Die duale Welt ist passé

Future

Hier wächst zusammen, was digital schon längst zusammengehört. Die Rede ist von der Arbeitsteilung nach alter Väter Sitte: Reporter Nikolaus Fecht erfuhr in Mailand auf einem Kongress von Dassault Systèmes, wie Designer, Berechnungsexperten, Konstrukteure und Produktioner künftig eng in interkulturellen Team-Projekten zusammenarbeiten.

06. Oktober 2016
Komplett und durchgängig: Landtechnik aus der digitalen Fabrik. Bildquelle: Elixir Aircraft
Bild 1: Die duale Welt ist passé (Komplett und durchgängig: Landtechnik aus der digitalen Fabrik. Bildquelle: Elixir Aircraft )

Ganzheitlich orientierte Produktdesigner setzen – so Monica Menghini, Leitende Vizepräsidentin, Chefstrategin bei Dassault Systèmes – auf die neue, kreative Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Bereichen. Zudem setzen sie auf den Einsatz von Produktinnovationsplattformen, die Informationsquellen aller Art – von der Cloud, dem Social Network bis hin zu Big Data – nutzen.

Das Ergebnis ist ein neues, ganzheitliches und digitales Design, das Catia-CEO Philippe Laufer als ›Big Design« bezeichnet und bei dem unter dem Stichwort ›Single-source of Truth‹ alle Bereiche auf einer Plattform interagieren. Passé sei die duale Welt, in der Design und Simulation getrennt voneinander mit jeweils individuellen Programmen und Tools operieren.

Wie sich mit der ganzheitlichen 3D-Experience-Plattform nicht nur die Entwicklungsarbeit, sondern eine digitale Fabrik nach den Prinzipien von Industrie 4.0 verwirklichen lässt, demonstrierte Dassault Systèmes wenige Wochen nach Mailand auf der Hannover Messe gemeinsam mit Claas aus Harsewinkel, einem der weltweit führenden Hersteller von Landwirtschaftsmaschinen. Das deutsche Familienunternehmen hat bereits mehrere Standorte und Disziplinen erfolgreich miteinander vernetzt und nutzt die 3D-Experience-Plattform als zentralen Dreh- und Angelpunkt für alle Entwicklungs- und Produktionsprozesse.

Simulation eliminiert Fehler

Claas setzt auf die Weiterentwicklung hin zu Industrie 4.0. Im Mittelpunkt steht die digitale Fabrik, die alles komplett und durchgängig – inklusive Konzeption, Design, Simulation, Konfiguration und Fertigung – in einer einheitlichen Plattform virtuell abbildet. Das System simuliert das Produkt und das Verhalten der Produktionssysteme von Anfang an realistisch. Der Anwender erkennt daher Fehler, lange bevor es einen ersten echten Prototyp gibt. Wie das in der Praxis funktioniert, demonstrierte das Showcase in sieben Stufen: Die Entwicklung startet mit der Ideenfindung (Ideation), bei der alle am Projekt intern und extern Beteiligten ihre Ideen im Rahmen einer Art elektronischem Brainstorming einbringen können.

Bionik plus Additive Manufacturing

Das Unternehmen kann so via Cloud und anderen Medien Ideen sammeln, evaluieren und verwalten. Es folgt das Optimieren des Designs: Um den auch im Landmaschinenbau aktuellen Trend zum Leichtbau nachzukommen, setzt Claas auf Bionik im Zusammenspiel mit Additive Manufacturing. Nach der Topologie-Optimierung eines Bauteils entstehen eine Bionik-Gitterstruktur und ein 3D-Druck-Modell.

Am Ende des Entwicklungsprozesses entstehen dann die NC-Programme für die Produktionsanlagen. Auf diese Weise bildet die Plattform die gesamte Fabrik und alle ihre Aufgaben ab – von der Ideenfindung, bis hin zum Shop Floor. Dort schließt sich wieder der Kreis zur Entwicklung: Mit Hilfe des sogenannten digitalen Masters, der als Datenbasis unter anderem für Arbeitsanweisungen dient, werden während der Montage erfasste Qualitätsdaten ausgewertet und über die 3D-Experience-Plattform an das Engineering zurückgemeldet.

Doch nicht nur große Unternehmen, die über eine entsprechende EDV-Struktur verfügen, können die ganzheitliche Vorgehensweise nutzen. Als Beispiel nannte Bernard Charlès, Präsident und CEO von Dassault Systèmes, den ultraleichten Zweisitzer (265 Kilogramm) aus Composite-Werkstoffen von Elixir Aircraft aus Périgny (Frankreich). Der kleine Hersteller konnte mit Hilfe der 3D-Experience-Plattform ›on the Cloud‹ ohne eigene aufwendige Hightech-Abteilung das nach eigenen Angaben weltweit erste Cloud-Flugzeug entwickeln.

Nikolaus Fecht

Fachjournalist aus Gelsenkirchen

Hintergrund

Der Software-Entwickler Dassault Systèmes wurde 1981 als Tochter von Dassault Aviation, Hersteller unter anderem der berühmten Mirage-Kampf- und und Mystère-Geschäftsflugzeuge, gegründet. Kurz darauf wurde der Vertrieb des CAD-Programms Catia übernommen. Ein weiteres sehr bekanntes Produkt ist das sich seit 1993 auf dem Markt befindende CAD-Programm Solidworks. Etwa 14.000 Dassault-Systèmes-Mitarbeiter erwirtschaften pro Jahr einen Umsatz von fast 3 Mrd. €.

Erschienen in Ausgabe: 06/2016