Erfolg liegt im Detail

Blechbearbeitungsmaschinen mit hohem Innovationsgrad
25. September 2004

„Du bischt doch Ingenieur!? Dann bau mir halt ne Spätzlepress mit der i weniger Kraft brauch.“ Dies war die Initialzündung für den Bau der ersten schwäbischen Kniehebel-Spätzlepresse - die den Hausfrauen kein „Bodybuilding“ abverlangte, um die schwäbische Nationalnudel aus der Teigmasse durch eine Lochscheibe zu langen Fäden zu pressen. Dipl.-Ing. Willy Stahl, Geschäftsführer aus der dritten Generation des Sindelfinger Familienunternehmens RAS Reinhardt Maschinenbau, erzählt vom Gespräch, das sich in etwa so zwischen seinen Großeltern entspann. Tabakschneidemaschinen aus Blech, Beerenpressen und weitere Apparate und Maschinchen folgten, um den Bedarf an Geräten und Apparaten in der Heimat zu decken.

RAS ist heute ein 210-Mann/Frau-Betrieb mit der Entwicklung und Montage in Sindelfingen sowie einem Zweitwerk in Effringen/Wildberg, im Nordschwarzwald - wo unter anderem die Maschinengestelle geschweißt werden. 27 Auszubildende bilden die „Young generation“ des Unternehmens. Bekannt ist RAS vor allem durch seine Schwenkbiegemaschinen, die in etwa 60 bis 70 Prozent des Unternehmensumsatzes ausmachen. Doch die bekannten Schwenkbiegemaschinen sind eben nur ein Teil des hochinteressanten Produktportfolios, das in die Gebiete Schneiden, Biegen und Formen eingeteilt ist. Demnächst wird dies durch das Aktionsfeld Stanzen ergänzt werden müssen. Nicht nur Maschinen von der Stange darf man von RAS erwarten, ein Beispiel für den Spezialitätensinn des Unternehmens ist die Konturprofiliermaschine. „Um die konturgeschnittenen Karosseriebleche für den Mercedes-Omnibus profilieren zu können, haben wir eine Sondermaschine entwickelt. Eine fahrende Profiliereinheit fährt im geschwungenen Blechbereich die Kontur ab und profiliert die Blechkante. Im Bereich, wo das Blech gerade ist, wird die fahrbare Profiliereinheit arretiert und das Blech verfährt, wie in normalen Profilieranlagen auch“, erläutert Willy Stahl die pfiffige Konstruktion.

Das elegante, moderne Maschinendesign - im eigenen Hause entworfen -, sorgt im durchgängig hellgrauen Farbkleid, mit orangen Kanten- oder Dreiecksapplikationen durchsetzt, für einen hohen Wiedererkennungswert der RAS-Maschinen - it& pos;s a RAS, isn& pos;t it? Dies gilt von der kleinen Handsickenmaschine bis zum großen vollautomatisierten Biegezentrum gleichermaßen. Die CNC-Maschinen sind an ihren schlanken, dunkelgrauen Bedienfeldern mit integrierten Touchscreen-Displays und/oder Folientastaturen leicht erkennbar. Das zu den äußeren Werten. Die inneren Werte, oft raffinierte Detaillösungen, harren noch ihrer Entdeckung. Gerade sie werden den Praktiker vor Ort in den Betrieben überzeugen.

Warum Schwenkbiegen?

Die Kanalfalzmaschine „DuctZipper“ (zum Formen und Schließen der Falz an Lüftungskanälen), die weltweit erste lernfähige Sickenmaschine „RAS 12.35“ oder die Langbiegezentren „RAS XXLCenter“ bis 6,4 m Arbeitslänge für den Dach- und Fassadenbau, nennt Willy Stahl als Alleinstellungsmerkmale seines Unternehmens. Über die Nachbauten anderer Hersteller macht er sich weniger Gedanken, denn viele Details hat sich RAS patentieren lassen und in Sachen Flexibilität und Qualität immer wieder die Nase vorn. Doch gibt es für Schwenkbiegemaschinen überhaupt einen Markt? Sind die bekannteren Abkantpressen nicht viel genauer und flexibler? Und warum gibt& pos;s an den RASSchwenkbiegemaschinen eigentlich keine Winkelmeßeinrichtungen? Willy Stahl, kennt diese Fragen. Im Vorführzentrum, das nur durch großflächig bedruckte Stoffpaneele von der Fertigung getrennt ist, zeigt er, weshalb seine Schwenkbiegemaschinen heute eine feste Größe bei vielen flexiblen Blechbearbeitern sind. „Entscheidend ist, was Sie mit Ihrer Maschine erreichen wollen“, so leitet Willy Stahl die Exkursion ins Innenleben der RAS-Schwenkbiegemaschinen ein. Rasch zeigt er anhand der zahlreichen Biegemuster, Bleche mit Radienbiegungen von 1,2 m, Falze und raffinierten Biegekombinationen, exakt ineinander schiebbaren Blechprofilen und Blenden, welches Leistungspotential die RAS-Schwenkbiegemaschinen bergen. „Für diese Biegungen benötigen wir keine Spezialwerkzeuge. Das ist alles mit den Standardwerkzeugen gefertigt. Alles, was Sie hier sehen, ist lediglich eine Frage der Programmierung“, so Willy Stahl. Wer die Blechteile gesehen hat, beginnt sich spätestens hier zu wundern - Blechspezialitäten aus beschichtetem Stahlblech oder Edelstahl sind mit Standardwerkzeugen so zu Formen?

Oberwange und Biegewange der Schwenkbiegemaschinen sind mit einem Klick-in-Werkzeugsystem ausgestattet. Sie nehmen die Spitzwerkzeuge, die Geißfußwerkzeuge und auch die segmentierten Biegewangen-Werkzeuge auf und spannen sie automatisch. Bei den Biegezentren, die nach oben und unten biegen können, entfällt das platz- und mannintensive Umdrehen der eingelegten Bleche. Sie können in einem Satz gebogen werden. Beim XXL-Langbiegezentrum kommt eine weitere Finesse hinzu. „Vom Frosch, der Fliegen fängt, haben wir uns unser automatisches Blecheinzugsystem abgeschaut. Der Frosch öffnet sein Maul, die Zunge schnellt heraus, die Fliege klebt fest, der Frosch zieht die Zunge zurück und schließt sein Maul. Unsere & pos;Fliege& pos; ist das oftmals lange, labile Blech, das zu einem Dach- und Wandprofil gebogen werden soll. Die Oberwange öffnet sich, ein Blechauflagetisch fährt heraus, das Blech kann aufgelegt werden, und während der Tisch zurückfährt, wird das Blech zentriert und von den Greifern gehalten und positioniert“, erklärt Willy Stahl einprägsam das praktische System. Ein weiterer Pluspunkt der RAS-Schwenkbiegemaschinen: sie stellen sich automatisch auf die Blechdicke ein. „Das Biegesystem kann mit den Blechdickentoleranzen automatisch umgehen und braucht in punkto Biegewinkelgenauigkeit den Vergleich mit einer Abkantpresse nicht zu scheuen“, meint Willy Stahl, „bloß, daß wir ohne Biegewinkel-Meßsystem auskommen.“ Die Steuerung mit eigener Maschinensoftware für die 5 bis 6 Achsen der Schwenkbiegemaschinen oder für die vollautomatischen Biegezellen sind einen genaueren Blick wert. Willy Stahl zeigt, daß das Programmieren von Blechbiegeteilen sozusagen per Fingertipp möglich ist. Alle Programme werden von der eigenen Softwareentwicklung geschrieben und sind intuitiv erlernbar. Auf dem Touchscreen entsteht innerhalb kürzester Zeit ein Blechteil mit einer Umschlagfalz und verschieden hohen Schenkeln. Wer die Anwendungstechnik so eingehend studiert wie die Blechkenner von RAS, kann mit raffinierter Software den Mann an der Maschine bestmöglich bei seiner Arbeit unterstützen. „Wir sind stets bemüht Trends zu setzen und einen Schritt voraus zu sein.“ Willy Stahl zeigt, daß das Gesagte keine leeren Worthülsen sind.

Stanzen mit 2g

Die selbstlernende Sickenmaschine beispielsweise, die jede Bedienereingabe aufzeichnen und dann selbsttätig reproduzieren kann, beweist bei einem Preis von etwa 5.000 Euro: „Intelligente“ Maschinen müssen nicht unbedingt teuer sein. Jüngster Sproß aus der „Sindelfinger Denkerecke“ ist eine Bandstanzanlage für Profilierer als sinnvolles „ad on“ und dürfte einige in der Branche hellhörig werden lassen. RAS wird seine neue Bandstanze auf der Euroblech erstmals vorstellen: „Die erste Anlage läuft bereits bei einem Kunden und & pos;füttert& pos; zwei Profilieranlagen mit flexibel gestanztem Bandmaterial. Direkt vom Coil gelangt das Band in eine Richtanlage um anschließend gelocht zu werden. Dann geht& pos;s weiter zum Profilieren“, erklärt der Geschäftsführer den Aufbau der Anlage. Interessant ist das Stanzsystem. In einer leicht auswechselbaren Werkzeugkassette sind bis zu 27 „Thick Turrent“-Werkzeuge der Größen A bis D untergebracht. Die Stanzkassette bewegt sich quer zum durchlaufenden Band. Der Stanzzylinder bewegt sich oberhalb der Stanzwerkzeuge in allen drei Achsen und fährt jedes der 27 Werkzeuge einzeln an. Ein Werkzeugwechsel dauert nur sagenhaft kurze 10 Millisekunden. Die Beschleunigungs- und Verzögerungswerte gibt Willy Stahl mit 2 g an. 32 Stanzprofile etwa für Softpunch und Umformungen sind hinterlegbar. „Aufgrund dieser Beschleunigungswerte werden die Bandlaufgeschwindigkeiten nebensächlich“, erklärt der Geschäftsführer mit einer ansteckenden Begeisterung.

Perfekte Integration

Im Kundenvorführzentrum in Sindelfingen bedeckt eine interessante Blechskulptur eine Wand. „Hier sehen Sie die Verbindung von althergebrachter und hochmoderner Blechfertigung“, erläutert Willy Stahl die Idee des Künstlers. Der Blick hinaus zum Fenster des RAS-Kundenzentrums in Sindelfingen fällt unweigerlich auf ein weiteres Kunstwerk: „Die 15 Meter hohe Säule besteht aus Maschinenbett-Teilen und dem Getriebekasten einer Langhobelmaschine“, erklärt Willy Stahl. „Meine Eltern haben das Kunstwerk anläßlich des 70. Geburtstags meines Vaters und

65 Jahren RAS im April der Stadt Sindelfingen zum Geschenk gemacht.“ Die Geschäftsführung komplettiert Bruder Rainer Stahl zu einem der viel zitierten schwäbischen Mittelständler, die immer wieder durch innovative Lösungen von sich reden machen. „Maschinenkunst“ draußen, und im Werk Maschinen, die die hohe Kunst der Blechbearbeitung beherrschen.

Erschienen in Ausgabe: 09/2004