Der Druck steigt

Technik/Werkstoffe

Über 250 Experten aus der Edelstahlbranche nahmen als Besucher an der großen Rostfrei-Tagung teil. Außerdem präsentierten rund 20 Unternehmen in einer begleitenden Ausstellung ihre Produkte und ihr Dienstleistungsangebot.

31. August 2015

Wie jedes Jahr fanden auch 2015 die Düsseldorfer Edelstahltage statt, die von der Edelstahl Vereinigung e.V., der Informationsstelle Edelstahl Rostfrei, der Edelstahlhandelsvereinigung sowie vom Verlagshaus Focus Rostfrei GmbH ausgerichtet wurden.

Den ersten Fachbeitrag lieferte Ralf Becker von der RCG Research & Consulting (Deutschland) GmbH. Sein Thema war ›Strategische Herausforderungen für die Edelstahl-Produzenten im europäischen und globalen Umfeld‹. Becker erläuterte, dass in Europa der europäische SBQ-Markt (SBQ = Special Bar Quality, auch Engineering Steel) in Form von Stabstahl, Halbzeug und Profilen 2013 im Vergleich zum Vorjahr um circa acht Prozent zugenommen habe. 2014 stieg der SBQ-Verbrauch um rund sechs Prozent.

Der globale SBQ-Markt lasse sich grundsätzlich unterteilen in:

- Lokales Cluster am Beispiel Nordamerika: Ein hoher Anteil des Bedarfs wird durch Binnenproduktion gesättigt.

- Regionales Cluster am Beispiel Europa: Der Großteil des Bedarfs wird durch regionale Produktion bedient.

- Globales Cluster am Beispiel von China: Mit zunehmender Produktion steigen die Exporte hauptsächlich in asiatische Länder, aber auch nach Europa und Nordamerika.

Überkapazitäten erschweren das Geschäft

Wachsende Kapazitäten werden diesen Trend in den nächsten Jahren verstärken. Beckers Fazit lautet: Kapazitäten der SBQ-Produzenten übersteigen den tatsächlichen SBQ-Bedarf in allen Regionen. Dieses Ungleichgewicht werde auch in den nächsten Jahren anhalten, sich möglicherweise durch Kapazitätserweiterungen in China noch verschärfen. Die Prognose für die Automobilproduktion sei zwar positiv, jedoch werde auch in Zukunft das Wachstum vornehmlich in Asien und den Schwellenländern stattfinden.

Dieser Druck lässt sich bereits an den sinkenden finanziellen Ergebnissen der SBQ-Produzenten erkennen. Langfristig wird das ›Margenproblem‹ somit zu einem Kostenproblem führen. Beckers Lösungsvorschlag ist mehrteilig: Implementierung einer ›Digitalen Supply Chain‹, eines ›Sales & Operational Planning‹, einer ›Smart Maintenance‹ und schließlich die Verschlankung sämtlicher Abläufe.

In ihrem Beitrag mit dem Titel ›Antworten auf die strategischen Herausforderungen sich wandelnder Märkte‹ ergänzte Stefanie Steiner, Director Investor Relations & Corporate Communications bei Schmolz + Bickenbach, die Ausführungen ihres Vorredners aus Unternehmersicht. Als Antwort auf die Marktherausforderungen schlug sie zur Abfederung konjunktureller Schwankungen eine Diversifikation anhand mehrerer Achsen vor. Hinzu käme die effiziente Aufstellung des eigenen Unternehmens, ein kontinuierlicher Dialog mit allen Stakeholdern sowie enger Kundenkontakt. Die Förderung von Innovationen und Wissen sowie eine kontinuierliche Markt- und Trendforschung seien aus der Sicht von Schmolz + Bickenbach zur Erreichung der Unternehmensziele ebenso unerlässlich wie eine stabile Finanzierung, erklärte Stefanie Steiner abschließend.

Rostfrei ist oft wirtschaftlicher

Ein weiterer Fachvortrag wurde von Benoit van Hecke, Aperam, gehalten. Er sprach über ›Nichtrostende Stähle im Transportwesen‹ und ging in seinem Beitrag insbesondere auf Trends und Lösungen für die Zukunft ein. Er zeigte auf, dass sich die Wirtschaftlichkeit bei der Verwendung nicht rostender Stähle zunehmend an den lebensdauerbezogenen Kosten (life cycle cost) bemessen lasse und begründet diese Aussage unter anderem mit den geringeren Herstellungskosten des Werkstoffs. Nicht rostende Stähle benötigten weniger Wartung über ihre gesamte, verlängerte Lebensdauer. So hülfen sie im Automobilbau, den Kraftstoffverbrauch durch Gewichtseinsparung zu reduzieren, während sie in der Verwendung zur Konstruktion von Auspuffanlagen einen wesentlichen Beitrag zur Energierückgewinnung leisteten. Das wiederum sei bedeutend für den Umweltschutz. Gerade im Automobilbau wirken verschärfte Emissionsnormen und Verbrauchsminderung als Technologietreiber.

Van Hecke betonte ferner die verbesserte Crash-Sicherheit nicht rostender Stähle in Automobilen. Schließlich ging der Vortragende auch auf den Bau von LNG-Containern ein und erklärte, dass nicht rostende Stähle für die Konstruktion von Flüssigerdgas-Tanks für Schiffe und Straßenfahrzeuge gut geeignet seien.

Hans Georg Diederichs

Fachjournalist aus Grevenbroich

Erschienen in Ausgabe: 05/2015