Brauchen wir längere Arbeitszeiten?

Arbeitgeber Präsident (BDA) Dr. Dieter Hundt „Die Flexibilität ist entscheidend“ und DGB-Chef Michael Sommer „Statt längerer Arbeitszeiten brauchen wir höhere Löhne“ exklusiv in bbr zu den möglichen Konsequenzen.

27. Februar 2006

PRO: Wenn wir in Deutschland mehr Wachstum und Beschäftigung erreichen wollen, müssen wir wieder mehr leisten, und das heißt, wir müssen auch mehr arbeiten. Der durchschnittliche Vollzeitbeschäftigte arbeitet heute gut 15 Prozent weniger als 1970. Damit liegt Deutschland im internationalen Vergleich ganz weit hinten. Das können wir uns nicht länger erlauben. Das Argument der Gewerkschaften, in anderen Ländern sei die Produktivität wesentlich niedriger als bei uns und kürzere Arbeitszeiten in Deutschland wären damit zu rechtfertigen, ist nicht haltbar. Nicht nur in Osteuropa - wo die Produktivität stark steigt -wird länger gearbeitet. Auch in der Schweiz wird jedes Jahr rund 250 Stunden mehr gearbeitet als in der westdeutschen Industrie. Dreh- und Angelpunkt bei der Ausgestaltung der zukünftigen Arbeitszeit ist nicht die Rückkehr zur generellen starren 40- oder 42-Stunden-Woche für alle. Das hilft uns nicht weiter. Vielmehr ist Flexibilität das entschei­dende Stichwort. Die Betriebe müssen die Möglichkeit erhalten, je nach Bedarf und Auslastungslage die Arbeitszeit individuell nach oben oder unten anzupassen - mit und ohne Lohnausgleich. Wir brauchen deshalb flexible Arbeitszeitregelungen in den Tarifverträgen mit betrieblichen Öffnungsklauseln und Arbeitszeitkorridoren. Auf diese Weise können die Unternehmen mit der Auftragslage atmen und dauerhaft sichere Arbeitsplätze bereitstellen.

Dr. Dieter Hundt

CONTRA: Rund fünf Millionen Menschen in unserem Land suchen vergebens Arbeit. Da lässt es sich leicht ausrechnen, was eine Verlängerung der Arbeitszeiten bewirken würde: Arbeit würde noch knapper, die Arbeitslosigkeit würde steigen. Ohnehin ist es eine Mär, dass die Deutschen zu wenig arbeiten. Die normale Arbeitszeit liegt mit 39,9 Stunden im europäischen Durchschnitt. Zudem gibt es in kaum ei­nem anderen industrialisierten Land dermaßen flexible Gestaltungsmöglichkeiten für Arbeitszeiten. Davon abgesehen kommt es weniger auf die Arbeitszeiten an als auf die Lohnstückkosten. Die steigen in Deutschland im ­Gegensatz zu anderen europäischen Ländern seit Jahren erheblich weniger. Die deutschen Arbeitgeber haben keinen Grund zur Klage. Im Gegenteil: Wie kommt es sonst, dass Deutschland Exportweltmeister ist? Das Hauptproblem der Wirtschaft ist vielmehr die schwache Binnennachfrage. Und dieses Problem würde durch eine Verlängerung der Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich verschärft. Löhne sind ja nicht nur Kosten sondern auch Einkommen und Nachfrage. Weniger Einkommen bedeutet weniger Nachfrage, geringere Produktion und sinkende Beschäftigung. Die Arbeitgeber sollten daher aufhören, den Standort schlecht zu reden und dadurch auch schlechter zu machen. Die Menschen müs­sen stattdessen motiviert und qualifiziert werden. Statt längerer Arbeitszeiten brauchen wir höhere Löhne.

Michael Sommer

Erschienen in Ausgabe: 02/2006