Die Chancen der Krise

Management

Wer einen Abgrund überwinden will, ohne Abzustürzen, muss springen. Je breiter die Schlucht, desto länger der Anlauf und umso kräftiger der Absprung.

28. Oktober 2009
Bild 1: Die Chancen der Krise
Bild 1: Die Chancen der Krise

Ein bisschen kann es schon noch dauern: Die Optimisten reden vom 2. Halbjahr 2009, und einige Unternehmen signalisieren bereits wieder erwachendes Interesse; die Pessimisten hoffen auf 2011 oder 2012, meinen damit aber häufig die wiedererlangten Umsätze von 2008.

Man kann in dieser Zeit die Konsolidierung der Wirtschaft verschlafen oder nutzen. Normalerweise tut sich ein Betrieb schwer, Zeit für Prozesse zur Verfügung zu stellen, wenn die nichts mit dem Kerngeschäft zu tun haben.

Jetzt aber, da ein Unternehmen, seine Mitarbeiter und sein Management nicht so stark durch Tagesgeschäft ausgelastet sind, kann diese freie Zeit dazu genutzt werden, den Betrieb auf den nächsten Aufschwung vorzubereiten. Hier gibt es interne Prozesse wie die Überprüfung aller Produktionsprozesse und Kostenstrukturen auf Effektivität und die Qualifikation der Mitarbeiter, aber auch externe Prozesse wie die systematische Suche nach neuen Märkten oder Kunden.

Energie sparen mit effizienteren Prozessen

Bei internen Prozessen steht das Thema Energieeffizienz für Anlagen und Gebäude im Vordergrund. Während Produktionsprozesse naturgemäß immer im Fokus des Unternehmers sind, stehen begleitende Prozesse meist im Abseits. Aber die Möglichkeiten, Energie zu sparen, sind enorm. Der Stromverbrauch für die Drucklufttechnik zum Beispiel lässt sich durch neue Technologien und Konzepte stark reduzieren. Die Nutzung bisher vergeudeter Abwärme aus Produktions- und Heizprozessen für andere Bereiche hat gewaltige Fortschritte gemacht. Ein Großteil der Energie, die bisher für Computeranlagen und Beleuchtungstechnik verschwendet wird, kann eingespart werden. Und nicht zuletzt - als großer Batzen - das Feld der Energieeinsparung in Gebäuden und der Energiebeschaffung durch erneuerbare Energien. Hierfür werden von verschiedenen Stellen immense Zuschüsse für Analyse und Umsetzung zur Verfügung gestellt. Die beste Informationsquelle sind Energieberater, die mittlerweile gut ausgebildet diesen Bereich abdecken.

Qualifikation - Vorsprung vor dem Wettbewerb

Im Bereich der Weiterbildung steht den Unternehmen heute ein großes Angebot an Maßnahmen zur Verfügung. Gerade wenn Kurzarbeit angesagt ist, kann die freie Zeit zur Qualifikation der Beschäftigten genutzt werden. Die Förderprogramme der Agentur für Arbeit übernehmen zum Teil 100 Prozent dieser Weiterbildungskosten. Während die Agentur früher stark darauf ausgerichtet war, Menschen durch Qualifizierung in Arbeit zu bringen, wird heute ein beträchtlicher Teil der Mittel dafür verwandt, Mitarbeiter durch Qualifikation langfristig im Unternehmen zu halten. Hier bietet sich Weiterbildung in Produktionsprozessen wie auch in der Optimierung von Vertrieb, Organisation oder Marketing an. Ein Betrieb sollte diese Chance, die die Wettbewerbsfähigkeit verbessert, nicht ungenutzt lassen. Die Agentur für Arbeit stellt hierfür speziell ausgebildete Berater bereit.

Kunden und Märkte für morgen

Neben den internen Prozessen bieten sich aber auch Überlegungen an, die mit Kunden- oder Produktstruktur zusammenhängen. Die zunehmende Spezialisierung auf bestimmte Branchen oder Kunden zeigt in der Krise ihre Risiken. Wenn es der Branche schlecht geht, geht es auch dem Spezialisten schlecht. Unternehmen, die ein breites Spektrum von Branchen oder Märkten beliefern, sind von Krisen immer weniger bedroht, weil nicht alle Märkte gleichermaßen betroffen sind. Zu breit aufgestellt besteht aber auch die Gefahr, dass das Spezialwissen einer bestimmten Sparte vernachlässigt wird.

Nicht alles zu machen, sondern weniges in Branchen, die weit voneinander entfernt sind, ist das Gebot der Stunde. Es ist jetzt eine gute Zeit zu überlegen, ob nicht ein zweites oder drittes Standbein hilfreich wäre. Die eigenen Produkte zu analysieren, ihre Vorteile zu suchen und neue Branchen zu finden, die diese Vorteile nützen können, ist das eine. Das andere ist die Vorbereitung auf die Markteinführung: die richtigen Marketing-Instrumente entwickeln und den ersten Kontakt in neue Märkte aufbauen.

Jetzt ist Zeit zum Suchen, zum Ausprobieren und zum Entdecken. Dabei wird nicht alles gleich funktionieren, aber es entstehen neue Kontakte, Ideen und Möglichkeiten, und die führen vielfach in neue Märkte. Dadurch wird ein Unternehmen künftig weniger anfällig gegenüber dem Auf und Ab der Weltwirtschaft.

Bestandskunden sichern

Nicht zuletzt sollten auch immer die Vertriebsmittel und Strukturen in bestehenden Märkten untersucht werden. Häufig sind durch Gewohnheit die Marktinstrumente etwas angestaubt, die bestehenden Märkte werden in der Bearbeitung vernachlässigt. Jetzt Marketing-Ideen vorzubereiten, Konzepte zu planen und umzusetzen, wenn die Talsohle verlassen wird, schafft Vorsprung vor dem Wettbewerb. Dabei ist Werbung nur ein Teil dieser Aufgabe, ungleich wichtiger ist ein Gesamt-Vertriebskonzept. Jetzt ist die Zeit dafür, denn wenn der Laden erst wieder läuft, liegen die Prioritäten anders. Wenn aber die Aktionen schon vorbereitet sind, genügt der berühmte Druck auf das Knöpfchen. Auch für die beiden letzten Punkte gibt es mannigfache Unterstützungsprogramme, speziell für den Mittelstand.

Krise ist also immer eine Chance. Wir sind es heute aber nicht mehr gewohnt, freie Zeit zu haben, um neue Dinge zu entwickeln. Wer nun erstarrt in der Krise abwartet, wird auch nichts bewegen. Wer aber die Zeit für neue Ideen und Konzepte nutzt, wird dem Wettbewerb immer einen Schritt voraus sein.

Helmut König

Weitere Expertentipps zu Management-Fragen unter www.bbr.de

Erschienen in Ausgabe: 10/2009