Die Schiene boomt

Über die Bahn zu klagen, ist derzeit wohlfeil. Investiert sie zu wenig oder an der falschen Stelle, macht ihr Management alles richtig, aber die Politik alles falsch? Gleichwie – hier geht es um die Initiative zweier Industrieunternehmen für mehr Sicherheit und Qualität sowie geringere Kosten durch Digitalisierung.

03. Mai 2019
Die Schiene boomt
Von links: Dr. Michael Holzapfel, Leiter Geschäftsbereich Bahn Industrie Europa bei Schaeffler; Dr. Stefan Spindler, Vorstand Industrie bei Schaeffler; Dr. Klaus Geißdörfer, Leiter der Division Industrietechnik bei ZF; Eberhard Wilks, Vice President Industrietechnik Bahn-Antriebssysteme bei ZF. (© Schaeffler)

Der alte Spruch »Blumen pflücken während der Fahrt verboten« ist längst Geschichte – auch wenn es den einen oder anderen Zug gibt, von dem aus zumindest theoretisch die Möglichkeit bestünde: das ›Öchsle‹ im Allgäu zum Beispiel, das bei einem Topspeed von 25 Kilometern in der Stunde durchschnittlich keine 15 schafft und zumindest von Radfahrern lässig überholt werden kann. Ab und zu springt tatsächlich jemand von der Lok, bricht ein paar alte Hartheu-Reiser (Johanniskraut) ab, springt wieder auf und benutzt das Reisigbündel als Handbesen, um beispielsweise ein paar Schlackebrocken vom verstaubten Wasserkasten der Schmalspur-Dampflok zu kehren.

Heute sind die meisten Züge wesentlich schneller unterwegs, Blumen zu pflücken wäre dennoch möglich, allerdings nicht mehr während der Fahrt, sondern anlässlich ungeplanter Halte auf freier Strecke oder bei vergeblichen Reset-Versuchen auf Bahnhöfen. Als Alternative zum Pflücken von Blumen wird dann vom Zugpersonal eine Zigarettenpause empfohlen. Man muss nur rechtzeitig wissen, wann es weitergeht. Aber lassen wir uns nicht auch noch zum beliebten Bahn-Bashing verleiten, denn die beschriebenen Situationen sind nur Einzelfälle. Trotzdem sind sie für alle Beteiligten im höchsten Maße ärgerlich, weil die letzte internationale Fachmesse Innotrans in Berlin gezeigt hat, dass es Möglichkeiten gibt, das rollende Material und auch die fest installierten Sicherungssysteme funktionstüchtig zu machen und betriebsbereit zu halten. Voraussetzung ist allerdings der Wille, ausgetretene Pfade zu verlassen, umzudenken und neue Wege zu beschreiten. Wie so etwas aussehen kann, zeigten in Berlin zwei Unternehmen, die sich bislang als Automobilzulieferer einen Namen gemacht haben.

— Dr. Klaus Geißdörfer, Leiter der Division Industrietechnik bei ZF

Zwang zur Digitalisierung

Anlässlich der Messe im vergangenen Herbst besiegelten Schaeffler und ZF ein Vorhaben, dem Bahnmarkt ein gemeinsames digitales Zustandsüberwachungssystem für den mechanischen Antriebsstrang anzubieten. Durch die Kombination der Expertisen aus beiden Unternehmen soll eine Schiene-4.0-Lösung mit deutlichem Mehrwert möglich werden.

Ziel ist, den mechanischen Antrieb als eigenständig zu wartende Einheit zu betrachten und differenziert bis in die Subsysteme und Komponenten digital zu überwachen – und das mit nur einem Condition-Monitoring-System, das mithilfe der Analyse von Betriebsdaten zu rechtzeitigen Instandhaltungsmaßnahmen führt und so die Wartungsintervalle erweitert und Stillstandzeiten reduziert.

Wartungsintervalle besser planen

»Digitalisierung in der Industrie kann nur durch unternehmensübergreifende Zusammenarbeit einen Mehrwert generieren«, erklärte in diesem Zusammenhang Dr. Stefan Spindler, Vorstand Industrie der Schaeffler AG. »Mit dieser Projektarbeit weiten wir unsere langjährige Entwicklungspartnerschaft mit ZF auch im Bahnsektor auf eine Industrie-4.0-Lösung aus, die gänzlich neue Servicekonzepte möglich macht.«

Auch Dr. Klaus Geißdörfer, Leiter der Division Industrietechnik bei ZF ist sich sicher, dass der Markt moderne digitale übergreifende Plattformen erfordert. »Dieser Ansatz des Online-Condition-Monitoring, den wir jetzt gemeinsam mit Schaeffler zeigen, hilft Kunden die Wartungsintervalle besser zu planen und die tatsächlichen Belastungen des Antriebsstranges immer weiter zu optimieren.«

Beide Kooperationspartner haben schon früh begonnen, sich die Zukunftschancen von Industrie 4.0 zu erschließen. ZF bietet mit Sensorik ausgerüstete Bahnantriebssysteme inklusive Zustandsanalyse. Schaeffler erweitert das System um radsatzspezifische Sensorik (Schwingung und Temperatur nach SIL 2) mit zugehöriger Datenanalyse. Das Condition-Monitoring-System wird als offenes Plattformkonzept angelegt, das mit weiteren Partnern auch auf die Überwachung weiterer Komponenten bis hin zu kompletten Drehgestellen ausgedehnt werden kann.

Flatrate für Radsatzlager

Eine weitere Maßnahme für mehr Ausfallsicherheit und damit für mehr Pünktlichkeit präsentierte Schaeffler gemeinsam mit Perpetuum. Beide Unternehmen stellen ein neuartiges Finanzierungsmodell für Radsatzlager vor: Statt kaufen, sollen Betreiber jetzt ein Radsatzlager pro Kilometer erwerben. Damit sollen Kosten für die Betreiber reduziert werden. Die Schaeffler und Perpetuum als Spezialist für Systeme zur Zustandsfernüberwachung in der Bahntechnik wollen so die Instandhaltung von Radsatzlagern neu gestalten. In einer Absichtserklärung (Letter of Intent) vereinbarten beide Unternehmen ebenfalls auf der letzten Innotrans eine Zusammenarbeit mit dem Ziel, für Radsatzlager ein kilometerbasierendes Bezahlsystem anzubieten. Betreiber erwerben mit dieser Lösung eine Verfügbarkeit von Radsatzlagern pro Kilometer beziehungsweise Meile sowie eine Gewährleistung bis zum vorgesehenen Wartungsintervall. So werden nach Aussagen aus beiden Unternehmen Betriebskosten reduziert und exakt planbar. Die Verfügbarkeit der Schienenfahrzeuge soll so signifikant erhöht werden. Dr. Stefan Spindler, Vorstand Industrie bei Schaeffler, betont zur Bedeutung dieser Kooperation: »Was sich in der zivilen Luftfahrt mit dem Verkauf von Betriebsstunden statt Triebwerken schon lange bewährt hat, wollen wir gemeinsam mit Perpetuum nun auch in der Bahnindustrie einführen. Die aktuellen Verhandlungen mit Betreibern zeigen uns, dass wir mit diesem Geschäftsmodell den Nerv der Branche genau getroffen haben.«

Betriebsstörungen minimieren

Steve Turley, Geschäftsführer bei Perpetuum, fügt hinzu: »Unser Fokus liegt auf der grundlegenden Umgestaltung der Bahnindustrie, indem wir Kunden helfen, ihre Leistung und Effizienz bei gleichzeitig deutlichen Kostenersparnissen zu verbessern, Störungen möglichst gering zu halten und Bahnreisenden ein reibungsloses Fahrerlebnis zu bieten. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Schaeffler und darauf, kommerzielle sowie technische Innovationen in den Markt zu bringen.«

Perpetuum bringt seine batterielosen Zustandsüberwachungssysteme in die Kooperation ein, die leicht in vorhandene Fahrzeuge nachrüstbar sind. Schaeffler als Wälzlagerexperte ergänzt den mit Perpetuum-Analytik digital generierten ›Bearing Health Index‹ um Aussagen zur verbleibenden Laufleistung der Lager unter anderem auf der Basis von Rückläufern aus dem Feld für die Radsatzlageraufarbeitung sowie zu tatsächlich notwendigen Wartungsmaßnahmen und organisiert die rechtzeitige Ersatzteilbereitstellung.

Hans-Ulrich Tschätsch Fachjournalist aus Essen

Hintergrund

Die Schaeffler-Gruppe besteht aus vier Sparten.

Automotive OEM: Komponenten und Systemlösungen für Fahrzeuge.

Automotive Aftermarket: Komponenten und ganzheitliche Reparaturlösungen für den automobilen Ersatzteilmarkt.

Industrie: Wälz- und Gleitlager, Linear- und Direktantriebstechnik sowie Instandhaltungsprodukte und Monitoringsysteme für verschiedene Industriebranchen, sowohl direkt an Kunden als auch über den Handel.

Produkte: Präzisionskomponenten und Systeme in Motor, Getriebe und Fahrwerk sowie Wälz- und Gleitlagerlösungen für eine Vielzahl von Industrieanwendungen.

Schaeffler-Produkte finden sich im Antriebsstrang von Autos, in Hochgeschwindigkeitszügen, in Windkraftanlagen und in Lösungen für die Luft- und Raumfahrt.

Erschienen in Ausgabe: 03/2019
Seite: 5 bis 25