Die ungezählte Branche

Fokus

Eine Marktanalyse bringt Licht ins Dunkel.

29. August 2016

Marktanalysen basieren auf statistischen Erhebungen und erlauben Aussagen über die Stärke einer Branche oder eines Industriezweiges. Sie erlauben auch, gegenüber Gesellschaft und Wirtschaft eine Positionen zu beziehen, und sie erlauben einen Selbstfindungsprozess und eine Standortbestimmung des Branchenzweigs im Kreislauf der Industrie. Marktanalysen können Unternehmensleitungen in der täglichen Entscheidungsfindung unterstützen und lassen Tendenzen rechtzeitig erkennen. Daher ist das Interesse an solchen Zahlen sehr groß.

Die Sammlung statistischer Daten ist in der Schneidbranche traditionell ein schweres Unterfangen. Verständlicherweise, weil viele Maschinen- und Softwarehersteller ihre Verkaufszahlen nicht veröffentlichen. Man kann die tatsächlich verkauften Einheiten bestenfalls aus den Geschäftszahlen der Jahresberichte grob abschätzen, jedoch nicht auf Regionen oder Länder oder auf einzelnen Modelle oder Anlagengrößen herunterbrechen. Will man ein aussagekräftiges Mengengerüst erstellen, das die Branche möglichst genau abbildet, ist man auf die Mithilfe der Endanwender angewiesen. Diese haben in der Regel keine Probleme damit, ihren Maschinen- und Softwarepark zu präsentieren – was meistens schon auf ihren Webseiten erfolgt.

Deutschland ist, mit einer Stahlproduktion von rund 43 Mio. t, der größte Stahlproduzent in Europa. Der überwiegende Teil der Metallerzeugnisse muss zugeschnitten, proportioniert werden, damit er weiter verarbeitet werden kann. Das gilt auch für Kunst- und Verbundstoffe, Glas, Stein und viele andere Stoffe, die per Wasserstrahl geschnitten werden können.

Schneidforum Consulting geht davon aus, dass in Deutschland geschätzt mindestens 30.000 CNC-Schneidanlagen aktiv sind. Die Zahl verteilt sich auf Plasma-, Autogen-, Laser- und Wasserstrahlanlagen. Da sich über das Portal www.schneidforum.de immer mehr Anwender anmelden, werden die Zahlen künftig aussagekräftiger sein und eine Validierung zulassen.

Man ist nicht selten erstaunt, wo überall eine vollwertige, leistungsfähige, moderne CNC-Schneidanlage ihre Aufgabe verrichtet. Es gibt kaum noch eine Branche, in der man nicht fündig wird. Natürlich stehen viele dieser Unternehmen nicht im Zuschnitt-Rampenlicht, da sie am freien Markt für Zuschnitte erst gar nicht auftreten, sondern nur für ihren Eigenbedarf schneiden – und dennoch, auch sie gehören zur Schneidfamilie.

Wie groß ist der Markt der Schneidindustrie?

Als Basis dient die empirisch ermittelte Annahme, dass 30.000 Schneidmaschinen für die Stahlbearbeitung aktiv in der Fertigung stehen.

Berücksichtigt man mindestens je einen Maschinenbediener und Programmierer sowie eine Hilfskraft für das Abräumen und Entgraten der Teile und weitere Personen für das Kommissionieren, so sind mehr als 90.000 Menschen nötig, um die Abertonnen an Stahl zuzuschneiden.

Ferner existiert eine Vielzahl Lieferanten, Maschinenbauer, Filter- und Umweltunternehmen, Softwarehäuser und Servicekräfte, die sich um den Bau und den Erhalt der erforderlichen Betriebsmittel kümmern.

Auf dem Deutschen Schneidkongress 2016 im Dortmunder Kongresszentrum der Westfalenhallen hat der Veranstalter, Schneidforum Consulting, eine Marktbefragung unter den Teilnehmern durchgeführt, an der rund ein Drittel der Teilnehmer anonym Auskünfte rund um das Schneiden und ihre Fertigung erteilten.

Online-Umfrage eingerichtet

Hinweis: Die Grundgesamtheit reicht für präzise statistische Aussagen nicht aus, so dass diese Zahlen reinen Informationscharakter besitzen. Auf Schneidforum.de ist eine weitere Umfrage eingerichtet, deren Beantwortung nur wenige Minuten dauert und die anonym ausgewertet wird. Wenn alle schneidenden Unternehmen ihren Maschinenspiegel dort eintragen, können noch feingliedrigere Zahlen der Branche erarbeitet werden, so wie es beispielsweise im Maschinenbau üblich ist. Die hier in Kurzform vorgestellte Auswertung liefert jedoch erste Aussagen zu Entwicklungen in der Schneidbranche:

• Durchschnittliche Maschinenausstattung der Unternehmen: Die befragten Betriebe verfügen im Mittel über 2,5 Schneidanlagen.

• Durchschnittliche CAD-CAM-Ausstattung der Unternehmen: Diese Schneidanlagen werden von nahezu der gleichen Anzahl an CAD-CAM-Arbeitsplätzen versorgt, also 2,5 Arbeitsplätze/Unternehmen.

• 28 Prozent entfallen auf Plasmaschneidanlagen, 30 Prozent setzen Autogenschneidanlagen ein, 15 Prozent nutzen Laserschneidanlagen und 9 Prozent Wasserstrahlschneidanlagen, die restlichen 19 Prozent entfallen auf sonstige, etwa Sägen, Tafelscheren, Stanzanlagen. 

• Branchenbezogene Anlagenverteilung: 21 Prozent der Anlagen der befragten Unternehmen stehen in Lohnschneidbetrieben, 19 Prozent im klassischen Maschinenbau, 18 Prozent in Stahlhandelshäusern, 15 Prozent im Fahrzeugbau und weitere 14 Prozent im Stahl- und Anlagenbau.

• Alter der Schneidanlagen: 26 Prozent der Schneidanlagen wurden innerhalb der letzten drei Jahre angeschafft. 29 Prozent der Anlagen sind vier bis sechs Jahre alt, 34 Prozent sieben bis zehn und elf Prozent älter als zehn Jahre.

Erstaunliche Erkenntnisse

Überraschend hoch war die Anzahl an CAD-CAM-Arbeitsplätzen in den Unternehmen, die sich so erklären lässt: Die Betriebe setzen häufig das spezielle CAD-CAM-System des Maschinenherstellers ein, doch implementieren sie gleichzeitig weitere unabhängige CAD-CAM-Arbeitsplätze für die Ansteuerung des weiteren Maschinenparks.

Die Lohnschneider und die Stahlhändler nutzen also die meisten installierten Schneidsysteme, rund 40 Prozent stehen in ihren Diensten.

Dass die Schneidbranche nicht investitionsträge ist, beweist das Alter der Systeme: rund 55 Prozent wurden in den letzten sechs Jahren angeschafft, weitere elf Prozent sind in einem Alter, in dem an Austausch gedacht werden darf. Das sind gute Signale für die Schneidbranche.

Gerhard Hoffmann

Erschienen in Ausgabe: 05/2016