Die Industriebastler

Fokus/Schweißnahtüberwachung

Wer in der Automobilindustrie Verantwortung trägt, muss extrem vorsichtig agieren. Deshalb werden neue Lieferanten auf Herz und Nieren geprüft. Wenn ein Unternehmen mit 30 Mitarbeitern innerhalb weniger Jahre mehrere Hundert Qualitätssicherungssysteme an KFZ-Hersteller verkauft, darf das als kleine Sensation gelten.

31. August 2015

Kann das gutgehen? Können zwei so unterschiedliche Menschen miteinander auskommen, gar erfolgreich zusammenarbeiten und gemeinsam ein Hightech-Unternehmen führen? Der eine Mitte 60, verträumter Idealist und Lebenskünstler mit einer gewissen Distanz zum Geld, der andere Mitte 30, klar strukturiert und zielstrebig, auch in finanziellen Dingen. Wie soll das zusammenpassen?

Eckhard Lessmüller, Jahrgang 1952, widerspricht nicht, wenn man ihn als Spät-68er bezeichnet. Nach dem Physikstudium gründete er 1977 mit zwei weiteren Physikern und einem Mathematiker das Kollektiv ›Sponton‹ zwecks Reparatur alter Waschmaschinen. Knochenarbeit, denn Waschmaschinen aus den Fünfzigerjahren waren laut Eckhard Lessmüller Schwermaschinenbau, und die Kunden wohnten meist in bezahlbaren Altbauten ohne Aufzug. Sponton, das hieß Mitbestimmung, das hieß auch: jeder macht alles, im Turnus. Sponton gibt es heute noch, aber ohne Eckhard Lessmüller. Der hatte sich damals, Ende der 70er bis Mitte der 80er, auch noch polit-künstlerisch betätigt: als Schauspieler in der Theatergruppe Hundertfleck und Artist im Theaterzirkus Fliegende Bauten. Ein Theater für sich war manchmal der Auf- und Abbau des Viermastzeltes, für den Lessmüller wegen seiner naturwissenschaftlichen Ausbildung hinreichend qualifiziert erschien; kein theoretischer Physiker halt, sondern ein praktischer, der aus einem kaputten Unimog einen funktionierenden Unimog zaubern konnte. Auch politisch konnten die Künstler kleine Erfolge feiern: So manche überflüssige Straße wurde nicht gebaut, und auch in Gorleben lief manches anders als geplant. Eckhardt Lessmüller ist aber alles andere als ein technikfeindlicher Fundi: Schon früh entwickelte er ein Interesse für den Laserstrahl, bald besaß er ein Patent zur Active-Mode-Stabilisierung.

1990 gründeten Eckhard Lessmüller und Peter Arnold ein Unternehmen zur Verwertung dieses Patents. Zu den Wegbegleitern, Partnern und Förderern der frühen Jahre gehörten William Maxwell ›Bill‹ Steen und Carl F. Baasel. Lessmüller forschte und entwickelte nicht nur für sich und andere, auch in großen Projekten, sondern konnte auch Laser reparieren und so den wirtschaftlichen Rückhalt des Unternehmens sichern. Erstes Serienprodukt des jungen Unternehmens war der Weldcheck, seinerzeit, das heißt seit 1998, das kleinste und billigste Überwachungsgerät für Pulslaser.

1990 war Christian Truckenbrodt, der andere, erst neun. Zehn Jahre später, im Gymnasium, hatte er Peter Arnold jun. als Banknachbarn. Das für das FH-Studium obligatorische Praktikum absolvierte er bei Peter Arnold sen., der sich mit schwierigen Laserschneidaufgaben befasste und einen Lasereinstechmonitor entwickelte. Arnolds ALL Lasertechnik, nur ein paar Häuser von Lessmüller entfernt, beschäftigt sich heute vor allem mit Laserschnitt-Lohnaufträgen, vorzugsweise solchen, die andere nicht lösen können. Von Lessmüller wusste Christian Truckenbrodt allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Bei Arnold entwickelte er ein Gerät zur Simulation eines Laserschneid-Einstechvorgangs zur Prüfung des von ALL entwickelten Einstechmonitors. Im zweiten Praktikum, bei Arcelor in Marseilles, wurde er zum ersten Mal mit dem Thema Kamerasteuerungen konfrontiert.

Gegen Ende des FH-Studiums begegnete Christian Truckenbrodt zum ersten Mal Eckhard Lessmüller, wieder über die Schaltstelle Peter Arnold. 2005 bekam Truckenbrodt die Gelegenheit, seine Diplomarbeit bei Lessmüller anzufertigen; Aufgabe war es, mittels Kamera und einer zusätzlichen Fremdbeleuchtung die Schweißposition während gepulster Laserschweißprozesse zu überwachen. Lessmüller erinnert sich immer noch gerne, wie begeistert er von den Kenntnissen und von der Tatkraft des jungen Mannes war. Nach der Vollendung der Diplomarbeit trennten sich die Wege aber wieder, weil jene Tatkraft Christian Truckenbrodt in Richtung Promotion und damit wieder für einige Jahre an die TU München drängte – und zu einem süddeutschen Autobauer, der bis dahin die Laserstrahlposition beim Schweißen der Aluminiumtüren nicht so genau überwachen konnte, wie er sich das vorstellte. Truckenbrodts Masterarbeit bestand darin, die geeignete Beleuchtungs- und Kameratechnik zu finden, um den Verantwortlichen in Videos zu zeigen, was während des Laserschweißens eigentlich passiert.

Der Autobauer war begeistert, und er wollte dieses System in die Produktionslinie integrieren. Damit war auch schon das Thema für Truckenbrodts Doktorarbeit gefunden. Doktorvater war übrigens kein Geringerer als Professor Dr. Reimund Neugebauer, heute Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft.

Nun ging es darum, das System zur Serienreife zu entwickeln und zu bauen, und da kam wieder Lessmüller ins Spiel. Der Träumer und der Doktorand, eine Generation auseinander, lösten das Problem miteinander über Nacht theoretisch, und nach eineinhalb Jahren war das System serienreif. Der süddeutsche Automobilhersteller bestellte Dutzende ›Weldeyes‹, und andere OEMs folgten. Die großen Konzerne werden beim kleinen ›Industriebastler‹ aus dem Westend reihenweise vorstellig.

Was zunächst ebenfalls folgte, war das reine Chaos, denn Lessmüller Lasertechnik wuchs rasant. Begonnen hatte man in einer ehemaligen Metzgerei, Räumlichkeiten im Nachbarhof folgten, und bald war keine frei werdende Gewerbefläche in dem Areal ein paar Schritte von der Theresienwiese entfernt mehr sicher vor der Lessmüller Lasertechnik, die sich inzwischen auf fünf ehemalige Ladengeschäfte verteilt. Dr. Christian Truckenbrodt ist längst Geschäftsführer neben Eckhard Lessmüller. Das vor 25 Jahren gegründete Unternehmen hat sich zu einem Marktführer für Systeme zur Qualitätsüberwachung von Laserschweißprozessen entwickelt.

Es kann also gutgehen, denn der gereifte Physiker und der junge Ingenieur ergänzen sich gut, und sie haben etliche Gemeinsamkeiten: den scharfen analytischen Verstand zum Beispiel und die konsequente Orientierungen an der Praxis sowie den Willen und die Fähigkeit, auch selbst Hand anzulegen – und nicht zuletzt: ein ausgeprägtes Savoir-vivre, eine Lust am Genießen, das man auch den Mitarbeitern gönnt.

Hans-Georg Schätzl

Weitere Informationen unter:

www.bbr.de/158303

Erschienen in Ausgabe: 05/2015