Die besondere Vitamin-C(O2)-Kur

Hydro zählt zu den größten Aluminiumkonzernen der Welt: Seine Größe verdankt es vor allem seiner Innovationskraft. bbr überzeugte sich davon in Süddänemark durch einen Besuch in dem Werk für Präzisionsrohre, dessen Produkte ›Boomen‹.

14. März 2008

»Bin ich hier richtig? Sieht so ein weltweit gefragter Standort für Aluminium-Präzisionsrohre aus?«, fragte sich der bbr-Reporter nach der Ankunft in Tønder. Der kleine Ort gegenüber Sylt, vor 900 Jahren als Handelsplatz gegründet, macht außerhalb der Ferienzeit einen verschlafenen Eindruck: Zu den Highlights für Touristen zählen das nahe gelegene Wattenmeer, das Marschland sowie das Musik- und das Klöppelfestival. Aber Aluminium? Tønder zählt tatsächlich in Sachen Aluminium zu einem der wichtigsten Standorte des norwegischen Konzerns: In dem süddänischen Ort befinden sich drei Werke, die unter anderem Space-Frame-Komponenten und Querträger für Pkw-Fahrwerke produzieren. Das bedeutendste Unternehmen ist die Hydro Aluminium Precision Tubing Tønder a.s., die zusammen mit dem belgischen Schwesterwerk mit rund 500 Mitarbeitern Rohre mit einem Gesamtgewicht von etwa 46.000 Tonnen herstellen kann.

Rohre für jeden Zweck

Das Unternehmen bildet zusammen mit der Schwester Hydro Aluminium Seneffe S.A. in Belgien die Hydro Aluminium Precision Tubing Europe, die zum Konzernbereich Automotive gehört. In Belgien und Dänemark entstehen selbstverständlich nicht nur Rohre für automobile Anwendungen. Verkaufs- und Marketingmanager Michael Wind: »Wegen des hohen Kupferpreises interessieren sich plötzlich Abnehmer aus anderen Branchen für unsere Produkte. Leider kam es auch bei uns zu Erhöhungen der Preise für das Rohmaterial — aber das ist kein Vergleich zu den Preissteigerungen von Kupfer.« Der bisher eher bescheidene Umsatzanteil mit Anwendern außerhalb der Automobilindustrie nimmt daher ebenfalls ständig zu.

Der überwiegende Anteil der Produkte geht aber weiterhin in die europäische Automobilindustrie. Nahezu alle namhaften Unternehmen dieser Branche zählen zu den Abnehmern: Es handelt sich anscheinend um sehr zufriedene Kunden. Die ehemalige Ford-Zuliefergruppe zeichnete das Presswerk 2005 mit dem Titel ›Visteon Important Partner‹ aus. Jan-Arne Rønningen, Geschäftsführer Hydro Aluminium Precision Tubing Europe: »In zwei von drei Fahrzeugen stammen die Aluminiumrohre von uns.«

Beschichtete Präzision

Zu den Spezialitäten, die weltweit gefragt sind und entstehen, zählen im Prinzip zwei Produktgruppen: PDT und MPE. Wind: »Wir können diese Produkte lokal entwickeln und dann weltweit in der stets gleichen Qualität anbieten.« Um einen ›Mischling‹ handelt es sich im Fall der Precision Drawn Tubes (PDT). PDT werden zuerst extrudiert und dann auf das Endmaß rund gezogen. Die Rohre lassen sich mit diesem Verfahren sehr präzise mit geringen Toleranzen von wenigen Bruchteilen von Millimetern herstellen. Vor der Anwendung wird das Rohr mithilfe eines Werkzeuges auf das nötige Endmaß expandiert. Die PDT kommen zum Beispiel in Kühlern zum Einsatz. Zur zweiten wichtigen Produktgruppe: MPE stehen für ›Multi Port Extrusion‹. Diese Hohlprofi le gibt es als Makro-Version (macro MPE) unter anderem für Luft-, Öl- und Treibstoffkühler und in Mini-Bauweise (micro MPE) zum Beispiel für Radiatoren, Gaskühler oder Heizkörper. Die Produkte entstehen aus sogenannten ›Ingots‹, massiven Aluminiumbolzen, die das Werk in der für die Pressen passenden Länge zugesägt erhält. Tønder erwärmt die Ingots auf ideale Presstemperatur (unterhalb der Schmelztemperatur) und presst sie. Der Anwender erhält die Rohre entweder auf Coils, als Ringe oder in Kisten. Die Fertigungstiefe nahm in den letzten Jahren zu: Das Werk übernimmt mittlerweile die Beschichtung der Rohre, die früher erst beim Kunden ablief.

Zu typischen anwenderspezifischen Lösungen mit eigenem speziellen Werkzeugsatz zählen etwa die ›micro MPE‹. Die meisten Produkte kommen in Wärmetauschern zum Einsatz. Die Abnehmer setzen sie aber darüber hinaus in der Öl- und Benzinversorgung ein. Zu den neuesten Produkten zählen Aluminiumkabel als kostengünstiger Ersatz für Kupferleitungen.

Als Schlauchersatz von Versorgungs-Makroleitungen für Kühlmittel (etwa im Automobil) — also für Anwendungen mit niedrigem Druck — ist eine andere Innovation gedacht. Die Anwender wünschen sich nämlich anstatt der Schläuche zunehmend sehr dichte Rohre, die sich aber ebenso flexibel verlegen lassen. Es handelt sich hier um zwei Aluminiumrohre, die mit einem Kautschukschlauch verbunden werden. Die Verbindung geschieht durch Klebetechnik.

Feste und dennoch flexibel

Einen Schritt weiter geht eine andere Hybridlösung: Segmente des Rohres erhalten eine biegsame Struktur, die sich an dem Prinzip einer Ziehharmonika orientiert. Tønder erhält in Kürze aus Deutschland eine entsprechende, maßgeschneiderte Pressmaschine, die nach dem Prinzip ›Bellow-Forming‹ arbeitet. Berührungs ängste zum Stahl, wo dieses Verfahren sich bereits bewährt hat, besitzen die Dänen nicht. »Wir arbeiten bereits eng mit einem Anwender dieses Verfahrens zusammen, der es in Edelstahlrohren einsetzt«, erklärt der Marketingmanager.

Die Lösung bietet sich für Rohre an, die schwingende Komponenten — zum Beispiel Kompressor und Motor im Auto — miteinander verbinden. Der Anwender erhält eine feste und zugleich flexible Verbindung, die zerstörungsfrei mitschwingt. Rønningen: »Das Verfahren ist wegen seiner Biegsamkeit besonders interessant für die Montage.« Ein Plus: Durch den Einsatz dieser Rohre können Schwingungsdämpfer entfallen, die ein Aufschaukeln beim Erreichen der Resonanzfrequenz verhindern.

Für Öl- und Benzinleitungen (etwa in Servolenkungen) eignen sich Hycot-Rohre, deren spezielle PA 12-Beschichtung vor Korrosion und Steinschlag schützt.

Die Rohre entstehen durch ein spezielles Extrusionsverfahren mit anschließendem sehr präzisen Tiefziehen. Speziallegierungen sorgen dafür, dass sie selbst hohe Drücke bis 115 bar überstehen. Die Rohre gibt es in den Durchmessern von fünf bis 22 Millimeter (Wanddicke 0,85 bis 1,6 Millimeter). Diese Leitungen kommen nicht nur für Einsätze im Automobil- (Servoleitungen), sondern zusätzlich im Maschinenbau (etwa als Fluidrohre) infrage.

Dem Trend der beiden Stahlhersteller Corus und ThyssenKrupp hin zu maßgeschneiderten Rohren, den sogenannten ›Tailored Tubes‹ folgt Hydro Aluminium allerdings nicht. »Unsere Anwender sind eher an neuen, noch korrosionsbeständigeren Legierungen interessiert«, erklärt Wind.

Hohlprofile mit Know-how

Im Kommen befinden sich sogenannte CO2-Produkte. Es handelt sich hier beispielsweise um Hohlprofile für höhere Drücke und Temperaturen, die in Klimaanlagen als Ersatz für Kupferleitungen Verwendung finden. Die kleinsten CO2-Produkte besitzen einen Querschnitt von sieben Millimeter mal einem Millimeter. Der Trick besteht laut Geschäftsführer Rønningen darin, mehrere Kammern in die Hohlprofile zu integrieren. Auf diese Weise erhöhen sich Oberfläche und Wärmeleitfähigkeit. Neu entwickelte Legierungen sorgen dafür, dass die Rohre selbst dem von sonst 20 auf 200 bar angestiegenen Druck standhalten.

Neue Rohre zur Tube

Auf der Messe Tube will Hydro Aluminium neben anderen Produkten besonders spezielle CO2-Rohre präsentieren. Dazu zählen die neuen Rohre, die im Innern über spiralförmige Kanäle verfügen, die die Turbulenz des Fluids und so die Wärmeleitfähigkeit erhöhen. Wind: »Diese Technik haben wir vom Kupfer auf Aluminium übertragen. Die Spiralen stellen wir im Rahmen während des Ziehprozesses her.« Nicht nur in Sachen Produkte setzt das Unternehmen auf Umweltschutz. Originalton der Firmenschrift: »Jeder Angestellte wird verpflichtet, alle Aktionen, Prozesse und Ungenauigkeiten zu melden, die einen direkten Einfluss auf Umwelt oder Sicherheit haben oder haben könnten.«

Nikolaus Feucht

Erschienen in Ausgabe: 03/2008