Der Lack ist ab

Technik

Zur Sanierung eines alten Postschiffs müssen etwa 1.000 Quadratmeter Stahlplatten, Bleche und Profile von mehreren Lackschichten befreit werden. Um diese Aufgabe zu bewältigen, hilft Woma mit Höchstdrucktechnik.

12. Mai 2016

In Holland lebt man mit und vom Wasser, die Schifffahrt prägt das Leben. Deshalb ist es für die 1949 gegründete Stiftung ›Zeekadetkorps‹ wichtig, bereits Jugendliche zwischen neun und 22 Jahren an die maritime Welt heranzuführen. Dies will sie in dem kleinen Fischerdorf Urk am ?sselmeer mit ihrer dort frisch gegründeten Ortsgruppe tun.

Dazu wurde das ehemalige Postschiff ›Norderkroon‹ angeschafft. Nach fünf Jahren einsatzloser Liegezeit war allerdings eine Grundsanierung fällig, beginnend mit der Entlackung. Dabei half Woma, ein Unternehmen der Kärcher-Gruppe, mit Höchstdrucktechnik.

»Im Grunde ist die Norderkroon ganz solide, der Bergen-Diesel mit seinen acht Zylindern läuft rund, die Brücke mit ihrer Technik ist zwar nicht auf dem aktuellsten Stand, aber funktionsfähig, ebenso die Kombüse. Und selbst das Unterwasserschiff muss nur von Muscheln und Bewuchs befreit werden«, so Rensa Bakker, der die Zeekadetten betreut und ausbildet, »aber außen und oberhalb der Wasserlinie schaut das schon ganz anders aus.« Dort prangen auf dem gelb gestrichenen Schiffsrumpf zahlreiche Flicken, Rost tritt vielerorts zutage. »An einigen Stellen des Decks müssend deshalb ganze Abschnitte komplett ausgetauscht werden«, beschreibt Woma-Anwendungstechniker Wolfgang Tröndle die anstehende Aufgabe, »aber es bleibt genügend Fläche, die wir mit Höchstdrucktechnik bearbeiten.«

Schätzungsweise 1.000 Quadratmeter Stahlplatten, Bleche und Profile müssen von vielen Lackschichten befreit werden, bis das ursprüngliche Material wieder zum Vorschein kommt. Dafür wird der Ecomaster MK 3 von Woma verwendet: Das 2,3 Tonnen schwere Gerät ist als mobile Einheit mit einem Dieselmotor ausgerüstet, der mit 146 Kilowatt einen Betriebsdruck zwischen 500 und 3.000 bar aufbauen kann. »Wir bearbeiten die alten Lacke meist mit 2.800 bar«, erklärt Tröndle.

Der Motor treibt eine Plungerpumpe an, die bei 2.800 bar 26 min-1 befördern kann. Durch die Kompression wird das Wasser auf zirka 60 Grad Celsius erhitzt. Es muss somit keine Wärmeenergie hinzugefügt werden, um die Reinigungsleistung zu steigern. Die Schlauchlängen bleiben unter 200 Meter, da darüber hinaus die Druckverluste zu hoch würden.

Für die gründliche Entlackung der Deckböden wird an den Ecomaster der Flächenreiniger Vacujet 2500-1-E angeschlossen. Das Wasserwerkzeug wird wie ein Rasenmäher über die Flächen geschoben. Knapp über dem Boden tritt das Wasser durch acht Edelstahldüsen aus, die im rechten Winkel auf den Untergrund gerichtet und auf einer Welle gelagert sind.

Die Welle wird mit Hilfe eines Luftmotors angetrieben. »Die Erfahrung zeigt, dass der Einsatz mehrerer Düsen mit kleinerem Durchmesser eine höhere Flächenleistung erzielt. Mit acht Düsen wird der Lack bestmöglich aufgeritzt und abgetragen«, erklärt Tröndle. »Die Arbeit erfordert ein wenig Gefühl, denn man muss das Verhältnis von Druck zu Wassermenge immer auf das zu bearbeitende Material abstimmen, um gut voranzukommen und dennoch stets gründliche Arbeit zu leisten.«

Im Prinzip könne das Gerät auch Salzwasser verarbeiten, fährt er fort und unterstreicht damit die Robustheit der Technik, »doch das wäre sehr kontraproduktiv. Denn die Salzkristalle würden durch den hohen Druck in die Poren des Stahls gepresst und dort die erneute Korrosionsbildung begünstigen.«

Ted Gijsbertsen setzt das 36 Kilogramm schwere und damit vor dem Abheben gesicherte Gerät in Gang. Rund 20 Quadratmeter pro Stunde entlackt er so im Schnitt.

Für die Randbereiche des Decks sowie an den senkrechten Bordwänden wird hingegen eine ›Lanze‹ eingesetzt. Das Hochleistungswasserwerkzeug ist mit der Turbodüse TD3000-SCS mit rotierendem Trägerkopf ausgerüstet. Das Wasser tritt aus sechs mit Industrie-Saphiren verstärkten, 0,35 bis 0,45 Millimeter großen Düsen aus; die Saphire machen die Düsen deutlich robuster und mindern den Verschleiß. Auch dieses Wasserwerkzeug hat eine stufenlose Drehzahleinstellung. »Bei einem durch den hohen Druck und die resultierende Austrittsgeschwindigkeit sehr effizienten Gerät muss die Sicherheit an vorderster Stelle stehen«, erklärt Alexander Reger, Leiter Anwendungstechnik bei Woma. »Deshalb müssen während der Strahlarbeiten vom Bedienpersonal immer Schutzkleidung mit Helm und Visier sowie Sicherheitsstiefel getragen werden.«

Um die Sicherheit zusätzlich zu erhöhen, wurde das Gerät so eingestellt, dass sich die Leistung beim erstmaligen Start über 40 Sekunden langsam aufbaut, bis der Arbeitsdruck erreicht ist. Nach jeder Unterbrechung dauert es dann noch vier Sekunden, bis der volle Druck wieder da ist. So kann sich der Anwender auf die Rückstoßkraft einstellen. Die darf bei einer handgeführten Hochdruck-Lanze 250 Newton betragen; ab 150 Newton muss eine Körperstütze eingesetzt werden.

Störungsfrei arbeiten

Der Höchstdruck macht die Technik einerseits effizient, aber er stellt andererseits hohe Anforderungen an das Material. Manche Teile wie Schläuche oder Dichtungen müssen regelmäßig ausgetauscht werden – selbst wenn sie noch keine äußeren Ermüdungserscheinungen aufweisen. Nur so kann das System leckage- und störungsfrei arbeiten, womit gleichzeitig die technische Sicherheit sowie die Effizienz und Langlebigkeit gewährleistet werden.

Der Gesamtaufwand macht sich unterm Strich bezahlt: »Wir kommen gut voran und sind wie geplant voraussichtlich innerhalb 14 Tagen mit dem Entlacken fertig«, so Regers Fazit. Das wird die Zeekadetten freuen. Denn dann können sie mit ihren ehrenamtlichen Mitarbeitern nach ihrem Feierabend das alte Schiff auch außen wieder grundieren und neu lackieren, nachdem der Umbau im Inneren bereits fertiggestellt wurde. »Wie ein Postschiff wird es dann gewiss nicht mehr ausschauen«, verrät er mit einem Augenzwinkern. Mehr aber auch nicht. Schließlich soll es noch eine kleine Überraschung geben, wenn es in vier Wochen wieder heißt: »Schiff ahoi!«

Erschienen in Ausgabe: 04/2016