Draht zum Rohr

Schrittmacher der Drahtverarbeitung steigt ins Rohrbiegen ein

„Käpsele“ ist der schwäbische Ausdruck für einen pfiffigen Kopf. An Daniel Düsentriebs à la Württemberg besteht in der Tüftelecke rund um Stuttgart wahrhaftig kein Mangel. Doch einen besonders hohen Käpsele-Bedarf hat Wafios in Reutlingen. Der Schrittmacher der Drahtverarbeitung nutzt sein Draht-Wissen nun zum Einstieg in das Rohrbiegen.

11. Dezember 2001

Warum in Reutlingen Innovationskraft permanent gefragt ist, erläutert Hanns-Gerhard Rösch, Vorsitzender des Vorstandes der Wafios AG an einem Beispiel: „Als erstes Unternehmen dieser Branche führten wir elektronische Steuerung und Servotechnik ein. Dieser Einstieg hat Maschinen hervorgebracht, die wegen ihrer hohen Flexibilität besonders in der Federnindustrie gefragt sind. Diese Servotechnik ist etwas besonderes, weil bei unseren Maschinen die Zykluszeiten wesentlich kürzer ausfallen müssen als bei typischen Werkzeugmaschinen. Unsere Kunden stellen teilweise 1.000 und noch mehr Teile pro Minute her.“

Dank derartiger Innovationen avancierte Wafios in seiner über 100jährigen Firmengeschichte zum Weltmarktführer bei Drahtbearbeitungsmaschinen. Dazu Rösch: „Wir geben die Marschrichtung auch für die Konkurrenz, die zunehmend dazu übergeht, uns zu kopieren.“

Was unterscheidet Wafios vom typischen Werkzeugmaschinenbau? Außer den schnellen Zykluszeiten sieht Rösch vor allem die Typenvielfalt: „Wir haben weltweit das breiteste Programm aller Hersteller von Drahtbearbeitungsmaschinen.“ Rund 300 verschiedene Maschinen entstehen bei Wafios. Die Bearbeitungspalette reicht von Drähtchen für Herzkatheder (Durchmesser 0,02 bis 0,04 Millimeter) bis hin zu wuchtigen Drähten für Ketten (Durchmesser 53 Millimeter). Ihre Kunden produzieren unter anderem Automobilzulieferteile, Haushaltsgeräte, Ausstellungsständer, Spielzeug und Maschinen aller Art. Bei dieser Vielfalt ist es verständlich, daß sich ein echtes Baukastensystem nicht verwirklichen läßt. Rösch: „Wir helfen uns dadurch, daß wir über eine sehr große technische Abteilung mit 100 Mitarbeitern verfügen, die projektübergreifend neue Maschinen entwickeln.“ Alte Abteilungsgrenzen hat Wafios dabei längst überwunden. Je nach Bedarf bildet sich bei einer Neukonstruktion jeweils ein Team aus den verschiedensten Experten.

Seit kurzem stellt Wafios auch Anlagen zum Rohrbiegen her. Warum verläßt der Weltmeister in der Disziplin Drahtbiegen sein angestammtes Revier? Rösch: „Ein Rohr in den unteren Größendimensionen verhält sich ähnlich wie ein Draht. Daher liegt es nahe, Drahtbiegemaschinen zum Verformen von Rohren zu nutzen. Auf die Idee brachte uns ein Zulieferer der Automobilindustrie, der eine Art Tauchsieder für die Scheibenwaschanlage herstellt. Nach dem Bau der Maschine für diesen Kunden stand fest, daß wir auch in diese für uns neue Branche einsteigen.“

Auf Grund der speziellen Drahtbiegetechnik ergeben sich Vorteile, welche die Hersteller aus der Rohrbranche und Rohrbearbeitung nicht bieten können. Erläuterung von Projektmanager Peter K. Waiblinger: „Während klassische Maschinen nur in eine Richtung biegen können, verformen wir die Rohre beliebig nach links und rechts.“

Derartiges Know-how im dreidimensionalen Verformen ist beispielsweise gefragt in der Autoindustrie. Rösch: „Wenn irgendwo eine Federkraft benötigt wird, beschließen die Entwickler erst knapp am Ende des Projektes, wie die dazu nötige Feder aussieht.“ Weil dann aber meist Platz fehlt, müssen sich die Federn oft um mehrere Ecken schlängeln. Derartige Bauteile lassen sich nur noch mit elektronisch gesteuerten Biegemaschinen herstellen.

Ähnliche Entwicklungen stehen nun auch bei den Rohren an, meint der Wafios-Chef: „Wir können mit unseren Maschinen äußerst komplizierte Formen biegen.“ Von dem Einstieg des Newcomers waren Kunden und Wettbewerb sehr überrascht. Zunächst schockte die Besucher von „Tube & Wire“ der vermeintlich hohe Preis. Rösch: „Sie kostet aufgrund ihrer höheren Leistungsfähigkeit etwas mehr als klassische Rohrbiegemaschinen. Es dauert etwas, bis der Markt unsere Neulinge verdaut hat. Wie bei jeder unserer Innovationen gehen rund zwei Jahre ins Land, bis sich die ersten Maschinen im Einsatz befinden.“

Auf besonderes Interesse stößt das 3D-Rohrbiegen bei Autositzherstellern. Dazu Waiblinger: „Wegen des Trends zum Leichtbau sollen leichtere Rohre die Federn ablösen. In eigener Regie testeten Kunden von uns, ob sich auf Drahtbiegemaschinen auch Rohre herstellen lassen. Aufgrund deren positiver Ergebnisse und Anfragen entstand unsere erste Anlage. Mund-zu-Mund-Propaganda sorgt nun für einen Trend zu 3D- Rohren.“

Wafios arbeitet wegen des hohen Innovationstempos mit mehreren Hochschulen zusammen. Mit der Universität Erlangen entwickelten die Reutlinger zum Beispiel eine Sechsstufenpresse, die mit Kaltumformung sehr kleine Formteile mit einem Drahtdurchmesser von minimal 0,5 Millimetern herstellen kann.

Es kommt auch vor, daß die Maschine für ein Produkt maßgeschneidert entsteht. Dazu Rösch: „Rund 95 Prozent unseres Umsatzes erzielen wir mit Spezialmaschinen. Doch wir bauen auch in geringem Umfang maßgeschneiderte Sondermaschinen.“ Ein Beispiel von vielen: Für einen Automobilzulieferer baute Wafios eine Maschine zum Biegen und Schweißen von Lenkrädern.

Der Forschungs- und Entwicklungsaufwand (FuE) beträgt sechs Prozent. Ein Vergleich mit Wettbewerbern fällt schwer, da Wafios laut Rösch der einzige Hersteller mit diesem Programm ist: „Im Vergleich etwa zu Produzenten von Federmaschinen liegen wir bei der FuE-Rate eindeutig höher, denn wir sind der Schrittmacher des Fortschritts der Drahtverarbeitung.“ Diese Aussage dürfte auch Kunden beruhigen, die befürchten, daß sich der Marktführer auf seinen Lorbeeren ausruht.

Das betrifft besonders die Fertigung, die Wafios total umkrempelte: Anstelle des bisherigen Werkstattprinzips trat die segmentierte Fertigung. Das Ziel: Das jeweilige Segment soll ein Teil möglichst komplett herstellen, um Transport- und Liegezeiten zu vermeiden.

Wegen der Produktvielfalt fällt die Fertigung entsprechend flexibel aus. Dazu Waiblinger: „Fast jeden Tag bietet sich mir in der Montagehalle ein anderes Bild, denn täglich verlassen bis zu 40 Maschinen die Fabrik.“ Ein weiteres Indiz für die sich ständig wandelnde Produktion: Bei den zwei großen Bearbeitungszentren von Dörries Scharmann, auf denen zum Beispiel zugekaufte Guß-Gehäuseteile den letzten Schliff erhalten, befinden sich 300 Werkzeuge ständig im Einsatz.

Bis auf Elektronik und Antriebstechnik entstehen fast alle Bauteile in eigener Regie. Die segmentierte Fertigung veränderte auch die Anforderungen an die Zukaufteile. Ebenso wie im Werkzeugmaschinenbau besteht auch bei Wafios ein Trend zu einbaufertigen Teilen, sogenannten „Plug-and-play“-Lösungen.

Eine wichtige Rolle spielen Hydrauliksysteme, die besonders die dickeren Drähte in Form bringen. Bei größeren Maschinen treiben sie bis 13 Achsen an. Die Hydraulik arbeitet problemlos zusammen mit Standard-SPS. Meist handelt es sich dabei um eine Siemens S7. Für numerische Achsen werden Prozessorsteuerungen eingesetzt. Stolz berichtet Rösch: „Zum Einsatz kommen allerdings keine Standardprogramme. Wir verfügen nämlich über eine eigene Abteilung für Programmentwicklung, die eine eigene, sehr bedienerfreundliche Software entwickelte.“

Dank der eigenen Software-Abteilung kann Wafios das komplette Leistungsangebot erheblich erweitern: „Wir bieten dem Kunden an, auf ihn abgestimmte Software zu entwickeln. Daher ist er nicht auf die Standardfunktionen festgelegt. Außerdem können wir unsere Maschinen mit Fremdanlagen verketten.“ Die Zukunft gehört seiner Ansicht nach nicht mehr der Stand-alone-Lösung: Die Drahtumformmaschine muß vielmehr eng verkettet zusammenarbeiten mit anderen Anlagen. Gefragt sind besonders kombinierte Bearbeitungszentren, wo die Teile komplett bearbeitet werden. Zum Beispiel: Biegen, Pressen, Gewindeschneiden und Schweißen in einer Anlage.

In manchen Fällen kümmert sich Wafios sogar um die gesamte Produktion, berichtet Rösch: „Wir rüsten Nagel-Fabriken zum Beispiel mit kompletten Anlagen aus. Als Projektführer beschaffen wir auch die übrigen Maschinen.“

Noch ordert Wafios derartige Teile konventionell per Ausschreibung. Doch es ist sicherlich nur eine Frage der Zeit, bis die Reutlinger auch via E-Commerce Maschinen bestellen. Maschinenteile und ähnliches kauft das Unternehmen schon über das Internet ein.

Aber auch hier brüten die Reutlinger schon zusammen mit Hochschulen an neuen Einsatzarten. Dazu Rösch: „Denkbar wäre etwa eine neue Form des Teleservice, bei dem der Werker des Kunden auf einer Datenbrille live und in Farbe Anweisungen zur Reparatur erhält. Aber ich glaube nicht, daß eine derartige Videoübertragung eines überflüssig macht: die gezielte Einweisung des Kunden in die Maschine im Werk.“

Erschienen in Ausgabe: 10/2000