Charisma: Talent, Gabe oder doch erlernbare Charaktereigenschaft?

Übrigens...

"Auch Authentizität gehört nach meiner Überzeugung zu einer charismatischen Person."

29. August 2016
Prof.Dr. Wolfram Volk
Bild 1: Charisma: Talent, Gabe oder doch erlernbare Charaktereigenschaft? (Prof.Dr. Wolfram Volk)

die Sommerpause ist vorbei und im wohlverdienten Urlaub haben Sie hoffentlich etwas ausspannen können und vielleicht auch das eine oder andere Interview nach einem Olympiasieg oder als Überbrückung der ›Sauregurkenzeit‹ anschauen können.

Ich hatte ein ganz persönliches Erlebnis, als ich eine sehr bekannte Persönlichkeit bei einer Veranstaltung näher kennenlernen durfte und für mich die Ausstrahlung so beeindruckend war, dass ich noch hinterher vom Charisma dieses Menschen geschwärmt habe. In der familiären Diskussionslaune des Sommerurlaubs haben wir uns dann die einfache Frage gestellt, was ist denn Charisma überhaupt und warum gibt es gefühlt immer weniger bekannte Personen aus Politik, Wirtschaft oder Fernsehen, die wir als unzweifelhaft charismatisch einstufen würden?

In solchen Fällen hilft Wikipedia schnell weiter, und jetzt fing diese Frage für mich an, immer interessanter zu werden. Charisma hat demnach zuerst einen religiösen Hintergrund im deutschen Sprachgebrauch. Interessanterweise kam der breitere Gebrauch von Charisma im Sinne einer besonderen Ausstrahlung erst im 20. Jahrhundert in Mode.

Aus sozialwissenschaftlicher, politologischer Sicht ist Charisma damit eine Form von Herrschaft. In Kombination mit Agitation haben wir in der näheren Vergangenheit und leider auch in der heutigen Zeit einige meiner Ansicht nach sehr negative Beispiele von totalitärem Herrschaftsanspruch und Diktatur erfahren müssen, bei denen die Ausstrahlung der Obersten zur undemokratischen Machterweiterung und -mehrung missbraucht wurde und wird.

Als drittes Feld wird dann noch Charisma als wichtige Eigenschaft in der Wirtschaftspsychologie genannt. Dies ist auch das Feld, in dem ich mich am meisten wiederfinde und mir auf Anhieb Personen wie Steve Jobs oder Bill Gates einfallen, die für mich als charismatische Spitzenmanager gelten. Ich finde es sehr spannend, dass insbesondere die Fähigkeit zur Identifikation und Begeisterung der Mitarbeiter als besonderes Plus charismatischer Führungskräfte hervorgehoben wird.

Ich möchte nun versuchen, einen charismatischen Chef mit meinen Worten zu beschreiben: Er hat eine natürliche Autorität, die er aber nur sehr behutsam auch in Konfliktsituationen einsetzt. Er ist in der Lage, Ziele klar und deutlich zu vermitteln und für die Mitarbeiter die daraus folgenden Aufgaben abzuleiten. Er ist kreativ und visionär, aber mit hohem Realitätsbezug und ›Bodenhaftung‹.

Vielleicht können Sie sich an Steve Jobs’ Apple-interne Vorstellung der ›Smartphone‹-Technologie erinnern, die meiner Ansicht nach alle dieser Eigenschaften eines charismatischen Unternehmensführers in vollem Maße erfüllt haben.

Mit diesen Ausführungen möchte ich auf die Eingangsfrage zurückkommen: Ausstrahlung und damit Charisma ist sicherlich etwas, das mit Talent einhergeht. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass jeder seine Ausstrahlung und damit auch das Maß an Charisma verbessern kann.

Allerdings müssen wir uns mit der Frage auseinandersetzen, wie wir tatsächlich auf andere wirken, und nicht nur wie wir glauben, auf andere zu wirken. Meiner Meinung nach sind nur sehr wenige Menschen in der Lage, sich wirklich so selbstkritisch zu sehen, dass Eigen- und Fremdbild getrennt werden können. Wahrscheinlich würden in vielen Fällen persönliche Berater, sogenannte ›Perso-Coaches‹ helfen, aber wer gibt schon gerne von sich aus zu, nicht in der Lage zu sein, hinreichend selbstkritisch zu sein?

Freilich sollte dies nicht wie in Negativbeispielen aus der Politik dazu führen, dass wir nur noch Meinungsumfragen und Kundenzufriedenheitsstatistiken hinterherlaufen, denn Authentizität gehört nach meiner Überzeugung genauso zu einer charismatischen Person und dies bedeutet das Festhalten und Stärken von Grundüberzeugungen, auch wenn es mal nicht ›Mainstream‹ ist.

In der Hoffnung, Sie vielleicht ein bisschen zum Nachdenken gebracht zu haben, verbleibe ich mit den besten Wünschen

Ihr

Wolfram Volk

Erschienen in Ausgabe: 05/2016