Brauchen Investitionsgüter eigentlich Design?

Industriedesign heute: Globalisierung und exzellente Kommunikationstechnologien machen Know-how-Transfer und Nachbau heute weltweit höchst einfach. Der Kampf um Marktanteile gelingt auch durch gutes Design.

23. März 2005
Die »Impress«-Pressenbaureihe von Dieffenbacher setzt auf Komfort und Übersichtlichkeit.
Bild 1: Brauchen Investitionsgüter eigentlich Design? (Die »Impress«-Pressenbaureihe von Dieffenbacher setzt auf Komfort und Übersichtlichkeit.)

Der deutsche Maschinen- und Anlagenbau hat sich seine Position durch solide Ingenieurarbeit, gepaart mit ausgereifter Technik, erobert und war lange ein Selbstläufer auf dem Weltmarkt. Heute muß auch die Investitionsgüterindustrie gegen den Verlust von Marktanteilen kämpfen. Design wird dabei immer mehr zum wesentlichen Wettbewerbsvorteil. Die Kopie ist die höchste Ehrerbietung, die ein Produkt erfahren kann, glaubt man in China. Was für den einen Wertschätzung bedeutet, ist für den anderen ein fol-genschwerer Verlust. Betroffen sind längst nicht mehr nur Low-Tech-Güter.

Gnadenloser Verdrängungswettbewerb

Globalisierung und exzellente Kommunikationstechnologien machen Know-how-Transfer und Nachbau heute weltweit so einfach wie früher den Blick über den Gartenzaun des Nachbarn. Die Folge ist ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb. Länder mit einem Wohlstands- und Lohnniveau wie Deutschland haben es dabei schwer.

Weil wir im Preiskampf verlieren, sollten wir uns auf Stärken, wie Erfahrung und Gefühl für Qualität im Detail besinnen, sagt Hans-Werner Mattis. Der Industriedesigner trägt mit seiner Arbeit seit 20 Jahren dazu bei, daß Konsum- und Investitionsgüter sich vom Wettbewerb deutlich und vorteilhaft unterscheiden. Intelligente Anpassung von Technik an den Menschen und an betriebswirtschaftliche Erfordernisse sind dabei entscheidender als das Aussehen. Ästhetik, Styling und Image sind die Charakteristika, die Designern spontan zugestanden werden. Eigentlich sind Parameter wie Ergonomie, Anthropometrie, Funktionalität, Innovation, Herstellbarkeit und Kosteneffizienz die bedeutsameren Bestandteile seriöser Designarbeit.

Das Darmstädter Entwicklungsteam »Design.Mattis« beginnt seine Projekte mit Wettbewerbsuntersuchungen, nimmt vorhandene Produkte unter die Lupe, recherchiert technologische Entwicklungen und Materialinnovationen, führt Funktions- und Gebrauchsstudien durch und verbindet die so gewonnenen Erkenntnisse mit der strategischen Ausrichtung des Auftraggebers. Nach dieser Analysephase beginnt der eher kurze Kreativprozeß. Die Ergebnisse dieser Konzeption werden gemeinsam mit Marketing- und Produktionsleitung des Kunden bewertet. Die favorisierte Idee wird präzisiert und im Detail ausgearbeitet. Ab dieser Phase greifen dann die erfahrungs- und bildungsbasierten Qualitäten, die nicht so leicht kopierbar sind. Die Designer denken in Funktions- und Herstellungsabläufen, optimieren den Gebrauch und geben dem Produkt ein passendes Erscheinungsbild.

»...-verkauft sich schlecht«

Ihr Wissen um konstruktions- und produktionstechnologische Zusammenhänge, menschliche Parameter, formale Gestaltungsprinzipien, Anzeichen- und Geltungsfunktion sowie Farb- und Verhaltenspsychologie versetzt Industriedesigner in die Lage die Entwicklung zukunftsfähiger Produkte maßgeblich zu unterstützen. Die Ergebnisse sind: geringere Kosten durch Verkürzungen von Umrüst- und Wartungszeiten, verminderte Fehlbelastungen und Ausfallzeiten beim Benutzer/Bediener, verbesserte Arbeitssicherheit und Motivation, aufmerksamkeitsstarke Marktpräsentation und last, but not least Stolz und Spaß bei der Vertriebsmannschaft. Denn der Slogan von Raimund Loewy »Häßlichkeit verkauft sich schlecht« aus den 50ern ist heute zutreffender denn je.

Design bei der Fluggepäcküberwachung

Vergleichbare technische Qualität differenziert sich über den Preis oder eben über das Design. Zahlreiche Referenzen und Auszeichnungen belegen die Richtigkeit der Behauptungen von Hans-Werner Mattis. Beispielsweise das Fluggepäck der Olympiateilnehmer und

-besucher von Athen 2004 wurde von einem Röntgensicherheitssystem kontrolliert, welches »Design.Mattis« für den Wiesbadener Hersteller Smith Heimann gestaltet hat. Zur Überwachung von Fluggepäck waren bis vor vier Jahren viele unterschiedliche Komponenten notwendig, wie etwa Durchleuchteinheit, Laufband, Sichtgeräte und andere. Mit der Proline-Serie entstand in enger Zusammenarbeit mit den Sicherheitsexperten des Auftraggebers ein komplettes System bis hin zum integrierten ergonomischen Arbeitsplatz für das Serviceteam am Flughafen. Es bewährt sich inzwischen weltweit in der Praxis. Der Großauftrag aus Griechenland war nur ein weiterer Beweis für die Marktführerschaft des Systems.

Im letzten Jahr gestalteten Hans-Werner Mattis und sein Team eine Presse für das in Baden-Württemberg ansässige Unternehmen Dieffenbacher.

Durchdachte Pressen

Die Pressenbaureihe »Impress« besteht aus Standardmodulen, deren Ausführung sich nach den kundenspezifischen Wünschen in bezug auf Kraft, Tischgröße, Einbauraum und Stößelhub richtet. Durch vielfältige Optionen wie zum Beispiel Ziehkissen, Schnittschlagdämpfer oder Parallelhaltung wird höchste Flexibilität ermöglicht. Bei der Bedienung legten Designer und Auftraggeber großen Wert auf Komfort und gute Übersichtlichkeit. Mit ihrer neuartigen Kombination von Kraft, Ergonomie, Funktionalität und Design setzt die Baureihe Standards für Pressensysteme der Zukunft.

»Unsere Stärke liegt im Blick für Qualität im Detail. Die Asiaten schätzen Produkte made in Germany gerade deswegen«, weiß Hans Werner Mattis zu berichten.

Blick für deutsche Wertarbeit

Im letzten Monat absolvierte eine Industriedesignerin aus den Philippinen ein Praktikum in seinem Büro. Sie war im Rahmen eines von »inWent«, internationale Weiterbildungs- und Entwicklungs- GmbH, initiierten Austauschs nach Darmstadt gekommen. Das Fortbildungsprogramm »Innovationsmanagement in der Produktentwicklung« für junge Betriebswirte, Ingenieure und Industriedesigner aus den Philippinen, Thailand und Vietnam lief im November 2004 aus. Das Projekt förderte den praxisorientierten Erfahrungsaustausch. Die Darmstädter haben viel über Wirtschaft und Kultur auf den Philippinen gelernt, und die junge Frau konnte ihren Blick für das Besondere an deutscher Wertarbeit schulen. Hans Werner Mattis ist allerdings zuversichtlich, noch einige Jahre den Asiaten in punkto Design eine Nasenlänge voraus zu sein. 20 Jahre Erfahrung lassen sich nicht in ein paar Wochen nachholen.

Evelin Voigt-Eggert

Erschienen in Ausgabe: 01/2005