Der Vermessungspionier

Mit einem Händchen für die Praxis

Wenn& pos;s ums Rohrvermessen geht, dann gibt es in der Schweiz eine erstklassige Adresse. Wir wollten vom Unternehmensgründer dieser „High-Tech-Meßschmiede“ wissen, was er anders macht als die anderen. Sind Software, Hardware und Mensch überhaupt kompatibel?

15. Juli 2004

Herr Leistritz, wenn Theorie und Praxis aufeinandertreffen, kommt es zu mehr oder minder hohen Leistungsverlusten. Dies gilt natürlich auch für Meßsysteme, denn draußen im rauhen Alltag sind die einfachen Dinge gefragt, die sich intuitiv bedienen lassen. Sie berufen sich auf die Praxistauglichkeit Ihrer Rohrmeß-Systeme. Was machen Sie anders, als die anderen, beziehungsweise was war zuerst da, die Theorie oder die Praxis?

Klaus Leistritz: Es gab eigentlich immer beides. Nur immer auf verschiedenen Ebenen. Der weiße Kittel (die Theorie) und der blaue Kittel (die Praxis) müssen Hand in Hand arbeiten, um zu einem profitablen Ergebnis zu gelangen. Die Diskrepanz zwischen diesen beiden wichtigen Ebenen, die beide dazu beitragen, ein Produkt anforderungsgerecht zu fertigen, war für Außenstehende wenig verständlich, beeinflussten aber das Betriebsklima. Wir haben versucht, diesen eher auseinander gleitenden Prozess der beiden Ebenen auf eine gesunde Mittellinie zu bekommen. Bei uns stand immer die Praxis im Vordergrund, denn die alten Hasen in der Rohrbiegerei kannten ihre Maschinen und ihr Material so gut, daß ihnen niemand etwas vormachen konnte. Sie fühlten sich und ihre auf jahrelanger Erfahrung beruhende Kompetenz untergraben, wenn sie von den CAD-Abteilungen Rohrzeichnungen erhielten, die sich in der Praxis nicht umsetzen ließen. Die praktische Änderung der vorgegebenen Zeichnungen nach erforderlichen Korrekturen an der Biegemaschine war so aufwendig, daß dies für uns zum Anlaß wurde, eine praxisgerechte Rohr-Software zu entwickeln und sie in die Dreidimensionalität zu führen.

Die einfache Bedienbarkeit und die Umsetzung zur lückenlosen Ergebnisdokumentation versprechen alle Hersteller. Könnte ich, wenn ich wollte, Ihre Meßsysteme in wenigen Stunden anwenden und käme ich da zu reproduzierbaren Ergebnissen?

Klaus Leistritz: Ja. Das ist genau das, was wir anders machen. Rohrgeometrien werden bei uns nicht über Flächengenerierung erzeugt. Jede Rohrgeometrie besteht aus xyz-Schnittpunkten, die die genaue Position des Rohres in jeder Lage definieren. Jedes Rohr hat eine Mittellinie, aus der die Schnittpunkte erzeugt werden. Die Lage des Rohres ist damit so genau definiert, daß man keine 2D-Bemaßung mehr braucht, Man konstruiert, vergleicht, korrigiert nur noch dreidimensional. Um auf Ihre Frage zurückzukommen, ja, Sie könnten innerhalb kürzester Zeit das Meßsystem bedienen, vorausgesetzt, Sie kennen sich mit xyz-Koordinaten/Schnittpunkten und Biegedaten aus. Wir haben Kunden, da steht unser Meßsystem in einer Meßzelle inmitten von mehreren Biegemaschinen. Es wird 24 Stunden rund um die Uhr im Schichtbetrieb gearbeitet. Jeder Bediener einer Rohrbiegemaschine kann und muß die Meßmaschine bedienen können. Ganz gleich, ob Frauen oder Männer, und auch ganz gleich, welche Vorbildung der Bediener hat.

Die Integration von Meßsoftware in bestehende CAD-Systeme gelten allgemein als Komfortkriterium. Warum gehen Sie hier eigene Wege?

Klaus Leistritz:Das ist eine Jein-Antwort. Natürlich haben wir auch ein Communicator-Modul innerhalb unseres Software-Paketes, das mit CAD-Systemen kommunizieren kann. Wir können sogar aus bestehenden 3D-Iges oder auch Step-Dateien (um nur zwei Beispiele zu nennen) gezeichnete Rohre herausnehmen, sie ändern und sie wieder zurück in die Zeichnung geben, um sie in die Gesamtzeichnung wieder zu integrieren. Das ist so rohrspezifisch, daß es auf dem Markt kaum bekannt ist. Es geht aber generell bei dieser Aufgabenstellung eher um die Prototypenerstellung. Ein Rohrgetümmel geometrisch sauber in einen vorgegebenen Raum zu konstruieren ist hauptsächlich eine Zeitfrage. Die herkömmlichen CAD-Systeme scheitern an diesem Zeitfaktor. Durch unsere Vorgehensweise, Rohrbündel auf dem Bildschirm (wie mit flexiblen Rohren) manipulieren zu können und Kollisionen innerhalb und außerhalb der Rohrpakete während der Manipulation kontrollieren zu können, ist das herausragende Merkmal. Ein Prototyp kann in einem Zehntel der Zeit realisiert werden im Vergleich mit herkömmlichen Konstruktionsbüros. Dieser Zeitgewinn schlägt sich quer durch das gesamte Meßsystem nieder. Aber es ist auch eine Frage der örtlichen Distanz. Ein Beispiel: einer unserer Kunden in England beispielsweise arbeitet im Prototypenbereich der Formel 1 - er erhielt die Umgebungsdaten, in die ein Rohrbündel hineinkonstruiert werden sollte, aus Italien, importierte sie ins Programm, konstruierte das Rohrbündel mit unserer Software auf seinem Laptop, fertigte den entsprechenden Prototyp, schickte ihn nach USA, um ihn dort in das dort stehende Fahrzeug einzubauen und erhielt einen Tag später die Nachricht paßt! Er hatte das Fahrzeug nie gesehen. Das wäre mit anderen Systemen nur schwerlich möglich.

Sie sind im Prototypenbau von Rohrsystemen groß geworden, wo Speziallösungen gefragt waren, wie etwa die Auspuffanlagen von Formel-1-Boliden. Dies auch Meßtechnisch optimal umzusetzen ist eines Ihrer Ziele. Wie sieht die TeZet-Meßtechnik bei großen Losgrößen aus, gibt es da so etwas wie einen vollautomatischen Meßplatz?Klaus Leistritz:Ja, das ist das Ziel der sogenannten 100 %-Kontrolle.Das ist eine Investitionsgröße, die sich abhebt von dem Preisniveau, in dem wir uns bewegen. Weil es eben nicht nur der Meßplatz ist, sondern auch der Zeitfaktor, den man berücksichtigen muß. Ein Rohr im Entstehungsprozeß zu kontrollieren ist insofern anders, weil das Rohr sich während des Biegeprozesses in sich selbst verändert. Das heißt das Rohr muß sich erst beruhigen, muß erstarren, um vermessen werden zu können. Das Zeitfenster zwischen dem Biegevorgang und der Meßmöglichkeit ist die Herausforderung. An der arbeiten nicht nur etliche Institute an den verschiedensten Universitäten, sondern auch wir. Aber schlußendlich wird es eine Kostenfrage.

Kooperationen und Überbetriebliche Netzwerke helfen Geschäftsideen zu sichern oder überhaupt zu realisieren. Gibt& pos;s auch bei TeZet solche Kooperationen mit Geschäftspartnern und wie sehen die aus?

Klaus Leistritz: Es gibt Kooperationen, die sich zwangsläufig oder auch zufällig ergeben, um die Entwicklungskosten zu senken und damit den Verkaufspreis. Man sollte versuchen, das Rad nicht ein zweites Mal zu erfinden. Zum Beispiel unser Kommunikations-Tool mit anderen CAD-Systemen, oder auch eine Biegesimulation, Kalkulationstools für die Preisberechnung, Werkzeugverwaltung et cetera. Es gibt auch Synergien, wie etwa zwischen Biegemaschinenherstellern und uns, weil Meßsystem und Biegemaschine miteinander kommunizieren können müssen.

Können Sie uns zum Schluß noch eine kurze Zusammenfassung geben?

Klaus Leistritz: Kostenersparnis durch Zeiteinsparung, schneller zum Ergebnis zu kommen. Das bedeutet nicht, Arbeitsplätze wegzurationalisiersen, sondern in der gleichen Zeit mehr tun zu können. Dank praxisnaher und anwenderfreundlicher Verbundsysteme, die trotz hochtechnischen Hintergrunds einfach zu verstehen und vor allem zu bedienen sind. Ein Thema, das gerade jetzt zur Diskussion Ost-Erweiterung paßt.

Herr Leistritz, vielen Dank für das Gespräch.

Erschienen in Ausgabe: 05/2004