Drei Fragen, Wilfried Jakob

»Früh von neuen Trends profitieren«

28. März 2007
Der EFB-Präsident (Europäische Forschungsgesellschaft für Blechbearbeitung e.V.) Wilfried Jakob zu den Zielen und Aufgaben des EFB für seine Mitglieder.
Bild 1: Drei Fragen, Wilfried Jakob (Der EFB-Präsident (Europäische Forschungsgesellschaft für Blechbearbeitung e.V.) Wilfried Jakob zu den Zielen und Aufgaben des EFB für seine Mitglieder.)

br: Herr Jakob, die Europä­ische Forschungsgesellschaft für Blechverarbeitung e.?V. fördert die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft in Europa. Ist das ein loses Informationsnetzwerk oder manifestiert sich dies anhand konkurrenzfähiger Produkte »Made in Europe« für den Weltmarkt?

Wilfried Jakob: Als ein loses Netzwerk kann man die EFB wahrhaftig nicht bezeichnen. Wir gehen mit unseren Mitgliedern einen Vertrag ein und sind durch die Steuerung der Forschungsprogramme im Rahmen der industriellen Gemeinschaftsforschung über die AIF (Arbeitsgemeinschaft Industrieller Forschungsvereinigungen e.?V.) vertraglich an die entsprechenden Richtlinien des BMWI (Bundesministerium für Wirtschaft) gebunden. Unsere Verantwortung ist die Zuordnung der Fördermittel auf die verschiedenen Bereiche der Blechverarbeitung: zum Beispiel Stahl, Aluminium, Maschinen, Werkzeuge, Umformen, Trennen, Fügen. Darüber hinaus gestalten wir den Ergebnistransfer und unterliegen bezüglich der Umsetzung in die Praxis der Kontrolle durch das BMWI. Darüber hinaus arbeiten wir verstärkt daran, unseren Mitgliedsunternehmen in der Zusammenarbeit auf internationaler Ebene europäische Programme zu eröffnen und sie in Forschungsfragen zu beraten. Durch die Programme, die über die EFB betreut werden, fördern wir die Forschung in einem gesunden Wettbewerb an den Universitäten. Das Know-how, das in den Projekten erworben wird, kommt der Industrie sowohl direkt über die Mitarbeit in diesen, als auch über eine gute praktische Erfahrung der Forschungsstellen und das Ausbildungsniveau der Ingenieurinnen und Ingenieure zugute. Ergebnisse der Gemeinschaftsforschung, sofern sie mit öffentlichen Geldern gefördert werden, sind grundsätzlich öffentlich. EFB-Mitglieder genießen hier einen zeitlichen und qualitativen inhaltlichen Vorsprung, wenn sie in den Projekten und Arbeitskreisen aktiv mitarbeiten. Dieser Anteil der Eigenleistung der Industrie ist bei der EFB sogar höher als in vielen anderen Forschungsgesellschaften, das zeigt das große Interesse der Industrie­unternehmen und der angestrebte Nutzen. Die EFB beobachtet Märkte, praktische Herausforderungen und neue Ideen an den Unis und in der Industrie und bringt wichtige Forschungsthemen in die Gemeinschaftsforschung ein. Forschung probiert oftmals Gewagtes aus und hat das Ziel, im Gegensatz zu kleinen inkrementellen Optimierungsvorgängen, die generell täglich in den Produktionswerken ablaufen, technologische Durchbrüche zu erreichen. Als Beispiele möchte ich hier die Projekte zur Erforschung der Verarbeitung von hochfesten Stählen oder die Fortschritte der Mischbauweisen im Karosseriebau nennen.

Das EFB-Kolloquium im März 2007 in Fellbach bei Stuttgart beschäftigt sich mit der Karosserie der Zukunft im Wettbewerb der Werkstoffe, ist also eine reine »Automobilerveranstaltung«?

Die Leitthemen unserer Kolloquien zur Blechverarbeitung werden in Absprache mit dem Forschungsbeirat festgelegt. Es geht auf unserer Tagung nicht nur um Autos, sondern um Maschinen und Prozesse, die in der gesamten Blechverarbeitung eingesetzt werden können. In Deutschland ist die Automobilindustrie aber eine starke Leitindustrie, die aufgrund der Marktsituation unter einem starken Innovations- und Produktivitätsdruck steht. Wenn sich die Innovationen als standardisierte Verfahren bewährt haben, werden sie vielfach auch in den anderen Branchen eingesetzt. Die Projekte der EFB bieten allen Bereichen der Blechverarbeitung eine Beteiligung an. Hier denke ich an Unternehmen der Medizintechnik, Luftfahrt, Bau- und Verpackungsindustrie sowie Profil- und Rohrhersteller. Wir suchen Treiber von Innovationen - unabhängig von der Branche.

Bei vielen Blechfertigern sinken die Stückzahlen und die Variantenzahl steigt. Massenprodukte werden zunehmend im Ausland gefertigt. Was tut die EFB zur Standortsicherung Deutschland/Europa, sprich, wie unterstützt sie ihre Mitgliedsunternehmen?

Die EFB hat Programme aufgelegt, die sich in der Pressen- und Werkzeugtechnik genau mit dieser Problematik befassen. Maschinen müssen multifunktional ausgelegt und auf kleine Stückzahlen und häufige Werkzeugwechsel optimiert werden. Entsprechendes gilt für die Werkzeuge. Stark entwickelt hat sich in letzter Zeit das Gebiet der Simulation und Steuerung. Ein Projekt der EFB untersucht z.?B. Auswahl- und Optimierungsparameter von Prozessketten für die Blechumformung zur Auslegung von Produktionsprozessen bei KMU (kleine + mittlere Unternehmen). Gerade den KMU bietet die EFB die Möglichkeit, Forschungsprojekte selbst mitzugestalten und fördern zu lassen, und so frühzeitig von neuen Trends zu profitieren.

Erschienen in Ausgabe: 02/2007