Der Weltenretter

Quergedacht

Elektroautos sind immer noch träge, teuer, kurzatmig und allein schon deshalb nicht Marktreif. Also gilt es Energiespeicher und Fahrzeuge weiter- oder Neu zu entwickeln und eine passende Infrastruktur aufzubauen. Shai Agassi will letzteres im Alleingang schaffen.

05. Oktober 2009

Ein Portiönchen Größenwahn schadet nicht, wenn man ein großes Rad drehen will. Der 1968 in Israel geborene Shai Agassi, von Selbstzweifeln nicht angekränkelt, will sich mit großen Rädern nicht zufrieden geben, sondern schlicht die ganze Welt retten: vor dem Klima- und dem Ressourcenkollaps und überhaupt. »Ich bin das Ende des Öls«, sagt er, und das Unternehmen, das er 2007 gegründet hat, heißt bescheiden ›Better Place Project‹.

Shai Agassi hätte es einfacher haben können: 2001 kam er zu SAP und dort sehr schnell in Führungspositionen. Als Hasso Plattner 2003 seinen Rückzug aus dem SAP-Vorstand ankündigte, wurde der gerade 35-jährige Agassi im Unternehmen und in den Medien als möglicher Nachfolger gehandelt. Und Plattner persönlich, inzwischen SAP-Aufsichtsratschef, hatte Agassi 2007 angeboten, ab Sommer 2009 Vorstandssprecher zu werden. Agassi lehnte ab. Über die Gründe wurde damals heftig spekuliert. Shai Agassi ließ durchblicken, die SAP-Karriere hätte ihn in eine Sackgasse gelenkt. Dann doch lieber die Welt retten! Und zwar mit Steckdosen.

Shai Agassi geht optimistisch davon aus, dass die »Welt 2025 elektrisch fährt«, was immer das heißen mag - deutlich mehr jedenfalls als das eine Prozentchen, das manche Experten dem reinen Elektroantrieb bis dahin zutrauen. Um diesen durchzusetzen, antichambriert Agassi bei Regierungen in den USA, Kanadas, der EU, Japans und anderer Länder. Außerdem verhandelt er mit Autobauern von Renault-Nissan bis Aptera.

Da die bisher konzipierten Elektroautos aber höchstens 100 Meilen mit einer Batterieladung schaffen und mancher Hochhausbewohner nicht einmal in der Tiefgarage Zugang zu einer Steckdose hat, greift Agassi an der schwächsten Stelle der Elektromobilität an und plant eine Infrastruktur in Gestalt eines ›Stromtankstellen‹-Netzes. Der Strom soll ausschließlich aus erneuerbaren Energiequellen stammen; fossile und nukleare Brennstoffe sind tabu. Jeder ›Stromer‹ soll in seinem Umfeld Zugang zu durchschnittlich 2,3 Ladestationen haben und je nach Fahrzeug 3 bis 6 €cent/km zahlen müssen.

Im sonnenverwöhnten Israel soll das erste Netz dieser Art entstehen mit etwa einer halben Million Ladestellen; auf die Fläche Deutschlands übertragen wären das acht bis neun Millionen, ergänzt durch Wechselstationen, in denen ein leerer Akkupack binnen drei Minuten gegen einen vollen getauscht werden kann.

Hans-Georg Schätzl

Erschienen in Ausgabe: 10/2009