"Die hält noch mal 20 Jahre"

Technik/Rohre und Profile

›Väter und Söhne‹ – so könnte die Überschrift auch lauten, wäre dieser Titel literarisch nicht schon anderweitig besetzt. Wer wissen will, warum der Alternativtitel ebenfalls passen würde, muss die folgende Geschichte lesen.

02. Oktober 2018
So schön kann Blech sein, wenn es von einer Faccin-Maschine gebogen wurde. Bild: KBS
Bild 1: "Die hält noch mal 20 Jahre" (So schön kann Blech sein, wenn es von einer Faccin-Maschine gebogen wurde. Bild: KBS )

Den wenigen, die nicht auf Anhieb wissen, wo Riederich liegt, kann geholfen werden: zwischen Nürtingen und der Outletcity Metzingen oder, wenn man die Achse etwas dreht und dehnt, zwischen dem Mittelzentrum Kirchheim unter Teck und der Großstadt Reutlingen, also Orten, die alles bieten, was der Mensch, egal, welchen Alters, so braucht. Wer Reutlingen hört, denkt zudem auch gleich an Tübingen, neben Freiburg, Heidelberg und Marburg die deutsche Studentenstadt schlechthin. Naturliebhaber finden im Biosphärenreservat Schwäbische Alb um Bad Urach im Emstal, was ihre Herzen erfreut – außer einem kilometerlangen Sandstrand vielleicht. Wenn man zudem harte Getränke mag, in diesem Falle Leitungswasser, kann man in Riederich richtig glücklich werden – zumal es kein Problem ist, dort gute Arbeit zu finden.

So ein Glückspilz ist Mathias Vogel, Inhaber und Geschäftsführer der KBS Vogel GmbH. KBS steht für Kamin-, Behälter- und Stahlbau und bezeichnet einen echten Heavy-Metal-Betrieb, in dem meist dicke Bleche und Profile gebogen werden. Wanddicken unter 5 Millimetern sind die Ausnahme, über 25 Millimeter eher normal als selten. Zunächst hatte der Tätigkeitsschwerpunkt auf Kaminen und Behältern gelegen, später kam die Anarbeitung dazu, die damals mehr einbrachte als Fertigprodukte und heute das Hauptgeschäft ist. KBS Vogel gibt es seit 40 Jahren, und das ist angesichts des hohen Anteils an manueller Arbeit in unserem Hochlohnland keine Selbstverständlichkeit, auch wenn der Transport sperriger und schwerer Stahlteile durchaus ins Geld gehen kann.

Wer jetzt glaubt, KBS beliefere nur die nähere Umgebung und nütze die große Saugkraft der Region Stuttgart, täuscht sich allerdings gewaltig. KBS ist international tätig und konkurrenzfähig. Paradebeispiel ist eine Wendeltreppe für einen optisch an den Londoner Clock Tower nachempfundenen Turm in Mekka, ein Beispiel, das auch eine wesentliche Abnehmerbranche kennzeichnet: die Bauindustrie. Dass deshalb häufig Architekten seine Gesprächs- und Verhandlungspartner waren, machte Gerhard Vogel, den Vater von Mathias, allerdings nicht immer glücklich, denn die studierten Herren, so kann man aus der Mimik von Mathias Vogel erahnen, waren manchmal etwas schwierig, um das Wort ›kapriziös‹ zu vermeiden, das übrigens vom lateinischen Wort ›caprea‹ (= Ziege) kommt und über das Französische in unseren Wortschatz gelangt ist. Mit Industriekunden, so betont Vogel, arbeite man bis heute fair und partnerschaftlich und deshalb gerne zusammen.

Sehr glücklich ist er auch mit einem Gesprächspartner auf der anderen, auf der Lieferanten-Seite, zum einen, weil der ihm die Maschinen liefern kann, die KBS international konkurrenzfähig machen, zum anderen, weil sich die beiden schon ›ewig‹ kennen. Denn als ihre Väter die Geschäftsbeziehungen aufnahmen, waren sie fast noch Knaben. Vor über 20 Jahren kaufte Gerhard Vogel die erste Faccin-Maschine von Volker Gusdorf – eine Rundbiegemaschine, die heute noch in der Fertigungshalle von KBS steht, und das nicht etwa aus musealen oder nostalgischen Gründen, sondern weil sie nach wie vor präzise, effizient und kostengünstig arbeitet. Das macht Jens Gusdorf, den heutigen Geschäftsführer von Faccin Deutschland, sichtlich stolz, wenngleich er sehr gerne auch neue Maschinen verkauft. Das ist ihm offensichtlich bei KBS mehrfach gelungen, denn immerhin arbeiten acht Faccin-Maschinen – sechs Rundwalzen und zwei Profilbiegeanlagen – in den Hallen.

Durch einen Fachzeitschriftenartikel waren die Vogels einst auf Faccin aufmerksam geworden, und auf der (Euro)Blech 1996 schauten sich Vater und Sohn Vogel die Maschinen an. Noch auf der Messe wurde man sich einig – eine Entscheidung, die die Vogels bis heute nicht bereut haben.

Zu jener Zeit waren Faccin-Maschinen die einzigen mit einer – so Mathias Vogel – »richtigen CNC« – ein Alleinstellungsmerkmal für Faccin und ein Wettbewerbsvorteil für Faccin-Kunden, zumal diese CNC schon sehr moderne, weil benutzerfreundliche Merkmale aufwies, wie Jens Gusdorf betont: »Man gab Soll-Geometrie, Blechdicke und -breite sowie das Material ein, woraufhin die Maschine den Prozess berechnete und lediglich chargenspezifische Korrekturen benötigte.«

Materialschwankungen selbst innerhalb einer Charge, erst recht aber zwischen verschiedenen Chargen sind, so Mathias Vogel »ein Problem«, umso riesiger sicher, je riesiger die Bleche und die daraus zu formenden Rohre sind, denn es gilt der Strahlensatz der Geometrie. Im Zweifel ist da trotz CNC ein erfahrener Bediener gefragt – vor allem bei kleinen Stückzahlen. »Wir haben Stückzahl 1 bis 500, meist zwischen 10 und 50. Da lohnt sich die CNC dann schon«, konstatiert Mathias Vogel.

KBS hat neben den Profilbiegemaschinen zwei Drei- und vier Vierwalzen-Rundbiegemaschinen im Einsatz. »Dreiwalzenmaschinen mit variabler Geometrie!«, betont Jens Gusdorf. »Mit Steuerung ist nur die Vierwalzenmaschine sinnvoll, weil nur sie die Steuerung voll nutzen kann.« Und er fährt fort: »Im Prinzip funktioniert die variable Dreiwalzenmaschine wie eine Abkantpresse: Zwei Walzen dienen als Auflage, und die dritte fährt runter. In unserem Falle können die unteren Walzen auch seitlich verstellt und die obere schräggestellt werden. Durch diese variable Geometrie lässt sich diese Maschine hochflexibel einsetzen. Man kann damit dickere Bleche verarbeiten als mit einer gleich großen Vierwalzenmaschine.« »Man kann auf der variablen Maschine auch Bleche richten, das geht aber mit der Vierwalzenmaschine ebenfalls gut«, ergänzt Mathias Vogel. »Erwähnen muss man auch das Konusbiegen; hier ist die Vierwalzenmaschine insofern im Vorteil, als die Steuerung einen Wert für den Walzenwinkel vorgibt.«

Was man nur auf der Vierwalzenmaschine machen kann, sind die anfangs erwähnten Wangen für Wendeltreppen, die sich im speziellen Fall von Mekka auch noch nach oben verjüngen: »Die vierte Walze benutzt man zum Klemmen, so dass das Blech nicht ausweichen kann. Nur so kann man den Steigungswinkel sicher halten. Ohne Klemmung tendiert das Blech dazu, sich gerade zu stellen, weil es den geringsten Widerstand sucht«, erklärt Jens Gusdorf. »Eine Besonderheit unserer Maschinen ist auch, dass die Parallelität oder der gewählte Walzenwinkel elektronisch eingestellt werden und überwacht werden kann. Bei anderen Fabrikaten erfolgt das mechanisch oder hydraulisch.«

»Elektronik ist ein gutes Stichwort«, fällt Mathias Vogel ein. »Mechanisch sind die Maschinen so robust, dass selten etwas bis gar nichts zu machen ist. Die Steuerung und ihre Komponenten, dazu gehören auch die Sensoren und die Messtechnik, halten wir stets auf dem neuesten Stand und können uns da hundertprozentig auf Faccin Deutschland verlassen. Der Service ist einfach perfekt. Wenn es etwas Größeres ist, wie ein komplettes Steuerungsupgrade, kommt auch mal ein Monteur aus Italien und erledigt das in kürzester Zeit, so dass der Produktionsausfall minimal ist. Eine Maschine haben wir aber gerade jetzt zur Generalüberholung in Italien, doch das ist wie gesagt ein sehr seltenes Ereignis.« »Wir setzen seit 1993 Siemens-SPS ein und können so nach Jahren auch Upgrades auf aktuelle Steuerungsgenerationen anbieten«, merkt Jens Gusdorf an.

Verschleißfest nimmt zu

Welche Rolle spielen hoch feste Stahlsorten für KBS? Kommt es dadurch zu einer höheren Beanspruchung der Maschinen? »Der Trend in unserem Bereich geht zu verschleißfesten Stählen, zum Beispiel in den Bereichen Baumaschinen oder Müllverwertung, wo extreme Anforderungen an die Blechhärte herrschen. Gerade in diesem Bereich packt man gerne einmal ein paar Millimeter drauf, um die Lebensdauer etwa der Trommel eines Steinbrechers zu erhöhen. Auch diese Aufgaben meistern die Maschinen mit Bravour in den jeweiligen Wanddickenbereichen. Ein weiterer Trend geht auch im Konstruktiven Stahlbau zu immer höher festen Werkstoffen hin, um die Konstruktionen leichter zu bauen und trotzdem die Stabilität und Tragkraft zu erhalten, geht es immer mehr in Richtung S690 und S960. Faccin-Maschinen sind extrem solide gebaut«, bestätigt Jens Gusdorf, »sonst würde hier nicht noch die erste Maschine stehen und nach über 20 Jahren noch immer Topergebnisse liefern.« »Die hält bestimmt noch mal 20 Jahre«, wirft Mathias Vogel ein, während Jens Gusdorf fortfährt: »Den Trend zu verschleißfesten Blechen kann ich übrigens bestätigen. Vor sechs Jahren war das noch kein Thema, aber inzwischen verkaufen wir pro Jahr mindestens eine Maschine, die für Hardox ausgelegt ist.«

Solidität ist auch eines von zwei wichtigen Kriterien für die Profilbiegemaschinen, auf denen zum Beispiel Träger für Brücken, Hallendächer, Gute für Fachwerkbinder, und Geländeteile für leichte Brücken für Fußgänger und Radfahrer verwendet werden. Auch Verstärkungsringe – oder besser gesagt deren Segmente – für Behälter oder Teile für Tankstellenüberdachungen werden auf solchen Maschinen gefertigt. Das andere Kriterium ist der schnelle und einfache Werkzeugwechsel, denn hier wird immer das passende Werkzeug für den jeweiligen Profilquerschnitt, meist Doppel-T-Träger oder Rohre, eingesetzt. Im Prinzip funktionieren Profilbiegeanlagen aber genauso wie eine Blechwalze, nur dass ihre Achsen quasi in die Vertikale gekippt sind. Diese hydraulischen Maschinen werden auch bei Faccin manuell bedient, sind also wieder eine Domäne für erfahrene Arbeitskräfte, die die Möglichkeiten und Grenzen des Materials und der Geometrie erkennen und besser als jede Steuerung wissen, was sie dem Profil pro Durchgang zumuten können.

Mangelware: gutes Personal

Doch wie ist das eigentlich mit qualifiziertem oder wenigstens qualifizierbarem Personal, so nahe an Stuttgart mit seiner Großindustrie? »Personalmangel ist für uns inzwischen ein limitierender Faktor«, klagt Mathias Vogel. »Wir könnten mehr umsetzen und schneller wachsen, wenn wir genügend Leute bekämen. Aber die Metallbearbeitung ist derzeit nicht gerade in Mode: Man macht sich die Finger schmutzig, und wir haben viel Einzelfertigung, so dass ich heute nicht weiß, was ich morgen mache, und das liegt der heutigen Jugend anscheinend nicht. Es ist auch nicht möglich, selbst jemanden, der schon eine Ausbildung im Metallbereich hat, einfach zwei Tage an der Maschine anzulernen und ihn dann machen zu lassen. Man braucht eine gründliche Spezialausbildung und viel Erfahrung, um effizient arbeiten zu können.« Also, in einer so schönen Gegend mit so hohem Freizeitwert, in einem so erfolgreichen Unternehmen mit einem so freundlichen und aufgeschlossenen Chef – das sollte doch klappen!

Hans-Georg Schätzl

Euroblech Halle 11, Stand C08

Erschienen in Ausgabe: 06/2018