Die Akademisierung der Wissenschaft – oder – Wie baue ich einen Elfenbeinturm mit Bodenhaftung

Übrigens ...Prof. Dr.-Ing. Wolfram Volk

Liebe Leser, das heutige Thema meiner Kolumne ist etwas, mit dem ich mich seit längerer Zeit auseinandersetze. Ausgangspunkt sind Äußerungen aus verschiedensten Richtungen, in denene immer wieder kritische Fragen und Anmerkungen zu unseren Forschungsprogrammen gestellt werden: »Das braucht doch kein Mensch«; »Bevor dabei eine Serienanwendung herauskommt, bin ich in Rente«; »Da beschäftigt sich die Wissenschaft wieder für die Wissenschaft«.

03. November 2016
Prof.Dr. Wolfram Volk
Bild 1: Die Akademisierung der Wissenschaft – oder – Wie baue ich einen Elfenbeinturm mit Bodenhaftung (Prof.Dr. Wolfram Volk)

Egal, wie ernst wir diese Äußerungen nehmen, zum Nachdenken sollten sie uns doch bringen. Offensichtlich bewegen sich selbst in den Ingenieurwissenschaften viele aktuelle Forschungsschwerpunkte immer weiter weg von den Anforderungen und Bedürfnissen vieler Industrieunternehmen. Dieser Effekt kann nun zwei Ursachen haben: Entweder wissen viele akademische Forscher nicht mehr, was die industriellen Anwendungen benötigen, oder die Verantwortlichen der Industrie wissen nicht mehr, wie der aktuelle Wissensstand der Forschung ist, und wünschen sich Entwicklungen und Lösungen, die bereits längst an anderer Stelle bekannt sind.

Wahrscheinlich treffen beide Erklärungen in gewisser Weise zu. Mit unserem ›Information Overflow‹ ist es meiner Ansicht nach sehr schwierig, den Überblick über aktuelle Entwicklungen und Forschungsergebnisse weltweit zu behalten. Welcher Industrievertreter in verantwortlicher Position hat denn heute noch Zeit, sich bewusst mit dem Stand der Technik und Informationsgewinnung zu befassen? In den meisten Unternehmen fehlt aus meiner Erfahrung der Zugang zu professionellen Suchmaschinen, so dass selbst mit dem Willen, sich den aktuellen Stand der Technik zu beschaffen, sich meistens nach einigen Google-Suchstunden die Resignation breitmacht.

Andererseits sollte man sich vor Augen führen, dass der akademische Elfenbeinturm immer höher wird. Bei sehr vielen Forschungsprojekten entscheiden die akademischen Vertreter über die Finanzierung von Projekten ihrer Kollegen, so dass es sehr leicht ist, die Bodenhaftung, sprich Industrierelevanz, zu verlieren.

Je mehr ich über dieses Problem nachdenke, umso schwieriger ist es, eine sinnvolle Lösung zu finden, um das beschriebene Dilemma aufzulösen. Irgendwie treffe ich immer wieder auf die Frage, wie ich nun wissenschaftliche Leistung bewerte. Es gibt viele Wissenschaftler, die den sogenannten Hirsch-Faktor als wesentlich heranziehen. Damit werden Publikationsleistung und Zitationen in wissenschaftlichen Fachjournalen zusammengefasst. Allerdings bleibt die Industrierelevanz hier weitgehend auf der Strecke. Es besteht die Gefahr, dass sich Wissenschaftler mit einem Themengebiet befassen, das sehr leicht in der akademischen Welt umsetzbar ist, und ich Gleichgesinnte finde, die sich ebenfalls damit beschäftigen. Dann gründen wir ein wissenschaftliches Journal und veranstalten Konferenzen, so dass der h-Faktor ganz schnell zu steigen beginnt, ohne jemals eine industrielle Anwendung in relevanter Größenordnung zu haben.

Das hört sich konstruiert an, aber das Problem zeigt sich immer mehr in der aktuellen universitären Berufungspolitik. Vor einigen Jahren war bei Neuberufungen die Industrieerfahrung noch ein ganz wichtiger Auswahlpunkt. Dies hat sich meiner Einschätzung nach leider deutlich in Richtung h-Faktor verändert.

Nun könnte ich mit dieser Erkenntnis vorschlagen, dass nur Industrieerträge für eine wissenschaftliche Leistungsfähigkeit zählen sollen. Dann würde wahrscheinlich in kürzester Zeit der allgemeine Putzdienst ein wichtiger akademischer Leistungsträger sein. Also auch eine schlechte Idee.

Am Ende ist meiner Ansicht nach die Lösungsidee relativ einfach. Wir müssen miteinander reden und im Austausch bleiben. Zum Beispiel sind wissenschaftliche Konferenzen mit Industriebeiträgen eine sehr gute Plattform, um den (akademischen) Kollegen im Elfenbeinturm auch die notwendige (industrielle) Bodenhaftung zu verleihen. Natürlich kosten diese Veranstaltungen Zeit und auch etwas Geld, aber der Vorteil, einerseits den Stand der Technik in kompakter Form zu erhalten und andererseits die industrielle Relevanz in Beiträgen und Kommentaren weiterzugeben, sollte im Sinne einer langfristigen Zusammenarbeit diese Investition wert sein.

Somit verbleibe ich in der Hoffnung, Sie bei der einen oder anderen akademischen Veranstaltung begrüßen zu dürfen,

Ihr

Wolfram Volk

Erschienen in Ausgabe: 07/2016