„Eine positive Entwicklung“

Benedikt Niemeyer, CEO des Stahlkonzerns Schmolz + Bickenbach AG, im bbr-Gespräch über die außergewöhnliche Neupositionierung des Unternehmens, Servicestrategien und die Zukunft des Werkstoffs Stahl.

25. Oktober 2007

br: Herr Niemeyer, in den vergangenen Jahren hat Schmolz + Bickenbach bedeutende Stahlproduktionswerke in Deutschland, Frankreich, der Schweiz und den USA übernommen. Welche Strategie verfolgen Sie?

Benedikt Niemeyer: Schmolz + Bickenbach hat sich durch die Übernahmen vom Düsseldorfer Stahlhändler und -verarbeiter zu einem weltweit führenden Produzenten und Komplettanbieter von hochwertigen Stählen weiterentwickelt. Bei der Herstellung von rostfreien Langprodukten und Werkzeugstahl sind wir heute weltweit marktführend. In entscheidenden Nischen des Spezialstahlsegments belegen wir eine sehr starke Position. Diese werden wir künftig weiter ausbauen.

Welche Vorteile bietet die Neupositionierung vom Stahlhändler zum Produzenten?

Die neue Grundstruktur ermöglicht uns ein sehr robustes Geschäft. Beispielsweise können wir die in der Stahlindustrie üblichen Zyklen der Geschäftsentwicklung optimal innerhalb der einzelnen Unternehmensbereiche ausgleichen. Damit sind wir langfristig ein zuverlässiger Partner. Ein weiterer entscheidender Vorteil ist, dass unsere Kunden alle Leistungen aus einer Hand beziehen - von der Produktion über die Weiterverarbeitung bis hin zu Distribution und Services. Diese All-in-one-Lösung ermöglicht es uns, jedes Produkt individuell auf die kundenspezifischen Anforderungen zuzuschneiden.

Wie ist Ihr Servicekonzept?

Es ist unser Anspruch, jedem Kunden exakt die Spezialstahllösung zu bieten, die er für seinen Unternehmenserfolg benötigt. Zum Beispiel im Bereich der Werkstoffentwicklung, die wir in enger Absprache mit unseren Kunden realisieren. Oder denken Sie an unsere zahlreichen Distributionsstandorte, die weiterführende Anarbeitungsdienstleistungen realisieren. Hier erhalten unsere Kunden neben Fixlängen auch Sägezuschnitte oder spezielle Oberflächenbehandlungen bis hin zu einbaufertigen Werkstücken. Umfassender Service bedeutet für uns ebenfalls, dass global aufgestellte Kunden innerhalb der Gruppe auch weltweit betreut und beliefert werden.

Und was passiert, wenn der Stahlboom zu Ende geht?

Bezüglich der Absatzmengen hat es diesen »Stahlboom« in den letzten Jahren gar nicht gegeben. Und hinsichtlich des Preisniveaus hat sich mittlerweile eine neue Preisstruktur herausgebildet, die den echten Wert der Produkte widerspiegelt. Die Entwicklung der letzten Jahre auf dem Stahlmarkt hat meines Erachtens eines ziemlich deutlich gezeigt: Stahl ist nach wie vor ein wichtiger und wertvoller Werkstoff. Insbesondere die Nachfrage nach hochwertigem Stahl und Stahlprodukten hat sich in den letzten Jahren kontinuierlich verstärkt. Daher erwarten wir auch in den kommenden Jahren eine positive Marktentwicklung.

Stahl wurde teilweise längst durch Kunststoff oder Aluminium ersetzt. Wie sehen Sie hier die Entwicklung?

Es ist sicherlich richtig, dass dem Werkstoff Stahl in den vergangenen Jahren zumindest in Teilbereichen eine neue Konkurrenz erwachsen ist. Auf der anderen Seite belebt Konkurrenz bekanntermaßen das Geschäft. Angesichts beeindruckender Fortschritte in den Bereichen der Werkstoffentwicklung und Oberflächenbearbeitung ist und bleibt Stahl ein wichtiger und oftmals konkurrenzloser Werkstoff. Selbst im Automobilbau scheuen unsere neuen hoch- und höchstfesten Stähle einen Vergleich mit beispielsweise Aluminium nicht. Im Gegenteil: Ein Großteil der Gewichtsverringerung bei Fahrzeugen ist auf den Einsatz neuer Stähle zurückzuführen. Aufgrund der stetig steigenden Marktanforderungen hat die Werkstoffentwicklung bei uns einen extrem hohen Stellenwert.

Herr Niemeyer, was liegt Ihnen bei der Weiterentwicklung Ihres Konzerns ganz persönlich am Herzen?

Wissen Sie, Schmolz + Bickenbach hat in den vergangenen Jahren eine tiefgreifende Wandlung vollzogen - vom traditionellen Stahlhändler hin zu einem weltweit führenden Produzenten und Komplettanbieter von hochwertigen Spezialstählen. Seit 2006 sind wir als AG börsennotiert. Bei dieser rasanten Entwicklung ist es mir wichtig, vor allem langfristig erfolgreich zu sein. Deshalb ist es nicht unser primäres Ziel, mit der Neuausrichtung Analysten zu beeindrucken. Vielmehr soll Schmolz + Bickenbach ein solides und stabiles Unternehmen bleiben und damit auch in Zukunft ein guter Arbeitgeber für unsere Mitarbeiter und ein sehr langfristiger, zuverlässiger Partner unserer Kunden sein. _

VitaBenedikt Niemeyer

Dipl.-Ing. Dipl.-Kfm. Benedikt Niemeyer, CEO, Vorsitzender der Konzernleitung und Delegierter des Verwaltungsrates der Schmolz + Bickenbach AG, studierte in Clausthal und München Maschinenbau und Betriebswirtschaftslehre. In seiner beruflichen Laufbahn war er u.a. für die Unternehmensberatung McKinsey tätig sowie für den Stahlhändler Klöckner & Co. AG, dort zuletzt im Vorstand.

Erschienen in Ausgabe: 07/2007