„Das liegt mir am Herzen“

Nicola Leibinger-Kammüller, Vorsitzende der Geschäfts­führung von Trumpf, ist Mitglied im »Rat für Innovationen und Wachstum«, dem von Bundeskanzlerin Angela Merkel ins Leben gerufenen Beratergremium. bbr interessiert: Was wollen Sie dort bewirken, Frau Leibinger-Kammüller?

17. November 2006

br: Frau Leibinger-Kammüller, die Vorgängerinitiative »Partner für Innovation«, stellt ihre Arbeit ein. Unter Frau Merkel gibt’s nun den Rat für Innovation und Wachstum, brauchen wir den?

Nicola Leibinger-Kammüller: Unbedingt! Deutschland ist im weltweiten Vergleich ein teurer Standort. Allen muss deshalb klar sein, dass wir am Weltmarkt den Vorsprung, auf dem unser Wohlstand basiert, nur halten können, wenn wir um so viel besser sind als wir teurer sind. Das ist letztlich nicht nur eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit einzelner Unternehmen, sondern des ganzen Landes. Und da spielen viele Dinge eine Rolle. Zum Beispiel: Wie gut ist die Ausbildung unserer Kinder in den Schulen und Universitäten? Welches Innovationspotenzial steckt in Wissenschaft und Wirtschaft? Wie bringen wir beide besser zusammen? In welchen Technologiefeldern und Forschungsbereichen liegen Chancen für Deutschland und wie setzt man durch eine gezielte Forschungsförderung neue Impulse auch im Mittelstand? Welche politischen Entscheidungen verbessern die Bedingungen für Unternehmensgründungen? Die Herausforderungen für unser Land im internationalen Standortwettbewerb sind gewaltig. Aus Asien, speziell aus China und Indien, bekommen wir ernst zu nehmende Konkurrenz. Dort geht es nicht nur um billige Arbeitskräfte, sondern um eine Kombination geringer Kosten mit fortschrittlicher Technologie. Dazu kommt der unbedingte Wille dieser Menschen, sich in bessere Lebensverhältnisse vorzuarbeiten. Daher ist es nur konsequent, wenn die Bundesregierung wie ein Unternehmen Strategien und Aktivitäten entwickelt, um sich auch in Zukunft erfolgreich zu behaupten. Hierbei will der Innovationsrat die Kanzlerin unterstützen und er will Impulsgeber sein.

Der Rat, unter Führung von Heinrich von Pierer, hat sich bereits mit Bundeskanzlerin Merkel getroffen. Gibt es bereits eine Marschroute?

Ja, wir haben im ersten Treffen eine Fülle von Aufgaben und unsere Schwerpunkte besprochen. Der Rat für Innovation und Wachstum wird sich mit übergreifenden Fragestellungen beschäftigen, die für Innovation und Wachstum in Deutschland von besonderer Bedeutung sind. Als einen Schwerpunkt seiner Arbeit sieht der Rat die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Innovationen von kleinen und mittleren Unternehmen an. Hier geht es beispielsweise um Wagniskapital, Investitionsanreize und Firmengründungen. Der Abbau von Hindernissen bei der Umsetzung von Ideen in neue Produkte und Verfahren ist ein weiteres Feld. Wir beschäftigen uns mit der Durchlässigkeit zwischen Unternehmen, wissenschaftlichen und staatlichen Institutionen. Ein Thema, das mir persönlich sehr am Herzen liegt, ist die Innovationsförderung im Mittelstand. Die Verteilung der Forschungsgelder geht bislang, so mein Eindruck, weitgehend am Mittelstand vorbei.

Ziel des Rates ist unter anderem die engere Verzahnung von Wirtschaft und Wissenschaft. Wie stellt man sich dies konkret vor?

Innovation findet an verschiedenen Stellen statt: In den großen Unternehmen, in den kleinen und mittleren Unternehmen, aber insbesondere auch in den Universitäten und in den außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Wir müssen nun dafür sorgen, dass wir enger zusammenarbeiten, und dass die vielen, wirklich großartigen Erkenntnisse schneller in Produkte umgesetzt werden. Mit dem Sechs-Milliarden-Euro-Programm der Bundesregierung zur Forschungsförderung gibt es mehr Geld für Schlüssel- und Querschnittstechnologien.

Der Fokus liegt dabei auf der Umsetzung der Ergebnisse in Produkte. Außerdem müssen kleine und mittlere Unternehmen noch mehr eingebunden werden als in der Vergangenheit. Und das dritte ist, dass wir eine bessere Fokussierung vornehmen auf die Gebiete, die wirklich wichtig sind und die in der Zukunft Arbeitsplätze bringen werden. Dazu zählen optische Technologien, Bio- und Nanotechnologie, Energie und Verkehr oder Gesundheitsforschung.

Die stärkere Verknüpfung auch kleinerer Unternehmen mit führenden Forschungsinstituten wird ja bereits von Verbänden, wie dem EFB oder dem IBU intensiv betrieben. Warum also ein zusätzliches Gremium?

Der Rat will die vielfältige Arbeit der einzelnen Branchenverbände nicht ersetzen. Im Gegenteil: Er will sie unterstützen und verstärken. Der Mittelstand ist in Gremien wie diesen völlig unterrepräsentiert Der Rat für Innovation und Wachstum bietet die Chance, die Interessen des Mittelstandes ganz vorne auf der politischen Agenda zu positionieren. Und wie man sieht mit ersten Erfolgen.

Was sind Ihre persönlichen Erwartungen an den Rat?

Ich sehe meine Mitwirkung im Rat für Innovation und Wachstum als Chance, das Denken und die Interessen von kleinen und mittleren Unternehmen einzubringen, die meist zugleich Familienunternehmen sind. Die haben ganz andere Sorgen als beispielsweise die Großindustrie, und diese Sorgen will ich der Bundesregierung zu Gehör bringen. Viele Dinge, die für Großunternehmen in der Forschung gängige Praxis sind, bleiben dem Mittelstand - oft aus Kapazitätsgründen - verschlossen. Der Mittelstand stellt aber die Mehrheit der Firmen und beschäftigt die meisten Menschen in Deutschland. Die angekündigte Forschungsförderung mittelständischer Unternehmen darf daher kein Lippenbekenntnis sein. Dafür setze ich mich ein. Und nach meiner Erfahrung hat Frau Merkel für fundierte Kritik durchaus ein offenes Ohr. In der Summe erwarte ich mir, dass der Rat einen strategischen Beitrag leisten kann, um an den entscheidenden Stellschrauben zu drehen, die über unsere globale Wettbewerbsfähigkeit entscheiden. _

Die Fragen stellte Erik Schäfer

VitaVerfechterin der Mittelstandsinteressen

Dr. Nicola Leibinger-Kammüller (46) ist seit November 2005 Vorsitzende der Geschäftsleitung der Trumpf Gruppe, dem größten europäischen Hersteller für Werkzeugmaschinen und Lasertechnik. Die Vorgesetzte von 6.500 Mitarbeitern weltweit studierte Germanistik, Anglistik und Japanologie in Freiburg, Middlebury, Vermont (USA) und Zürich, wo sie promovierte. Innerhalb der Trumpf Gruppe bekleidete sie seit 1984 verschiedene Führungspositionen in Deutschland und Japan. Im Jahr 2003 kam der Ruf in die Gruppengeschäftsführung, deren Vorsitz sie vor kurzem von ihrem Vater Berthold Leibinger übernahm. Nicola Leibinger-Kammüller ist zugleich Geschäftsführerin der gemeinnützigen Stiftung, die seinen Namen trägt. Die Literaturwissenschaftlerin liest leidenschaftlich gerne. Dazu hört sie Musik von Mozart und Bach.

BackgroundDer Rat für Innovation und Wachstum

Unter Führung des ehemaligen Siemens-Vorstandschefs, Heinrich von Pierer, trat der von Bundeskanzlerin Merkel gegründete »Rat für Innovationen und Wachstum« am 31. Mai erstmals zusammen. Mitglieder sind neben von Pierer, DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche, SAP-Chef Henning Kagermann und die Vorsitzende der Trumpf-Geschäftsführung Nicola Leibinger-Kammüller. Ziel des Rates, einer Nachfolgeinitiative der von Exbundeskanzler Schröder ins Leben gerufenen Initiative »Partner für Innovation«, ist die engere Verzahnung von Wirtschaft und Forschung. Daher hat von Pierer auch noch die Präsidenten der Fraunhofer-Gesellschaft, Prof. Hans-Jörg Bullinger, und der Max-Planck-Gesellschaft, Prof. Peter Gruss, integriert.

Erschienen in Ausgabe: 10/2006