Drahtesel

Hoffmanns Erwägungen

In der letzten Ausgabe durfte ich dem Automobil herzlich zu seinem 125jährigen Jubiläum gratulieren.

06. April 2011

Nachdem das Geburtstagskind ausgiebig gefeiert wurde, nutze ich nun die Gunst des aufblühenden Frühlingswetters, um dem eigentlichen Star des Individualverkehrs etwas Aufmerksamkeit zukommen zu lassen: dem Fahrrad. In Deutschland gibt es mit 75 Millionen Stück immerhin fast doppelt so viele Fahrräder wie Autos. Mit diesen werden immerhin 11 Prozent aller zurückgelegten Kilometer in Deutschland erradelt und damit ein erheblicher Beitrag zur CO2-Einsparung geleistet.

Denn 90 Prozent der Fahrrad-Kilometer werden im Stadtverkehr zurückgelegt. Autos emittieren dort bekanntlich besonders viel Treibhausgas. Zudem würde in den meisten Städten ohne die Entlastung durch die muskelkraftbetriebenen Drahtesel der Stadtverkehr endgültig zum Standverkehr.

›Drahtesel‹ ist allerdings ein etwas irreführender Begriff. Er ist wohl auf den beliebten Einsatz von Drahtspeichen zurückzuführen. Das Herzstück eines jeden Fahrrades, der Rahmen, ist allerdings nicht aus Draht gefertigt, sondern, wie auch die Sattelstütze und der Lenker, aus Hohlprofilen. Einer strengeren Logik folgend müsste man das Fahrrad also Rohresel nennen. Wobei auch die Analogie zum Esel eher auf die zweckmäßige und etwas plumpe Bauweise der Fahrräder aus älteren Tagen zutrifft.

Bei aktuellen Rennrädern und Mountainbikes mag das Bild vom gemütlichen Lastentier nicht so recht passen. Beim Anblick der Hightech-Sportgeräte werden eher Assoziationen an hochgezüchtete Rennpferde geweckt. Die neuste Generation des Fahrrads verhilft sogar den unsportlichsten Zeitgenossen zu Tour-de-France-verdächtigen Fahrleistungen. Elektrofahrräder machen es möglich. Spätestens beim Beobachten eines ambitionierten Radrennfahrers, der hoffnungslos versucht, einer älteren Dame auf ihrem Elektrorad den Berg hoch zu folgen, sieht man ein, dass es sich dabei um mehr als eine Spielerei handelt.

Es ermöglicht einfach und CO2-arm die Erweiterung des Einsatzbereiches des Fahrrades. Es vergrößert nicht nur die mögliche Fahrstrecke, auch dürfte die Angst vor dem verschwitzten Hemd am Arbeitsplatz der Vergangenheit angehören und es macht das Fahrrad für körperlich weniger leistungsfähige attraktiver, besonders in hügeliger Umgebung oder bei windigem Wetter.

Also keine falsche Scheu und rauf aufs Rad, ob nun mit oder ohne elektrische Unterstützung! Denn das ist nicht nur gut für die Umwelt und den Verkehr, sondern auch für die Gesundheit. Auch vorsichtige Naturen sollten keine Angst vorm Rad haben. Gemessen an den jährlichen Todesfällen ist Radfahren nämlich nicht gefährlicher als zu Fuß zu gehen oder Auto zu fahren. Ich werde nun die Frühlingssonne für eine ausgiebige Tour auf meinem Drahtesel… pardon, Rohrhengst… nutzen. Gute Fahrt!

Prof. Hoffmann

Erschienen in Ausgabe: 02/2011