Drei Fragen Reinhard F. Hüttl

„Wissen macht vielen Deutschen wieder Spaß“

27. November 2007

br: Herr Professor Hüttl, was ist der Leitgedanke hinter der Gründung der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften? Prof. Reinhard F. Hüttl: Technikwissenschaften spielen für Wohlstandssicherung und Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes eine immer wichtigere Rolle. Sie sind der Motor des Fortschritts und eine der wichtigsten Quellen für Innovationen, ohne die ein nachhaltiges Wachstum nicht zu erreichen ist. Die Gründung einer nationalen Akademie der Technikwissenschaften nur fünf Jahre nach dem Start als Konvent macht jetzt die Bedeutung der Technikwissenschaften für die Entwicklung Deutschlands deutlich ? und sie gibt unserer Arbeit noch mehr Gewicht. Ich bin überzeugt: Die großen Herausforderungen unserer Zeit wie die Sicherung der Mobilität, demografischer Wandel, Klimawandel und Energieversorgung sind vor allem auch Herausforderungen an Kreativität und Kompetenz der Technikwissenschaftler in Unternehmen und Wissenschaft. Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften hat den Anspruch, die Stimme der Technikwissenschaften insgesamt zu sein. Wir wollen den Dialog zwischen Wissenschaft und Wirtschaft fördern, eine Plattform bieten für die Suche nach Antworten auf drängende Fragen und sehr konkrete Probleme. Politik und Gesellschaft brauchen fundierten Rat, einen Rat, der sich auf eine wissenschaftliche Grundlage stützen kann. Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften kann diese Aufgabe dank der Kompetenz ihrer Mitglieder aus den renommiertesten Forschungseinrichtungen des Landes, der Mitwirkung so vieler technologieorientierter Unternehmen Deutschlands und der institutionellen Förderung durch Bund und Länder mit Autorität und Augenmaß ausfüllen.

Die bessere Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft wird von Verbänden und Instituten immer gern als ein Ziel formuliert. Wie kann die nationale Akademie der Technikwissenschaften konkret dazu beitragen?

Grundsätzlich ist es gut, wenn sich viele Verbände und Institute das Ziel einer Vernetzung auf die Fahnen schreiben. Denn Wissenschaft und Wirtschaft aus Deutschland könn­ten mit einer besseren Abstimmung noch viel schlagkräftiger agieren. Insofern begrüßen wir alle Anstrengungen in diese Richtung. Für »acatech« ist das enge Zusammenspiel von Wissenschaft und Wirtschaft ein Arbeitsprinzip. Der Dialog von Wissenschaft und Wirtschaft prägt unsere gesamte Arbeit. Ein konkretes Beispiel dazu bietet der Klimaforschungsgipfel. Hier hat acatech als Kooperationspartner des Bundesministeriums für Bildung und Forschung wichtige Akteure aus Wissenschaft und Wirtschaft in Dialogforen zusammengebracht, damit kostbare Ressourcen für die Forschung noch zielgerichteter eingesetzt werden können. Wir setzen uns bei diesem Thema zudem für einen Klimawandel ein, und zwar weg von einer Debatte, die von Verboten und Einschränkungen bestimmt ist, hin zu einer Auseinandersetzung darüber, welchen Beitrag Deutschland leisten kann, um dem Klimawandel konstruktiv zu begegnen. Heute wissen wir bereits: Technik made in Germany kann weltweit eine sehr positive Rolle spielen, von der das Weltklima genauso profitieren wird wie die Wirtschaft unseres Landes.

In Deutschland fehlen Visionäre. Wie können die Beteiligten aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft ein günstiges Innovationsklima schaffen?

So pessimistisch sehe ich die Sache gar nicht. Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren durchaus schon bewegt. Auch sind die Vorbehalte gegenüber Technik in einigen Bereichen der Gesellschaft gesunken. Wissen macht vielen Deutschen wieder Spaß; wir haben heute schon eine Vielzahl an Wissenschaftsmagazinen im Fernsehen, und vorausschauende Verleger verstärken die Berichterstattung in diesen Feldern. Andererseits: Wir können und müssen durchaus noch mutiger, veränderungsfreudiger werden. Dazu brauchen wir nicht nur Visionäre, sondern die Technikwissenschaftler von morgen, also einen beherzt zupackenden, unternehmungsfreudigen und wissbegierigen Nachwuchs ? und das gilt für die Unternehmen genauso wie für die Wissenschaft. Derzeit entscheiden sich viel zu wenige junge Menschen für einen Beruf mit technikwissenschaftlichem Hintergrund. Das ist eigentlich erstaunlich, weil Technikwissenschaftler in den Bereichen arbeiten können, in denen unser Land stark ist. Also müssen wir uns selbstkritisch fragen: Haben wir in den vergangenen Jahren mit unseren Programmen für mehr Technikbegeisterung die richtigen Akzente gesetzt? acatech hat diese Frage bereits aufgegriffen. Wir werden diese Frage mit einem gesamtsystemischen Ansatz untersuchen und die Vielzahl der Initiativen unter dem Blickwinkel bewerten, inwieweit sie tatsächlich geeignet sind, das Studienwahlverhalten messbar zu verändern. Auf einer anderen Ebene richtet sich die Frage nach den besten Bedingungen für ein innovationsfreundliches Klima natürlich auch an jeden von uns. Ich meine: Am überzeugendsten eintreten für ein veränderungsfreudiges Klima können wir dann, wenn wir auch in unserer direkten Umgebung selbst dafür eintreten. _

Es fragte Erik Schäfer

Zu acatech:

Der Weg ist frei für die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften. Vom 1. Januar 2008 an werden die Technikwissenschaften in Deutschland durch eine Wissenschaftsakademie auf nationaler Ebene vertreten. Rund 800 Gäste waren am 16. Oktober zur 5. Festveranstaltung von acatech gekommen, um den Aufstieg vom Konvent zur Akademie zu feiern.

www.acatech.de

Erschienen in Ausgabe: 08/2007