standardsoftware mit Unterprogrammen erlaubt zudem das einfache, schnelle und sichere Programmieren mit Dialogunterstützung und außerdem kann die Programmierung auch am PC erfolgen.

Dann wären noch die automatische Entsorgung von Kleinteilen bis 300 x 200 mm und die Stanzabfallentsorgung über eine Klappe anzuführen. Ansonsten präsentiert sich die Multipunch in der bekannt soliden und absolut leistungsgerechten Boschert-Bauweise, sodass bei Bedarf mit einer maximalen Stanzkraft von 280 kN auch Stahlbleche bis 12,7 mm Dicke und 200 kg bearbeitet werden können. Die Multipunch zeichnet sich außerdem durch einen sehr ruhigen Stanzverlauf aus.

Da die Werkzeuge im Revotool-System in weniger als einer Sekunde gewechselt werden, und weil Hevron für die Komplettbearbeitung je nach Fassadenbauteil etwa zehn verschiedene Werkzeuge einsetzt, und auch, weil die Bleche mit 60 m/min verfahren und positioniert werden können (Achsen X und Y simultan bis 85 m/min), halten sich die Nebenzeiten in engen Grenzen. Andererseits sind je nach Betriebsart (Standard- oder schnelle Hydraulik) 250 oder 800 Hübe/min möglich und durchaus kurze Stanzzeiten zu erzielen.

Bei Hevron in Courtételle geht es im Normalfall um Chargengrößen von 1 bis 200. Die Bauelemente werden immer komplexer. Um eine optimale Materialausnutzung zu erreichen, werden sie wahlweise aus den Blechformaten 2000 x 4000 mm, 1500 x 3000 mm oder dem Sonderformat 1500 x 4000 mm gefertigt. Die Alu- und Inox-Bleche sind zumeist 2 oder 3 mm dick, es gilt aber auch einmal Stahlbleche mit 4 oder 6 mm Dicke zu bearbeiten. Die Reserven der Multipunch reichen dazu allemal aus, und mit der erwähnten Nachsetzfunktion ist es problemlos möglich, die genannten Formate rationell zu bearbeiten.

Höchst zufrieden

Abschließend meinte ein zufriedener Produktionschef Blechbearbeitung Laurent Allemann: »Wir konnten mit der Multipunch sowohl die Kapazitäten ausweiten als auch die Bearbeitungsmöglichkeiten und damit die Durchlaufzeiten pro Teil drastisch verkürzen. Wir benötigen heute wegen des erheblich gestiegenen Geschäftsumfangs für die Teilefertigung die doppelte Kapazität und sind mit der neuen Multipunch und der Twin Rotation, die wir nur bei Bedarfsspitzen einsetzen, dafür bestens gerüstet. Die Multipunch ist sehr einfach zu programmieren und zu bedienen und wir haben darauf aktuell zwei Mann geschult. Dank des großen Werkzeugvorrats sind wir für viele verschiedene Teile gerüstet und können sofort mit der Arbeit beginnen, sobald die 2D- oder 3D-Konstruktionsdaten aus dem CAD-System zur Programmierung vorliegen. Der Wegfall des Rüstens und Einrichtens, das einfache Teile-Handling und schließlich die Nachsetzfunktion für die Komplettbearbeitung sind für uns in der Einzelteile- und Kleinserienfertigung wichtiger als kurze Stanzzeiten, wenn diese durch mehr Rüst- und mehr Handling-Aufwand wieder mehr als kompensiert werden. Die Multipunch stellt für uns die ideale Lösung dar. Die sehr guten Erfahrungen mit der Twin Rotation und die hohe technische Verfügbarkeit sowie der unbürokratische, perfekte Service geben uns die Gewissheit und Sicherheit, auch diesmal die richtige Entscheidung getroffen zu haben.«

Edgar Grundler

Zahlen & Fakten

Von den ersten Anfängen 1973 im Bereich Ausklinkmaschinen über die Stanzmaschinen im Jahre 1978 bis zum heutigen Stand der CNC-Blechbearbeitung hat Boschert eine Reihe von Maschinen auf den Markt gebracht, die bis heute im täglichen Einsatz ihren ›Mann‹ stehen. Auf Kundenwunsch erweiterte Boschert das Programm um Abkantpressen und Scheren. Der Partner Gizelis bringt auf diesem Gebiet 35 Jahre Erfahrung mit mehr als 2000 Installationen mit.

Erschienen in Ausgabe: 04/2010