Euro, Euro, du musst wandern!

Editorial
06. Juli 2009

Probleme kann man pragmatisch oder ideologisch angehen. Pragmatisch ist die Autoabwrackprämie erfolgreich, ideolgisch umstritten. Mag nahezu alle Kritik im Ansatz berechtigt sein, ökologisch sowieso, irgendwo bleibt sie dann stecken; die Erfolg-Prämie ist ihr im Wege, denn sie funktioniert – jetzt! Auch die Behauptung, die Schrottprämie sei ein Strohfeuer und helfe nur der Blechbranche Autohandel, zieht nicht. Zwar muss der Händler erstmal den Hersteller oder Importeur befriedigen, aber den Rest der Einnahmen kann er in seinen Betrieb oder in Wurstsemmeln investieren. Und seine Verkäufer können ihre Prämie für Möbel, Blumen oder sonstwas ausgeben; das Blumenmädchen und der Leberkäsbrater wiederum ... Man könne jeden Euro nur einmal ausgeben, behauptete kürzlich ein süddeutscher Zeitungskommentator. Aber der Empfänger dieses Euros kann ihn auf der Stelle – oder an einem andern Ort – wieder ausgeben. In einem alten Kinderlied kann mehr Weisheit stecken als im Kopf manches Ökonomysten.

Jenes Strohfeuer kann noch Monate nachglimmen, vielleicht lange genug, bis neuer Brennstoff da ist; die ersten Bestellungen trudeln ja schon wieder ein. Wir alle werden irgendwann von der Abwrackprämie profitieren – und der Staat am meisten. Trotzdem werden seine Schulden größer. Einige fordern (deshalb?) Steuersenkungen. Die fordern die immer: im Aufschwung, damit es uns schneller besser geht; im Abschwung, damit ... was auch immer. Selbst wenn man in über 40 Regierungsjahren keine Gelegenheit zu Steuersenkungen fand, in den nächsten vier klappt es ganz bestimmt! Die Gelegenheit ist günstig, in ein leckgeschlagenes Schiff Löcher zu bohren, damit das Wasser schneller raus kann. Das geht. Man muss nur gleichzeitig die Pumpen-, also die Wirtschaftsleistung, um etwa ein Viertel erhöhen – um schlappe fünf Prozentpunkte Steuersenkung auszugleichen.

Ideologisch oder pragmatisch kann man auch die Frage angehen, ob der Staat Unternehmen ›retten‹ darf. Ich weiß es nicht. Aber ich wüsste gerne von jenen, die einst als Schankkellner beim un-heimlichsten Weingelage der deutschen Geschichte mitgebechert haben, warum sie heute öffentlich Wasser predigen. Mal abgesehen davon, wessen Hände wie tief in die Taschen von VW stecken – was haben denn jene Der-Staat-muss-sich-raushalten-Apologeten, denen ein Arbeitsplatz beim großen BÄNDER-, BLECHE-, ROHRE-Verarbeiter Opel und seinen Lieferanten keine 50000 € wert ist, als Verantwortliche ehedem gegen die Jenoptik-Subventionierung von etwa 500000 DM pro geretteten Arbeitsplatz unternommen? Wenn 70000 Steuerzahler zu 70000 Wohlfahrtsempfängern – etwa zwei Promille der deutschen Arbeitnehmer – werden, mag das volkswirtschaftlich belanglos sein, die psychische Wirkung auf uns bislang so tapfere Konsumenten wäre es wohl nicht. Wir würden vielleicht ganz pragmatisch reagieren.

Erschienen in Ausgabe: 04/2009