Die Luftschlacht über den Stammtischen

Standpunkt: Hans Hartmann zu Anstand und Moral

Hans Hartmann nimmt einige Argumente in Wirtschafts-Kreisen kritisch unter die Lupe – und auseinander.

26. März 2010

Erinnern Sie sich? Voller Häme haben die Medien vor etwa zwei Monaten die Vollendung der ersten 100 Tage Merkel II zelebriert, zum Beispiel Handlungsdefizite (kein Wunder bei dem politischen Ziehvater) moniert, etwa weil die versprochene Steuerentlastung für Unternehmen nur selektiv umgesetzt wurde. Doch inzwischen hat sich eine Menge geändert: Die Regierung ist jetzt über 150 Tage im Amt.

Es hätte schlimmer kommen können: Ein Markt-Darwinist (dem ZDF-Komiker unterstellten, er verstünde von Wirtschaften mehr als von Wirtschaften; wann zerren die endlich den Brüller ›Brüderle und Schwester...le‹ aus der Gosse – oder habe ich etwas versäumt?) im Wirtschaftsministerium, der nichts von Rettungsmaßnahmen für kränkelnde Unternehmen hält, ein Entwicklungshilfeminister, der die Entwicklungshilfe abschaffen will – was war da vom Gesundheitsminister (für einige Tage jüngstes Kabinettsmitglied ›aller Zeiten‹, bis ihn ›Kohl, Köhler, am köhlsten‹ als solches ablöste) aus dem gleichen Joint-adventure zu erwarten? Glaubt man dort doch eher, zur wahren Freiheit gehöre auch der freie Fall – den ein soziales Netz nur störe. Doch der Gesundheitsminister setzt jetzt auf Planwirtschaft, also Teufelszeug!

Weil seine Popularität frei fiel, analysierte der Bundesminister des Äußeren das Innenleben der offiziell etwa 3,6 Millionen, real eher doppelt so vielen deutschen Arbeitslosen, vulgo, also in Wirtschafts-Kreisen, »Sozialschmarotzer« genannt, die aus lauter Faul- und Bosheit die höchstens 900000 offenen Stellen nicht besetzen (die zu vermehren gehört übrigens zu den Aufgaben von Wirtschaftsministern), sondern mit ihren ungefähr 40 Mrd. € pro Jahr lieber in Kir Royal oder Härterem baden, während ihre Kindermassen, so die Stammtisch-Perspektive, vor der laufenden Glotze Chips futtern. Die reine Wahrheit, wie inzwischen allgemein bekannt ist … Insofern war diese Diskussion sogar nützlich, weil einige Latrinenparolen weggewischt und gewisse Darstellungen vom Kopf auf die Füße gestellt wurden.

Der Staat braucht das Geld dringend für andere soziale Randgruppen: zum Beispiel über eine halbe Billion Euro als Absicherung für die Second-Life-Spielsüchtigen in den Banken und an den Börsen – zu bezahlen aus dem kärglichen Steueraufkommen ihrer Opfer und über Jahrzehnte zu tilgen und zu verzinsen (bei wem wohl?) – und die Großstil-Steuerhinterzieher, die als Besserverdienende wohl zu den schützenswerten, wenngleich nicht vom Aussterben bedrohten Arten gehören.

Immerhin hat die christlich-sozial-demokratisch geprägte Pastorentochter Merkel ihren Koalitionspartner in Sachen Steuersünder-CD durch ein schnelles und erstaunlich klares Wort davor bewahrt, sich des Amts-Meineides (»Schaden von ihm wenden«; ihm, dem deutschen Volk) und der Strafvereitelung schuldig zu machen und die Schweiz Schweiz sein lassen. Das war ja eine bizarre Diskussion: Darf sich denn der Fahrer eines Fluchtautos über die Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte beschweren, weil jemand das Nummernschild geknipst hat und die Bilder der Polizei übergibt? Auf ehrenwerte Kontoinhaber wie Idi Amin, (Papa und Baby) Doc Duvalier, Reza Pahlewi oder Saddam Hussein, die ihre Völker im großen Stil haben ausbluten lassen, will ich hier und jetzt nicht eingehen.

Gehen wir lieber zurück – zu den Börsen und den sich schon wieder bedenklich aufblasenden Blasen: Was ist eigentlich aus den von Politikseite weltweit geplanten Kontrollmechanismen geworden, um diese Geschäfteleien mit dem Scheingeld (statt echten Geldscheinen) unter Kontrolle zu bringen? Noch keine eineinhalb Jahre ist es her, dass selbst führende Bankmanager (sogar einer aus der Schweiz) die Verstaatlichung des einen oder anderen Instituts für nicht abwegig hielten – ja vereinzelt sogar darum baten. Einige der Herrschaften, die die Weltwirtschaft in den Schlamassel geritten hatten, haben sich inzwischen aus dem Geschäftsleben zurückgezogen, überzeugt durch immer noch sieben- und achtstellige ›Argumente‹. Was könnte man Knäste bauen für das Geld!

Ach ja: ›liberalis‹ heißt auf Deutsch edel, gütig, freigiebig, großzügig.

Zur Person

Hans Hartmann , ehemaliger Unternehmensberater, ist Politik- und Gesellschaftskritiker im Ruhestand.

Erschienen in Ausgabe: 02/2010