Feinfühlig in die Tiefe

Hausmesse- beim Karlsruher Hydraulik-Pressenbauer Neff. Bbr stieß unter anderem auf eine 400-t-Pulsationspresse sowie die größte Presse, die Neff jemals gebaut hat. Beginnt bei den Karlsruhern eine neue Ära?

06. Juli 2005

Oliver Dörmann, Prokurist und Einkaufsleiter von Neff hatte zur sechstägigen Hausmesse nach Karlsruhe geladen, nicht ohne der Einladung eine detaillierte Beschreibung der beiden Publikumsmagneten bei zufügen - der bereits auf der Euroblech vorgestellten 400-t-Pulsationspresse sowie der erstmals vorgestellten 1.250-t-Presse mit aktivem Zieh kissen. Insgesamt 25 Kunden und Interessenten folgten der Einladung aus Karlsruhe und erfuhren mehr über den „Koloß“ der Pressenbauer.

1.250 Tonnen für Schäfer

Die Schäfer-Werke aus Neunkirchen sind ein „alter“ Neff-Kunde. Das Unternehmen hat seit 1995 im Tschechischen Ledec nad Sazavou ein Werk, in dem es Dienstleistungen wie Tiefziehen, Stanzen, Umformen, Schweißen, Rundbiegen, Laser, Verzinken, Werkzeug und Formenbau, Musterbau et cetera anbietet. 2004 wurde die neue Produktionshalle in Betrieb genommen, wo bald auch die größte jemals gebaute Neff-Hydraulikpresse ihren Dienst versehen wird. „Unsere 1.250-t-Presse wird Schäfer Sudex für die Produktion eigener Produkte als auch für die Lohnfertigung einsetzen“, erklärt Oliver Dörmann das Einsatzgebiet der „großen Neff“ bei seinem Kunden.

Aktives Ziehkissen mit 630 Tonnen

„Die Presse ist mit einem aktiven Ziehkissen und mit der Option für eine spätere Automatisierung ausgestattet. Zu Beginn wird dort noch von Hand eingelegt“, so Oliver Dörmann. Daß die Neff-Presse im tschechischen Schäfer-Werk neben Stahl auch Edelstahl unter ihren Stößel bekommen wird, ist sicher, und auch, daß das Pressenkonzept ein wirklich flexibles Arbeiten ermöglicht. „Zu Beginn des Tiefziehvorganges fährt der Stößel mit dem Oberwerkzeug ab, wird mechanisch verriegelt, und das aktive 630-t-Ziehkissen drückt dann von unten das Blech in die Form. Unser Pulsations-System erlaubt hohe Ziehverhältnisse“, erklärt Oliver Dörmann. Die Presse mit einer Tischgröße von 3.000 x 2.100 mm, einer Gleichlaufregelung, der Neff-IPC-Steuerung und der Progressiv-/Degressiv-Steuerung dürfte damit den Beginn einer neuen Pressenära bei Neff markieren.

Ein Unternehmenskonzept geht auf

„Wir möchten gerne unser Werk um eine 20 m hohe Halle erweitern, um große Pressen bauen zu können. Derzeit warten wir da noch auf die letzten Antworten im Genehmigungsverfahren und sind bei der Grobplanung.“ Wenn die Behörden mitspielen, dürften die Karlsruher Pressenbauer vom 40-Mann-Betrieb zum 70-Mann-Betrieb wachsen - eine Investition in den Standort mit einem garantierten Beschäftigungszu- wachs. Daß sich Neff mit derzeit 40 Mann, davon zehn Entwickler und Konstrukteure, seit 1947 auf dem Markt behauptet, liegt laut Oliver Dörmann sicher zum Großteil an der Flexibilität des Unternehmens: „Wir haben bereits sehr früh, Anfang der neunziger Jahre, damit begonnen, alle Komponenten zuzukaufen und hier zu Montieren. Wir bedienen uns so zusagen der ›verlängerten Werkbank‹. Die Entwicklung aller mechanischen, elektrischen und hydraulischen Komponenten kommt aus unserem Hause. Da wurden wir damals von so manchem belächelt, weil es ja als schick galt, alles selbst zu machen.“ Das Neff-Konzept ging auf, und gerade in Jahren mit stark schwankendem Auftragseingang hat sich dies bewährt. „Wir haben uns einen Lieferantenpool aufgebaut, auf den wir zählen können. Das erlaubt uns höchste Flexibilität bei unseren Kunden.«

Testreihe mit tiefen Erkenntnissen

Daß Neff eigentlich ein reiner Sondermaschinenbauer ist, zeigen die zahlreichen Pressen- Modelle in der Montagehalle. Hier ist jede Presse auf die Bedürfnisse des jeweiligen Kunden zugeschnitten. Derzeit fahren die Karlsruher mit ihrer Pulsationspresse Versuche mit Ölwannen aus hochfesten Stählen. „Das Prinzip der Schwingungsüberlagerung ist eigentlich schon seit 50 Jahren bekannt. Wir haben hier die Lizenz von Fiat erworben und das Prinzip zur Serienreife gebracht. Unsere Presse erlaubt es beispielsweise, eine in zwei Stufen geformte Ölwanne in nur einer Stufe zu ziehen. Zudem erlaubt unser System höhere Ziehverhältnisse bei gleichzeitig saubereren Oberflächen“, erklärt Oliver Dörmann die Vorteile. Für die derzeit laufende Versuchsreihe mit hochfesten Stählen sind die Stößel mit zahlreichen Sensoren bestückt, um die Vorgänge im Werkzeug besser zu verstehen und beeinflussen zu können.

Auf die Schmierung kommt es an

Neben der reinen Maschinentechnik kommt der Lubrifizierung der Blechplatinen eine wichtige Bedeutung zu. Hier bedient sich Neff einer Raziol-Befettungsanlage, die für gleichmäßige, reproduzierbare Schmierfilme sorgen soll. „Wir haben damit bereits auf der Euroblech in Hannover gute Erfahrungen gemacht“, meint Oliver Dörmann, „darum eigen wir die Raziol-Anlage auch auf unserer Hausausstellung.“ Mit den interessanten Konzepten hat Neff so manchen Automobilbauer neugierig gemacht, und natürlich konnten die Karlsruher diese zu ihrer Hausausstellung begrüßen. Eigentlich alles in Butter, sollte man meinen, und dennoch bleibt ein kleiner Wermutstropfen: „Rund 80 Prozent unserer Kunden kommen aus dem Inland. Wir sind international noch nicht präsent genug“, meint Oliver Dörmann selbstkritisch. Doch die Karlsruher arbeiten intensiv daran, und auf der BlechExpo in Sinsheim kommen ja erwiesenermaßen immer mehr ausländische Fachbesucher - sicher ein Grund mehr für Neff, dort auszustellen.

Erik Schäfer

Erschienen in Ausgabe: 05/2005