"Der Traum jedes Veranstalters"

Interview

Nicola Hamann, Geschäftsführerin von Mack Brooks, dem Veranstalter der Euroblech, über die Entwicklung der Weltleitmesse, Teilnehmer, Erwartungen und Begeisterung.

06. Oktober 2016

Die Euroblech ist ein Eigengewächs von Mack Brooks. Sie war eine unserer ersten Messe-Ideen, hervorgehend aus der Verlagstätigkeit der Herren Brooks und Mack. 1969 fand die erste Blechmesse in London statt – in noch sehr bescheidenem Umfang; ›klein und fein‹, könnte man sagen. 1970 wiederholten wir die Messe in der Industriestadt Manchester, und dort kam die Erkenntnis, eine Industriemesse müsse in der Nähe der Industrie stattfinden. Das gilt auch großräumig, und da hatte Mitteleuropa England längst den Rang abgelaufen. Also folgten 1974 Zürich und 1978 Essen, bis wir 1990 aus Platzgründen nach Hannover wechselten.

War es nicht etwas arg ›traditionsbewusst‹, auf die fast 5000 Jahre alte Metallbearbeitung zu setzen, statt auf Glasfaser und Kunststoffe, die schon vor 50 Jahren als die Werkstoffe der Zukunft galten?

Ich würde es mutig nennen. Sicher mag es immer wieder Zweifel gegeben haben, ob die Reise in die richtige Richtung geht. Aber es gab auch eine Welt abseits des Rheins, an dem die Kunststoffriesen sitzen, und überall auf der Welt war und ist Stahl der beherrschende Werkstoff. Es war schon damals abzusehen, dass das noch über Jahrzehnte so bleiben würde. Und wenn man alleine die Entwicklung der letzten 15 Jahre anschaut … Ohne Zweifel war die Entscheidung für die Blechbranche richtig: Die Euroblech ist unsere größte Veranstaltung.

Gerade auf einer Industriemesse, wo man sieht, wie die Dinge entstehen, mit denen man jeden Tag zu tun hat!

Für mich als Nichttechnikerin ist das eine ungeheure Bereicherung, weil ich einen völlig anderen Blick auf die Dinge bekommen habe – und eine andere Wertschätzung für die Dinge.

Kommen wir zur bevorstehenden Euroblech! Ich habe mir die Zahlen ein wenig angesehen: Mit Ausnahme von 2010 infolge der Krise ging es doch zumindest mit den Ausstellerzahlen ständig nach oben.

Die schlimmen Nachrichten kamen ja während unserer bis heute unübertroffenen Rekordmesse 2008: Die Euroblech brummte wie noch nie, und draußen, so die Nachrichten, schien die Welt unterzugehen. Das war bizarr! Leider bewahrheiteten sich die Befürchtungen, wie wir wissen. Ab Ende 2010 ging es wieder aufwärts, und in diesem Jahr werden wir, was die Ausstellungsfläche anbelangt, die Euroblech 2008 übertreffen.

Die Ausstellerzahlen hatten sich ohnehin kaum verringert, wenn man von Konsolidierungen, also Übernahmen und Zusammenschlüssen, absieht. Diese Stabilität zeigt aber noch etwas anderes: den Geist der Euroblech, das heißt Zuversicht, Zusammenhalt, Vertrauen. Aber auch die Offenheit ist wichtig: sehen, anfassen, reden.

Welche Rolle spielt das Internet für Sie. Ist das eine Konkurrenz, etwa weil viele Hersteller ihre ausladenden Maschinen zu Hause lassen und deshalb mit kleineren Ständen auskommen?

Sie meinen, dass unsere Aussteller ihre Produkte in ›virtuellen Hausmessen‹ präsentieren? Das kann ich mit einem ganz klaren Nein beantworten, auch wenn das schon sehr lange, seit über zehn Jahren, diskutiert wird. Stichwort Anfassen: Eine virtuelle Haptik gibt es nicht – noch nicht.

Für uns ist das Internet eine zusätzliche Plattform, die es uns erlaubt, den globalen Markt zu bedienen, auch mit Informationen zu versorgen. Natürlich steht das Internet im Marketingmix der Unternehmen sehr weit oben, aber das gilt auch für die Messen. Das bestätigen auch entsprechende wissenschaftliche Untersuchungen. Wir Menschen legen eben sehr viel Wert auf den direkten Kontakt mit anderen Menschen, und den können auch Skype und Telefonkonferenzen nicht ersetzen.

Die Besucherzahlen der Euroblech stagnieren eher. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Wir analysieren und diskutieren das natürlich rauf und runter. Die höchsten Besucherzahlen hatten wir tatsächlich vor der Krise. Ein Messebesuch war so etwas wie das Weihnachten der Branche und der Messebesuch das Geschenk an verdiente Mitarbeiter – unabhängig von deren Entscheidungsbefugnis. Zur Euroblech machte man so eine Art Betriebsausflug. Diesen Luxus leisten sich heute nur noch wenige.

Heute kommen die Entscheider, eventuell in Begleitung der von der Investition unmittelbar Betroffenen. Auf der anderen Seite ist das Publikum noch internationaler geworden. Das ist insofern erstaunlich, als wir ja auch regionale Messen zum Beispiel in Asien durchführen. Einen Interkontinentalflug leisten sich aber in der Regel nur Top-Entscheider.

Wir verzeichnen also bei den Besuchern vermehrt den Trend hin zur Qualität.

Die Euroblech 2016 steht unter dem Motto ›Die nächste Generation der Blechbearbeitung‹. Wo sehen Sie denn die Hot-Spots der Entwicklung?

Ein ganz wichtiges Thema ist natürlich Industrie4.0, die vernetzte Fertigung, aktuell also die Kommunikation Maschine-Maschine und Maschine-Mensch. Die Fertigung wird flexibler, Automation hilft gegen den Fachkräftemangel.

Viele Unternehmen gehen in diese Richtung und zeigen das auch auf der Messe. Der Kostendruck wächst – Personal, Energie, Rohstoffe –, und alles, was zur Kostenreduktion beitragen kann, ist von Interesse.

Öffnet sich Ihnen über neue Themen denn auch ein weiteres Ausstellerpotential, etwa Leichtmetalle und Multimaterialität, generell Leichtbaukonzepte, die über das Thema Werkstoff hinausgehen?

Diese Themen bedienen wir bereits, wenngleich der Stahl und die Stahlverarbeitung dominieren. Alleine die Automobilindustrie, die inzwischen ziemlich einhellig auf Multimaterialität setzt, lässt uns gar keine andere Wahl. Wir sind also dabei, dürfen jedoch nicht übersehen, dass es Messen gibt, die spezielle Werkstoffe und Kombinationen behandeln.

Im Bereich Information Technology, kurz IT, entstehen allerdings oft in ganz kurzer Zeit Unternehmen, die durchaus als Aussteller für uns in Frage kommen und gut daran tun, auf Anwendermessen aufzutreten.

Wir sind dran an diesen Themen, werden uns aber streng hüten, den Fokus Blech aus den Augen zu verlieren.

Sind Sonderschauen auf der Euroblech geplant, etwa zu bestimmten Themen oder eine ›Science Area‹?

Wir sind da eher zurückhaltend, weil wir den einzelnen Ausstellern nicht in die Quere kommen möchten und das Publikum nicht von deren Ständen abziehen wollen. Man soll aber nie ›Nie‹ sagen, denn es könnte sich durchaus einmal ein Thema finden, das zwar brisant ist, aber von den Ausstellern noch nicht abgedeckt wird.

Kommt in absehbarer Zeit eine Halle dazu?

Im Moment ist das nicht geplant, weil wir noch genug Luft haben, wenngleich nicht übermäßig viel. Die U-Form, die wir derzeit haben, funktioniert sehr gut. Auch die thematische Zusammenstellung hat sich bewährt.

Mit welchen Gefühlen, welchen Erwartungen sehen Sie der Euroblech 2016 entgegen?

Die Euroblech macht einfach Spaß: Nicht nur wir bei Mack Brooks fiebern der Messe entgegen, sondern auch die Aussteller. In fast jeder Mail spürt man die Begeisterung und Vorfreude. Die Innovationszyklen sind meist punktgenau auf die Messe ausgerichtet und entsprechend eine fieberhafte Geschäftigkeit, die alle Beteiligten motiviert – auch uns. Das ist der Traum jedes Messeveranstalters. Wir freuen uns einfach auf die Messe.

Siegfried Neuer Fachjournalist aus Weilheim

Zahlen & Fakten

Die diesjährige 24. Internationale Technologiemesse für Blechbearbeitung, die vom 25. bis 29. Oktober 2016 in Hannover (Hallen 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17 und 27) stattfindet, steht ganz im Zeichen innovativer Produktion im Zeitalter der fortschreitenden Digitalisierung. Zur Steigerung der Kosteneffizienz, Flexibilität und Prozess-Stabilität werden auf der EuroBLECH 2016 zahlreiche neue Lösungen entlang der gesamten Technologiekette der Blechbearbeitung angeboten. Insgesamt 1.550 Ausstellerunternehmen aus 40 Ländern haben derzeit ihren Stand auf der weltweiten Leitmesse für die blechbearbeitende Industrie gebucht. Mit mehr als 89.000 m² Nettoausstellungsfläche kann die Messe gegenüber der Vorveranstaltung (2014) ein Flächenwachstum von gut drei Prozent verbuchen.

Erschienen in Ausgabe: 06/2016