Come together

Stimmen, Stimmungen und Trends wichtiger Maschinenbauer lauschte der bbr-Reporter — den Beatles-Song im Ohr — auf der Tube/wire, die erstmals gemeinsam mit der METAV stattfand.

27. August 2008

Die Resonanz auf den ›rasenden‹ bbr-Reporter konnte nicht unterschiedlicher ausfallen: Während ein Maschinenbauer aus dem Siegerland ein Gespräch ablehnte mit den Worten »Wir machen grundsätzlich keine Öffentlichkeitsarbeit«, lud Felss-Geschäftsführer Dr. Winfried Richter bereits im Messevorfeld per Telefon zum Gespräch ein (siehe separates Interview in der bbr-Juni-Ausgabe). Dr. Richter empfindet das Miteinander mit Zerspanern als sehr spannend, denn er sieht sein Unternehmen in erster Linie als Problemlöser. Zum Zuge kommen unter anderem Verfahren wie Kaltumformen (zum Beispiel Rundkneten, Axialformen), Rohrbiegen, Umformen, Autofrettage sowie Endenbearbeitung. Dabei stehe das Unternehmen auch zum Teil im Wettbewerb zum Zerspanen.

Auf zu neuen Fertigungsstrategien

»Wir entwickelten beispielsweise eine Umformstrategie für ein Sensorgehäuse, das bisher aus einem Massivteil gedreht wurde. Bei diesem Großserienprodukt wurden die Späne ›kübelweise‹ aus dem Tor hinausgeschoben«, verrät Dr. Winfried Richter. Als Grenzgänger genoss der Geschäftsführer den Kontakt mit den Ausstellern aus den Metav-Hallen aber nicht nur aus Wettbewerbsgründen, sondern auch wegen des Lerneffektes. Ihn interessierten aktuelle Trends wie die in Kürze von der Europäischen Union verordnete Energieeffizienz.

Die Energieeffizienz im Fokus

Auf diesem Gebiet ist Felss schon längst aktiv. Der badische Hersteller aus Königsbach-Stein (bei Pforzheim) setzt dabei auf fünf Ansätze: (1) Servoelektrik ersetzt Hydraulik; (2) ferngesteuertes Ausschalten der Anlagen; (3) Auswahl von energiesparenden Komponente (Beispiel: nicht jedes Bauteil benötigt eine blinkende LED-Lämpchen); (4) effizientes Zusammenspiel von NC-Achsen (eine bremsende Achse mit elektrischer Energierückspeisung treibt anfahrende Achse an) und (5) Herunterfahren der Hydraulik, wenn sie nicht gebraucht wird. Hier hat Felss im Vergleich zu vielen Wettbewerbern und zu den Zerspanern die Nase vorne. Die Möglichkeit zur Zustandsüberwachung einer Maschine (Condition Monitoring), die bei Zerspanern mittlerweile zur Standardausrüstung zählt, kommt bei Felss kaum vor. Wolfgang Köberle, Leiter Elektrotechnik bei der Tochter Felss Burger: »Wir haben Condition Monitoring schon mal angedacht, denn es wäre auch für Biegeanlagen wegen den Schwankungen bei den Parametern interessant.«

Condition Monitoring?

Condition Monitoring kommt auch bei der Emag Leipzig Maschinenfabrik nicht zum Zuge, die erstmals bewusst auf der Tube ausgestellt hat. Der Name Emag steht sonst für Werkzeugmaschinen aller Art. Weniger bekannt ist außerhalb der Ölförderindustrie sicherlich die Leipziger Tochter, die komplette Fertigungssysteme zum Bearbeiten von Rohren, Muffen und Schutzkappen für das Ölfeld herstellt. Das Thema Energieeffizienz zählt dagegen laut Janine Christoph vom Marketing von jeher zu den Stammthemen der Emag-Tochter. Die Stimmung zur Messekombi mit der Metav war bei dem Unternehmen laut der Marketing-Dame geteilt. Einige bedauerten die abgespeckte Tube/wire-Version, andere aus dem Systemgeschäft begrüßten das Messedreierpaket.

Der Fertigungsaufwand nimmt zu

Dipl.-Ing. (TU) Norbert Schwarzer vom Vertrieb bei voestalpine HTI aus Annweiler (Rohrkomponenten für Airbagsysteme) findet die Messekombi toll: »Ich nutze sie vor allem, um eher metavlastige Zulieferer und Ausrüster zu besuchen.« Die Energieeffizienz spielt bei den Kunden des Unternehmens kein Thema. Allerdings macht voestalpine ein »sehr genaues Energie-Monitoring«. Auch das Condition Monitoring spiele bei der Herstellung mittlerweile eine wichtige Rolle. Das verwundert nicht mit Blick auf die aktuellen Trends bei der Präzisionsrohrherstellung: Der Fertigungsaufwand bei den Bauteilen, die sich immer mehr zu Systemen wandeln, nimmt zu. Teilweise gibt es bis zu 17 Bearbeitungsschritte. Das spiegelt sich auch in den Umformmaschinen wider, die beispielsweise bei Airbag-Komponenten schon mit den Kunden entwickelt wurden. Die Weiterentwicklung der Produkte geschieht nicht revolutionär, sondern eher sukzessive. Die Stammkunden aus der Automobilindustrie achten heute vor allem auf Gewicht, Lebensdauer, Machbarkeit und Materialeinsparung. Beim Leichtbau gäbe es einen Trend, das Zerspanen durch Umformen zu ersetzen.

Energiesparend Rohrbiegen

Ein wichtiger Trend bei den Rohr- und Profilbiegemaschinen der Schweizer Mewag lautet vollelektrischer Antrieb (34 bis 170 kW) für Durchmesser bis 170 mm. Für die Elektrik spricht laut Gebietsverkaufsleiterin Beatriz Perroud vor allem die Regelung: Bei jeder Achse lassen sich nun Position, Geschwindigkeit und Kraft individuell einstellen und so mehrere Radien mit hohen Freiheitsgraden biegen. Langfristig sieht die Gebietsverkaufsleiterin diesen Umstieg zu elektrischen Antrieben (es gibt aber weiterhin in Mewag-Maschinen Hybridtechnik mit Hydraulikanteil) als einen wesentlichen Beitrag zum Sparen von Energie an, denn »der Servo läuft nur dann, wenn er gebraucht wird«. Die Antriebe stammen dabei von Bosch-Rexroth und die Software von Mewag.

Condition Monitoring

Die Servoelektrik erleichtere aber auch das Condition Monitoring per Online-Hilfestellung. Dazu zähle beispielsweise das Überwachen einer mitlaufenden Gleitschiene. Die Anwender können außerdem neue Biegeprogramme per Download von Mewag erhalten. Weiter als das Condition Monitoring geht der Funktionsumfang des Überwachungssystems TubeInspect, das per Bildverarbeitung Rohre mit einem Durchmesser von 4,0 bis 200 mm checkt. Perroud: »TubeInspect ermöglicht auch ein Reverse-Engineering, denn ein JobShop kann dann mit einem Programm prüfen, ob er das Teil fertigen kann.«

Zentrale Entwicklungsaufgabe — Energieeffizienz steigern

Trumpf präsentierte auf Metav und Tube erstmals eine flexible Laser-Rohrschneidanlage zum Steigern der Produktivität und Qualität sowie ein neues Vorschubkonzept für Maschinen der TruLaser-Cell-Serie 7000 zum Schweißen, Schneiden und Bearbeiten von Lkw-Profilen. Hinzu kommen Systeme zum Beschriften von Rohren und die Programme TruTops Tube und Mark zum Programmieren und Kennzeichnen der Programme. Als zentrale Entwicklungsaufgabe sieht Norbert Beier, Leiter Vertrieb Laser-Rohrschneiden bei der Trumpf Werkzeugmaschinen, die Energieeffizienz an. Dabei gehört Trumpf nicht zu den Einsteigern, denn das Unternehmen würde schon seit längerer Zeit auf Energierückgewinnung bei Antrieben und Steuerung achten. Auch Condition Monitoring sei generell ein Thema, meinte der Vertriebsleiter und wies auf Trumpf-Innovationen wie Blechdickenmessung und Kollisionsschutz hin. Trumpf bietet standardmäßig bei allen Maschinen die Möglichkeit zur Ferndiagnose, bei der im ersten Jahr keine Kosten entstehen. Beier: »Unsere Kunden machen von der Ferndiagnose wegen der Anbindung an ein Netzwerk nicht oft Gebrauch.« Entwarnung der Experten: Trotz der Verbindung eines Service-PC mit dem firmeninternen Netzwerk bestehe keinerlei Gefahr, dass Produktionsdaten ausgespäht werden könnten.

Nikolaus Fecht

INFO

METAV: Und was gibt es bei den Zerspanern?

Condition Monitoring zählte bei den Metav-Ausstellern zur Standardausstattung. Allerdings geht es den meisten Herstellern von Zerspanungsmaschinen wie ihren Kollegen von Tube/wire: Die Möglichkeit zur Ferndiagnose wird oft nicht genutzt — teilweise aus Angst vor dem Ausspähen von Produktionskennwerten. Vielleicht hilft hier ein Ansatz des japanischen Herstellers Okuma: Sicherheitsbedenken von Kunden bei der Ferndiagnose via Internet zerstreut das Unternehmen, denn es nutzt mit Web-Ex einen Service, der auch bei Banken zum Einsatz kommt. Der Kunde muss dabei den Zugang zu seinen Maschinen freigeben. Energieeffizienz spielt bei den WZM-Herstellern teilweise eine Rolle, denn ihnen ›droht‹ die Europäische Union (EU) mit der ›Energy-using-Products‹(EuP)-Richtlinie, die die Entwicklung von Werkzeugmaschinen und Komponenten vorantreiben soll, die energieeffizienter als bisher arbeiten. Einige WZM-Hersteller wie Okuma oder Traub und viele namhaften Produzenten von Steuerungen und Antrieben wie Siemens, Bosch-Rexroth oder Mitsubishi haben sich schon darauf eingestellt — beispielsweise mit dem standardmäßigen Einsatz oder Angebot von rückspeisefähigen Antrieben und CNC.

Erschienen in Ausgabe: 7-8/2008