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Der steinige Weg der Nachwuchsförderung

»Nachwuchsplanung ist nach meiner Wahrnehmung insbesondere in KMU eine große Herausforderung.«

07. November 2018
Prof. Dr. Wolfram Volk
Prof. Dr. Wolfram Volk (Bild: © utg)

Liebe Leser,

wie Sie dem Titel schon entnehmen können, möchte ich mich dieses Mal mit einem Dauerbrenner auseinandersetzen. Geeigneten Nachwuchs zu finden, ist logischerweise genauso alt, wie überhaupt geschäftlich aktiv zu sein. Im gleichen Atemzug findet man dann mit Sicherheit die geläufigen Standardäußerungen, dass der heutige Nachwuchs nicht mehr das ist, was er früher mal war.

An der Universität ist die Beschwerde über die unzureichenden mathematischen Kenntnisse ein Dauerbrenner in der Professorenversammlung. Aber natürlich ist dies kein akademisches Unikum. Überall wird man mit der Grundeinschätzung konfrontiert, dass das Eingangswissen des Nachwuchses kontinuierlich sinkt. Würde diese Einschätzung den Tatsachen entsprechen, dann müsste das Qualifikationsniveau unserer jungen Leute schon seit langem gegen null konvergiert sein. Also habe ich mal selbst versucht, mir darüber ein Bild zu machen, und bin zu zwei Schlussfolgerungen gekommen:

Erstens haben wir hier sicherlich ein wenig mit dem sogenannten ›Discoeffekt‹ zu tun. Wahrscheinlich hatte jeder schon mal das Gefühl, wenn er als ›Mittelalter‹ mal wieder an die Tatorte der Jugend zurückgekehrt ist, dass das Publikum hier immer jünger wird. Natürlich eine fundamentale Fehleinschätzung, denn das einzige, was sich geändert hat, ist das gestiegene eigene Alter im Vergleich zum Durchschnittsalter der Gäste. Somit wird im übertragenen Sinne die hoffentlich vorhandene eigene Weiterentwicklung dazu führen, dass das Eingangsniveau des Nachwuchses als rückläufig wahrgenommen wird. Tatsächlich hat sich nur der Abstand vergrößert.

Zweitens sind wir immer in einem gesellschaftlichen Wandel. Dies bedeutet, dass in der Ausbildung neue Themen dazukommen, die natürlich auch auf Kosten anderer Inhalte gehen müssen. Ich würde gerne die ›Digital Natives‹ im Vergleich zu uns alten analogen Dinosauriern als Beispiel heranziehen. Die Zeit, die dafür an Smartphones oder Tablets von den jungen Menschen verbracht wurde, fehlt dann irgendwie an anderer Stelle. Und schon sind wir wieder bei der subjektiven Wahrnehmung, dass das Bildungsniveau auch nicht mehr das ist, was es einmal war.

Was kann man meiner Ansicht nach daraus für Schlussfolgerungen ziehen? Ich würde zuerst dafür plädieren, mehr Vertrauen in unseren Nachwuchs zu haben. Die werden es schon schaffen – bis jetzt hat es noch jeder Nachwuchs geschafft. Dann sollten wir als ›alte Hasen‹ uns davor hüten, über unsere Nachfolger herzuziehen. Wer an einem Rentnerstammtisch mal Mäuschen spielt, wird feststellen, dass die gegenseitige Belustigung über die angebliche Unfähigkeit der Nachfolger häufig noch vor dem Austausch der Krankheiten kommt.

Aber dann sollte noch etwas im Vordergrund der Nachwuchsförderung stehen: Wenn wir die mangelnde Qualifikation anmahnen, klagen wir ja auch die ältere Generation als schlechte Lehrer an. In diesem Zusammenhang finde ich ein Zitat von Elbert Hubbard, einem amerikanischem Autor aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sehr passend: »Der eigentliche Beweis, dass wir Talent besitzen, ist die Fähigkeit, das Talent in anderen Menschen zu entdecken.« Vielleicht sollten wir mal in einer ruhigen Minute überlegen, wie viel Zeit wir tatsächlich in der nahen Vergangenheit zur Förderung und Entdeckung von Talenten aufgebracht haben.

Nachwuchsplanung ist aus meiner Wahrnehmung insbesondere in kleinen und mittelständigen Unternehmen eine große Herausforderung. Ich sage bewusst nicht, dass dies ein Problem wäre. Aber ich bin mir sicher, dass durchaus an der einen oder anderen Stelle noch ›Optimierungspotenzial‹ vorhanden ist. Als Organisatoren des Kongresses Stanztechnik in Dortmund haben wir uns deshalb für 2019 entscheiden, diese Thematik dort vertieft zu behandeln.

Ich bin fest überzeugt, dass strukturierte Programme zur Talentförderung und -sichtung für alle Unternehmensgrößen von Vorteil sind. Bei unserem stetig wachsenden Angebot wird es immer schwieriger, das tatsächlich zu einem passende Berufsbild zu finden. Jeder, der mit heranwachsenden Menschen zu tun hat, wird schon die Frage gehört haben, was man im ›Überangebot‹ denn wirklich machen soll. Die Qual der Wahl führt dann ja häufig dazu, dass man »den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht«.

Vielleicht ist es mir gelungen, Sie ein wenig zum Nachdenken zu bringen. Viel Erfolg bei der Nachwuchsförderung.

Ihr

Wolfram Volk

Erschienen in Ausgabe: 07/2018